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„Wissenschaft war ein Werkzeug der Vertrauensbildung“

Nachrichten aus der Chemie, September 2026, S. 20-23, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Die deutsch-israelische Forschungskooperation ist außergewöhnlich eng und erfolgreich. Der Chemiker Helmut Schwarz über ihre Anfänge, ihre Bedeutung heute und die Frage, warum Israel ein so außergewöhnlich forschungsstarkes Land ist.

Deutschland und Israel verbindet eine schreckliche gemeinsame Vergangenheit – das Verbrechen der Shoah, das Deutschland an den Juden begangen hat. Nach Gründung der Bundesrepublik war gerade die Wissenschaft ein wichtiger Ausgangspunkt für die Annäherung zwischen Deutschland und Israel. Warum war das so?

HS Man muss zurückschauen und an die Rolle deutscher Juden in der Kultur und Wissenschaft bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts denken. Ihr Beitrag war entscheidend für die einzigartige Position, die Deutschland in der Wissenschaft weltweit einnahm. Vielleicht war dies auch die Überlegung einzelner Personen Anfang der 1950er-Jahre: Zwar konnte man nicht an diese Tradition anknüpfen – das Band war endgültig zerrissen –, aber man konnte Wissenschaft nutzen, um Vertrauen zu bilden. Es waren einzelne Wissenschaftler, die diese Idee vorantrugen, etwa Amos de-Shalit und Gerhard Schmidt vom Weizmann-Institut in Israel oder Wolfgang Gentner, Direktor am MPI für Kernphysik in Heidelberg. Sie sorgten dafür, dass langsam ein Bewusstsein dafür entstand, wie man durch wissenschaftliche Zusammenarbeit – unter Ausklammerung all der moralischen, juristischen und politischen Aspekte – einen Anfang schaffen könnte.

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Die Hebräische Universität Jerusalem – nach dem Technion in Haifa die zweitälteste Universität Israels – ist Standort mehrerer Minerva-Zentren zur Förderung des Wissenschaftsaustauschs zwischen Deutschland und Israel und somit ein Leuchtturm für die Forschungskooperation beider Länder. Foto: Wagner / Adobe Stock

Sowohl in Deutschland als auch in Israel war es damals unvorstellbar, sofort diplomatische Beziehungen aufzunehmen.

HS Ja, aber vermittelt durch Josef Cohn, Präsident des Weizmann-Komitees in Europa mit Sitz in Zürich und enger Vertrauter Konrad Adenauers, kam es dann zu einer offiziellen Einladung des Weizmann-Instituts an deutsche Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft. Sie sollten nach Israel kommen, um auszuloten, ob auf Basis wissenschaftlicher Zusammenarbeit ein Anfang möglich wäre. Diese Delegation reiste im Dezember 1959 nach Israel. Daraus entstand letztlich die Idee, innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft die Minerva-Stiftung einzurichten.

Später griffen andere Institutionen diese Entwicklung auf, etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit der German-Israeli Foundation (GIF) und der Deutsch-Israelischen Projektkooperation (DIP).

HS Aus zunächst punktueller Grundlagenforschung ist so ein weitgespanntes Netzwerk entstanden. Aber vor allem die Minerva-Stiftung hat mit ihren Programmen, Forschungszentren, Stipendien für Doktoranden und Postdoktoranden sowie Graduiertenschulen Außerordentliches geleistet. Sie ist bis heute – bei allen Verdiensten vieler anderer Einrichtungen – das Flaggschiff der Zusammenarbeit.

Bevor die Minerva-Stiftung 1962 entstand, kamen aber schon Israelis nach Deutschland.

HS In der Tat. Zum Beispiel Israel Pecht, ein Physikochemiker: Er kam 1960 vom Weizmann-Institut zu Manfred Eigen nach Göttingen. Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte von Eva Shachor-Landau: eine junge Juristin aus Jerusalem, deren Familie von den Nazis ermordet oder vertrieben worden war. Gefördert von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung kam sie 1958 als Postdoktorandin für internationales Recht nach Frankfurt. Man muss sich das einmal vorstellen: Eine junge Frau aus Jerusalem kommt an den Ort dieser Vergangenheit.

Viele aus Europa stammende Israelis sagten in den 1950er- und 1960er-Jahren verständlicherweise: Mit Deutschland wollen wir nichts mehr zu tun haben. Aber warum kam von deutscher Seite, also von den großen Wissenschaftsorganisationen, Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen, kaum eine offizielle Entschuldigung oder wenigstens Anerkennung, dass Deutschland seine jüdischen Forscher ins Exil – und Schlimmeres – getrieben hatte?

HS Später ist das schon geschehen. Hubert Markl hat dies in seiner Zeit als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft bei verschiedenen Anlässen sehr ausdrücklich getan. Auch Wolfgang Frühwald war als DFG-Präsident in dieser Hinsicht sehr klar. Auch die Humboldt-Stiftung hat sich über viele Jahre hinweg darum bemüht, den Kontakt zu Israel zu stärken. Dahinter stand immer das Bewusstsein: Es gibt eine Schuld, die man nicht leugnen kann. Nicht die heute Lebenden tragen diese Schuld, aber wir tragen eine Verantwortung, der wir uns nicht entziehen dürfen.

Sie waren in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 125-mal in Israel. Welche Rolle spielt die Erinnerung an die Shoah heute noch?

HS Bei meinen ersten Besuchen – so ab dem Jahr 1977 – war sie noch sehr präsent. Ich habe allerdings nie Vorbehalte gespürt, im Gegenteil. Es konnte sogar passieren, dass ich zu hohen jüdischen Feiertagen wie Pessach oder Jom Kippur zu den Familienfesten eingeladen wurde. Ich erinnere mich an einen Menschen, der mit seiner Mutter anderthalb Jahre in Polen in einem Kellerloch überlebt hatte, während der Rest der Familie ermordet worden war. Er hätte nie einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt, lud mich aber zu sich nach Hause ein und sprach plötzlich sogar einige Worte Deutsch mit mir. Das hat mich tief beeindruckt. Die Shoah war damals also noch sehr präsent, auch bei vielen Kollegen, die nach Israel gingen. Aber in den vergangenen 20 oder 30 Jahren ist das deutlich zurückgegangen. Das unmittelbare Wissen von dieser Geschichte wird in wenigen Jahren nicht mehr vorhanden sein. Für junge Menschen ist diese Vergangenheit fast schon so weit entfernt wie der Dreißigjährige Krieg. Deshalb müssen andere Elemente hinzukommen.

Welche sind das? Was ist eigentlich das Besondere an Israel, dass ein so kleines Land so forschungsstark ist?

HS Das habe ich mich auch oft gefragt. Ich glaube, mehrere Faktoren spielen eine Rolle. Erstens: das Bekenntnis zum Lernen, Lernen, Lernen. Dazu kommt eine enorme Neugier, Neues anzufangen, und die Bereitschaft, dafür hart zu arbeiten. In Israel kann nicht jeder einfach studieren. Es gibt dort ein sehr strenges Auswahlsystem. Wer ans Technion will – eine der Elite-Universitäten des Landes in Haifa –, muss ein anspruchsvolles Verfahren durchlaufen. Wenn man Israelis das deutsche Universitätssystem erklärt, fragen sie oft verwundert, wie es sein kann, dass bei uns jemand an einer Kunst- oder Musikhochschule seine Eignung nachweisen muss, diese aber bei Mathematik, Physik oder Jura egal ist. Das ist in Israel ganz anders. Hinzu kommen Qualitätsbewusstsein, Exzellenzbewusstsein und eine große Offenheit für Außenseiter und ungewöhnliche Ideen. Vieles geht schief, aber dieses Risiko nimmt man in Kauf.

Es ist also die Mischung aus Risikobereitschaft, Neugier und Qualitätsanspruch, die Israel in der Forschung eine Spitzenposition gebracht hat?

HS Ganz genau. Diese Spitzenposition spiegeln auch die Zahlen der Humboldt-Stiftung. Es gibt dort nicht nur viele israelische Postdoktoranden, sondern auch rund 150 Humboldt-Preisträger aus Israel. Wenn man berücksichtigt, wie klein das Land ist, dann ist das mit Abstand die höchste Dichte an Humboldt-Preisträgern weltweit.

Wir sollten die Kooperation mit Israel also nicht nur aus Respekt vor der Vergangenheit fortsetzen, sondern aus schierem Eigeninteresse?

HS Mein eigenes Forscherleben ist auch eine Erfolgsgeschichte der Zusammenarbeit mit israelischen Partnern. Ich habe selten so viel gelernt wie in Israel. Meine Zusammenarbeit mit Zvi Rappoport oder Yitzhak Apeloig in der physikalischen organischen Chemie war für mich eine echte Lehrstunde. Gleiches gilt für die Arbeit mit Chava Lifshitz zum Ergodentheorem oder später mit Sason Shaik zur Zwei-Zustands-Reaktivität, einem neuen Paradigma chemischer Reaktivität.

Ähnlich wie Sie loben viele deutsche Forscherinnen und Forscher die Zusammenarbeit mit israelischen Partnern. Wie ist es umgekehrt? Kann die deutsche Forschungslandschaft auch Israelis etwas bieten?

HS Wir müssen uns da gar nicht verstecken. Auch an deutschen Universitäten gibt es nach wie vor Spitzenforscher, nicht nur in der Max-Planck-Gesellschaft. Dass Einrichtungen wie die Helmholtz-Gemeinschaft oder die Max-Planck-Gesellschaft in den vergangenen Jahren Büros in Tel Aviv oder Jerusalem eingerichtet haben, ist Ausdruck dessen, dass man einerseits an das anknüpfen will, was in Israel vorhanden ist, und andererseits in Israel für Deutschland als Wissenschaftsstandort wirbt.

Aber es stimmt doch auch, dass viele junge Israelis ihre Postdoc-Zeit lieber in den USA als in Deutschland verbringen?

HS Das hat verschiedene Gründe: die Sprache, die Kinderbetreuung, die woanders sehr viel besser organisiert ist als bei uns, und sicher auch das Vorurteil, dass jemand vom MIT per se besser sei als alle anderen. Aber die Max-Planck-Gesellschaft hat keinerlei Probleme, ihre jährlich etwa 70 Stipendien an Israelis zu vergeben. Allerdings machen die Entwicklungen seit dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober mit all ihren Folgen – auch in Deutschland, mit schrecklichen antiisraelischen und antijüdischen Ausfällen und Angriffen – Deutschland nicht gerade zu einem besonders attraktiven Ort für Israelis. Wenn jemand in Berlin nicht mit der Kippa auf die Straße gehen kann, weil er sich dadurch gefährdet fühlt, dann ist das natürlich kein Pluspunkt.

„Wie haltet ihr es mit Israel?“ Das ist so etwas wie eine moderne Gretchenfrage. Wie offen muss Wissenschaft sein und politische Fragen ansprechen?

HS Ich habe während meiner vielen Aufenthalte in Israel nie Probleme gehabt, mit Israelis auch über die verfehlte Politik der eigenen Regierung zu sprechen, über das, was die Siedler im Westjordanland an Unheil anrichten. Ich habe deshalb kein Verständnis dafür, dass akademische Einrichtungen ins Visier der BDS-Bewegung geraten.

BDS steht für Boycott, Divestment and Sanctions, und diese international organisierte Bewegung will durch Boykotte die israelische Regierung zu einer anderen Politik bewegen.

HS Ich halte diese Forderung für kontraproduktiv. Ein Boykott trifft jene Menschen in Israel, die zu den liberalsten Kräften des Landes gehören. Sie finden sich besonders im akademischen Bereich. Viele derjenigen, die in Tel Aviv und Jerusalem die Massendemonstrationen gegen die Regierung der vergangenen Jahre mitorganisiert haben, stammen aus genau diesen Kreisen. Wissenschaft basiert auf Zusammenarbeit, Zusammenarbeit auf Vertrauen, und Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass man gemeinsam auch in Zukunft etwas aufbauen kann. All das würde durch Boykotte zerstört.

Kann die deutsch-israelische Wissenschaftskooperation als Modell für Vertrauensbildung dienen, etwa in der israelisch-arabischen Konfliktkonstellation?

HS Durchaus. Die DFG brachte etwa das Projekt trilaterale Beziehungen auf den Weg, in dem Israelis, Deutsche und Araber zusammenarbeiteten. Selbst in der Zeit der Intifada, also dem palästinensischen Aufstand gegen die Besatzung, hat dieses Instrument funktioniert, auch wenn man sich dann nicht in Israel traf, sondern auf neutralem Boden. Heute existiert das Programm als Nahostinitiative der DFG weiter. Im Kulturbereich kann man an das West-Eastern Divan Orchestra denken, im weiteren Sinne auch an Initiativen wie die der Martin-Buber-Gesellschaft, die den Dialog zwischen Israelis, Deutschen und Arabern fördert, oder die wunderbare Zusammenarbeit der beiden Akademien in Jerusalem und Berlin in den Geisteswissenschaften. Die deutsch-jüdische Geschichte der vergangenen 65 Jahre zeigt, dass dort, wo die Politik in den ersten 15 Jahren nach dem Ende der Nazi-Barbarei nicht in der Lage war, gemeinsam etwas zu tun, die Wissenschaft zu einem Werkzeug der Vertrauensbildung geworden ist.

Wie ist die Stimmung in der israelischen Wissenschaft, wenn man auf die Weltlage schaut – nicht nur im Nahen Osten, sondern insgesamt? Da kann einem doch manchmal angst und bange werden.

HS In der Tat. Ich war vor Kurzem einige Tage in Jerusalem und an anderen Orten in Israel. Man macht sich große Sorgen. Die Zahl der Postdoktoranden ist dramatisch zurückgegangen; ein Kollege sagte mir, er bekomme heute kaum noch Postdocs aus Europa. Die Boykottbewegung – verstärkt durch soziale Netzwerke – führt dazu, dass viele junge Menschen davor zurückschrecken, am Weizmann-Institut – etwa an der wunderbaren Feinberg-Graduiertenschule – zu promovieren oder in Israel ihre Postdoc-Zeit zu verbringen. Mit Sorge beobachtet man auch, dass die Erfolgsquote bei ERC-Anträgen, bei denen Israel neben der Schweiz traditionell besonders erfolgreich war, im vergangenen Jahr eingebrochen ist. Ist die Qualität der Anträge plötzlich so viel schlechter geworden? Der Verdacht liegt nahe, dass hier politische Faktoren und die Wirkung der Boykottbewegung eine Rolle spielen.

Wie blicken Sie auf die nächsten Jahre?

HS Ich bin ein Optimist, weil ich die Menschen in Israel kennen und lieben gelernt habe. Es gibt einen wunderbaren Satz von Dante Alighieri aus der Zeit der Pest in Europa, also aus einer Zeit des Schreckens schlimmster Art. Er schrieb in sein Tagebuch: „Eines Tages werden die Sterne wieder leuchten.“ So ist es auch hier.

Mit Helmut Schwarz sprach Nachrichten- Chefredakteur Christian Remenyi.

Zur Person: Helmut Schwarz

Helmut Schwarz wurde 1978 auf eine Professur für Theorie und Praxis der Massenspektrometrie an die TU Berlin berufen. Von 1983 bis 2022 hatte er hier die Professur für Organische Chemie inne. Neben seiner richtungsweisenden Forschung hat sich Helmut Schwarz für die Stärkung der akademischen Institutionen in Deutschland und darüber hinaus eingesetzt. Er war Gründungsmitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und von 1998 bis 2003 deren Vizepräsident. Von 2001 bis 2007 war er Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und von 2008 bis 2018 Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen trat jüngst der Wolf-Preis. Die Wolf-Stiftung zeichnet damit Wissenschaftler und Künstler weltweit für ihre herausragenden Leistungen bei der Förderung von Wissenschaft und Kunst zum Wohle der Menschheit aus. Überreicht wurde ihm der Preis am 18. Juni 2026 in Jerusalem. Foto: Wolf Foundation, Tel Avivhttps://eu-central-1.graphassets.com/Aype6X9u2QGewIgZKbFflz/cmtgpv2ij6vqf07uqg5t6sg1m

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