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Transaktionen

Die doppelte Zeitenwende

Nachrichten aus der Chemie, September 2022, S. 36-37, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Während die chemische Industrie auf dem grünen Transitionspfad beschleunigen muss, sieht sie sich nun zudem durch geopolitische Probleme wie die Invasion der Ukraine durch Russland herausgefordert.

Kaum schien die Pandemie ihren Schrecken zu verlieren, ziehen wieder dunkle Wolken auf. Nicht nur die hohe Inflation und Lieferengpässe bei zahlreichen Produkten belasten die chemische Industrie. Auch und vor allem die Invasion der Ukraine durch Russland ruft Schockwellen an den weltweiten Kapitalmärkten hervor. Insbesondere die Chemieindustrie, die auf den Handel zwischen rohstoff- und industriereichen Länder angewiesen ist, hat dies in den ersten beiden Quartalen 2022 fühlen müssen, mit Auswirkungen auf die Transaktionsdynamik. Das Jahr 2021 war ein Rekordjahr für Fusionen und Übernahmen in der Chemieindustrie. Die Plattform Mergermarket meldete 501 Transaktionen in der Chemieindustrie weltweit im Jahr 2021, aber nur 201 Deals im ersten Halbjahr 2022. Zu diesen 201 können auch Transaktionen gehören, die als Überhänge aus dem vorigen Jahr gerechnet werden müssen.

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Abbildung: Guillaume Le Bloas / Adobe Stock

Eine Rückkehr zur Normalität

Nach den teils hohen Bewertungen vieler Unternehmen an den Börsen haben im ersten Halbjahr 2022 weltweit die Kurse deutlich nachgegeben (Grafik). Auch hat sich das Finanzierungsumfeld eingetrübt – angesichts höherer Zinssätze und der Erwartung, dass die internationalen Zentralbanken die Geldpolitik weiter straffen werden.

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Entwicklung des MSCI World Chemicals über die ersten beiden Quartale. Der Aktienindex umfasst die weltweit größten Chemieunternehmen und misst deren Performance in ihrer jeweiligen Landeswährung, was Währungseinflüsse reduziert.

Als weitere Folge haben es die in den vergangenen Jahren beliebten Spacs nun auch schwerer. Ein Spac (special purpose acquisition company) ist eine Zweck- oder Mantelgesellschaft, die als Unternehmenszweck private Unternehmen aufkaufen will und sich selber vorher als Holding an die Börse bringt. Diese Entwicklung muss man jedoch vor dem Hintergrund der zwölf Jahre Niedrigzinspolitik betrachten und dem damit einhergehenden Aufschwung (Hausse), insbesondere im ersten Halbjahr 2021.

Viele Marktteilnehmer gehen nun von einer Rückkehr zu einer Bewertung aus, die eher durch Ertragskraft und Wettbewerbsfähigkeit als durch die von den Notenbanken initiierte Liquiditätsschwemme geprägt ist. Finanzinvestoren werden immer wichtiger. Allen voran haben es die erfolgserprobten großen Finanzinvestoren (Large Cap) geschafft, frisches Kapital für immer größere neue Fonds von ihren Investoren einzuwerben – oft von großen Versicherungsgesellschaften oder Pensionsfonds. So legte die Private-Equity-Firma Advent International im April 2022 ihren bisher größten Fonds, GPE X, auf: 25 Milliarden US-Dollar Volumen, 40 Prozent mehr als ihr bisher größter (GPE, 17,5 Mrd. US-Dollar).

Die eingeworbenen Fondsgelder müssen schnell in aussichtsreiche Unternehmensübernahmen investiert werden. Die aktuelle Situation kann durchaus günstige Einstiegschancen für Finanzinvestoren bieten.

Kriege und Handelskriege

Eine der größten Veränderungen, auf die sich die Chemieindustrie einstellen musste, ist das gesunkene Volumen an Öl und Gas sowie darauf beruhender Wertschöpfungsströme – bedingt durch den Angriff der Russischen Föderation auf die Ukraine im Februar. Damit einhergehend stiegen die Preise so stark und schnell wie selten zuvor. Dieser Angriff darf zurecht als Zeitenwende aufgefasst werden. Er wurde von der Völkergemeinschaft mit schärfsten Sanktionen gegen Russland beantwortet.

Doch auch die anhaltenden Spannungen zwischen den westlichen Staaten und der Volksrepublik China verursachen Sorgenfalten bei westlichen Abnehmern dieser Rohstoffe. Ende Dezember 2021 schloss das thailändische Unternehmen PTT Global Chemical die Übernahme des deutschen Herstellers von Lackharzen Allnex für zirka 4 Milliarden Euro ab. Das malaysische Staatsunternehmen Petronas erwarb im Mai den Oxochemikalien-Anbieter Perstorp aus Schweden für zirka 2,3 Milliarden Euro.

Die offensichtliche Abhängigkeit westlicher Abnehmer von russischen fossilen Rohstoffen lässt eine erhöhte Transaktionsaktivität in diesem Bereich erwarten – zwischen der westlichen Staatengemeinschaft und neuen Zweckbündnispartnern. Auch dürften Anlagen für Basis- und Petrochemie innerhalb der westlichen Staaten wieder an Attraktivität gewinnen, um künftig generell weniger abhängig von anderen Staaten zu sein.

Dekarbonisierung und grüne Chemie

Ein anhaltender Trend ist der Wandel zu biobasierten Chemikalien und nachhaltigen Energieformen. Einige Unternehmen wie die niederländische DSM und die britische Croda haben sich beispielsweise dafür entschieden, sich ausschließlich auf nachhaltige Materialien und weniger zyklische Geschäftsbereiche zu konzentrieren. Sie wollen sich von ihren Industriechemikalien-Aktivitäten trennen.

DSM verkaufte im Juni daher die Hochleistungsmaterialsparte an Lanxess und Private-Equity-Investor Advent International für 3,85 Millionen Euro.

Ebenfalls bedingt durch den Wandel von fossilen zu grünen Chemikalien sehen sich internationale IOCs (international oil company) motiviert, weiter in den höhermargigen Downstreambereich zu investieren.

Noch deutlicher wird der Wandel zu einer nachhaltigeren Wirtschaft am Beispiel des finnisches Holzriesen UPM, der in Leuna eine Bioraffinerie zur Produktion von Lignin und Alkoholen aus 100 Prozent regionalem Buchenholz ansiedelte und dafür 550 Millionen Euro investierte.

Ein Übergangsjahr

Nach den Transaktionsrekorden der vergangenen Jahre scheint es nicht überraschend, dass sich das Jahr 2022 zu einem Übergangsjahr entwickelt. Die Koinzidenz mehrerer belastender Faktoren (geopolitisch wie makroökonomisch) verunsichert die Transaktionsteilnehmer zunehmend. Dies senkte die Transaktionszahl im ersten Halbjahr.

Allerdings dürften die nach wie vor hohe Liquiditätsversorgung und die damit für Investitionen zur Verfügung stehenden Gelder die negativen Faktoren mildern. Denn schließlich bieten Übergangsjahre Chancen für Investoren, vergleichsweise günstig einzusteigen.

Die Autoren

Den Beitrag haben der promovierte Chemiker und Kaufmann Bernd Schneider (oben) sowie Lukas Immanuel Holz verfasst. Schneider ist Global Co-Head of Chemicals und Managing Director bei der Stifel Europe Bank in der Niederlassung Frankfurt. Holz ist Master of Science in Finance und Mitarbeiter im Global Chemicals Team bei Stifel in Frankfurt.https://media.graphassets.com/1qyvvxB1QvW7FhqbWGfhhttps://media.graphassets.com/UQld9zhGTXmKzHbgBiDn

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