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Studium im Krieg

„In der Ukraine ist es nirgendwo sicher“

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Als die russische Armee Ende Februar die Ukraine überfiel, nahm die Universität Gießen 18 Chemiestudentinnen auf. Zwei von ihnen sind Viktoria Kuzminska und Yuliia Kurtash.

Viktoria Kuzminska würde nichts lieber tun, als in die Ukraine zurückzukehren. „Das ist meine Heimat, dort waren meine Freunde, dort sind mein Freund und meine Familie, das alles ist verloren.“

Bis zum 24. Februar haben Yuliia Kurtash und Viktoria Kuzminska Chemie an der Nationalen Technischen Universität, Polytechnisches Institut, in Kyjiw studiert. Kuzminska hatte ihr Bachelorstudium fast beendet, Kurtash war im dritten Studienjahr, als Russland den Krieg gegen die Ukraine begann und die Universitäten den Lehrbetrieb aussetzten.

In Gießen statt in Kyjiw: Viktoria Kuzminska (links) und Yuliia Kurtash. Foto: Frauke Zbikowski

Viktoria Kuzminska wollte eigentlich in Kyjiw bleiben und abwarten, bis sich die Lage beruhigt. Ihre Mutter wurde nervös und beschwor sie, nach Hause zu kommen. Als die Studentin schließlich die ukrainische Hauptstadt verließ, waren „die Straßen voller Soldaten, Sirenen heulten, Hubschrauber kreisten über der Stadt, Menschen gerieten in Panik.“

Sandsäcke verbarrikadieren in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw die Eingänge der U-Bahnstation Universität (Foto vom 25. Juli 2022). dpa picture alliance, Christophe Gateau

Eine Perspektive

Zu Hause, in einer Kleinstadt in der Nähe von Dnipro in der Zentralukraine, musste Kuzminska einsehen, dass es für sie dort keine Perspektive gab: keine Ausbildung, keine Arbeit. Die Universitäten in der Ukraine haben aus Sicherheitsgründen auf Distanzunterricht umgestellt, Experimentalausbildung im Labor ist zu gefährlich.

„Ich sehe mich aber als Chemikerin und möchte weiter lernen“, sagt Kuzminska. Außerdem sei es in der Ukraine nirgendwo sicher, denn die russische Armee bombardiert zivile Ziele. „Ihre Raketen kommen überall hin.“ In der Ukraine waren bereits Anfang April an die 400 Bildungseinrichtungen durch Bombenangriffe oder Artilleriebeschuss beschädigt oder zerstört, vor allem in Kyjiw, Tschernihiw, Sumy, Charkiw, Saporischschja, Cherson, Donetzk, Lugansk und Odesa.

Über eine Freundin, die bereits den Master abgeschlossen hatte, erfuhr Kuzminska, dass die Universität Gießen inzwischen nicht mehr nur Absolventen, sondern auch Studierenden aus der Ukraine Plätze anbietet. Sie bewarb sich und hatte innerhalb weniger Tage die Zusage, als Austauschstudentin ans Institut für Physikalische Chemie zu gehen, in die Arbeitsgruppe von Bernd Smarsly. Seit Anfang Juni arbeitet sie in einem seiner Labore für einen Doktoranden, der Polymere erforscht, und bereitet sich auf ihr Masterstudium vor.

Nur für ein paar Monate

Die Laborplätze für die Chemiestudentinnen aus der Ukraine haben Peter Schreiner und Richard Göttlich organisiert, beide Professoren am Institut für Organische Chemie. So können die Geflüchteten bei Forschungsprojekten mitarbeiten, die zu ihrem fachlichen Profil passen. Die Kooperation zwischen der Chemie an der Universität Gießen und dem Kyjiwer Polytechnischen Institut besteht, seit Schreiner im Jahr 2002 nach Gießen berufen wurde. Ein Austauschabkommen existiert seit dem Jahr 2009.

Fachlich ist Yuliia Kurtash der Einstieg in die Laborarbeit in Gießen leicht gefallen. Sie befasst sich mit Biokatalyse in der organischen Synthese, ihr Laborplatz ist bei der ukrainischen Gastwissenschaftlerin Tetiana Zhuk in der Arbeitsgruppe von Holger Zorn, Institut für Lebensmittelchemie. In den Forschungsgruppen mit ihren internationalen Mitgliedern und Englisch als Arbeitssprache sei es einfach, sich zu verständigen. Schwieriger war es für Kurtash, sich in Deutschland zurecht zu finden, auch wenn sie bereits Laborplatz und Wohnheimzimmer hatte. Der Kriegsausbruch hatte sie verstört. „Ich war deprimiert und fühlte mich alleine“, sagt sie. Sprache und Mentalität der Deutschen waren ihr fremd. „Wenn Du Hilfe brauchst, darfst Du nicht schüchtern sein.“

Yuliia Kurtash verließ Kyjiw am Tag des Kriegsausbruchs. Sie stand 20 Stunden im Stau, bis sie in ihrem Heimatort in der Nähe der ungarischen Grenze ankam. Einer ihrer Dozenten informierte sie über das Angebot, als Austauschstudentin nach Gießen zu gehen. Sie überlegte nicht lange, sondern dachte, „ich gehe für ein paar Monate nach Deutschland und kehre dann in die Ukraine zurück“ – in der Annahme, der Krieg wäre schnell vorbei. „Wir glauben alle, dass der Krieg bald vorbei ist“, sagt Viktoria Kuzminska, „anders halten wir es nicht aus.“

Ein fernes Ziel

Yuliia Kurtash würde am liebsten bis zum Bachelorabschluss in Deutschland bleiben und hofft, dass sie die Chance bekommt, das Studium in Gießen und Kyjiw parallel zu absolvieren. Dem stehen im Moment ihre fehlenden Deutschkenntnisse entgegen, die für das Bachelorstudium in Gießen zwingend sind. Jeden Abend nach der Uni besucht sie für mehrere Stunden einen Deutsch-Intensivkurs, ebenso wie Viktoria Kuzminska. Sie hat es geschafft, von Gießen aus alle Formalitäten zu erledigen, und hält nun ihr Bachelorzeugnis in den Händen. Dabei geholfen haben ihr Freunde, die noch in Kyjiw geblieben waren. „Zuverlässige Helfer zu finden, war ein Problem“, berichtet sie. Durch die Ausgangssperren sei es kaum zu schaffen, sich neben der Arbeit um die Dinge des täglichen Bedarfs zu kümmern, von Behördengängen ganz zu schweigen.

Das Masterstudium könnte Kuzminska auf Englisch absolvieren. Aber um das Studium zu finanzieren, müsste sie arbeiten, und dafür brauche sie Deutsch.

Brain Drain

An der Justus-Liebig-Universität waren im Sommersemester insgesamt etwa 270 Studierende aus der Ukraine eingeschrieben, ein Teil von ihnen, vor allem Männer, ist digital zugeschaltet.

Genaue Zahlen, wie viele Studierende und wie viele Wissenschaftler:innen geflohen sind, existieren laut Jevhenija Polischtschuk vom Young Scientist‘s Council im Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Ukraine nicht. Sie schätzt, dass etwa 20 Prozent der Nachwuchswissenschaftler:innen die Ukraine verlassen haben -- fast ausschließlich Frauen, da junge Männer ja nur dann ausreisen dürfen, wenn sie behindert oder zu krank sind, um der Landesverteidigung zu dienen. Viele Wissenschaftler versuchen, an Forschungseinrichtungen im Westen der Ukraine weiterzuarbeiten, was diese Polischtschuks Einschätzung nach stark unter Druck setzt. Zudem haben Bildung und Forschung in der Ukraine im Moment keine Priorität. „Wenn der Krieg vorbei ist,“ sagt Polischtschuk, „brauchen wir aber all die Wissenschaftler.“

Viktoria Kuzminska geht davon aus, dass 80 Prozent ihrer Mitstudentinnen das Land verlassen haben. Ihre männlichen Kommilitonen versuchten zu arbeiten, engagierten sich freiwillig in der humanitären Hilfe oder in der Landesverteidigung. Von Yuliias Kurtashs Freundinnen lebt zurzeit keine mehr in der Ukraine. „Sie sind in Ungarn, in der Slowakei, in Israel, in Österreich, meine Schwester ist in Großbritannien.“ Sie kennt zwei Studentinnen, die in Polen ihr Studium fortsetzen. Die meisten lebten allerdings als Flüchtlinge. An einer Universität aufgenommen zu werden, sei außergewöhnlich.

Orts- und Eigennamen stehen hier in der Umschrift aus dem Ukrainischen. Nachrichten-Redakteurin Frauke Zbikowski traf die beiden Chemiestudentinnen in Gießen. Das Gespräch vermittelte Boryslav Tkachenko, der selbst aus der Ukraine stammt. Er kam nach seiner Promotion in Kyjiw im Jahr 2003 an die Universität Gießen und forscht dort an Diamantoiden.

Bildung + GesellschaftSchlaglichtthema: Chemie in Europa

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