Gesellschaft Deutscher Chemiker

Meinungsbeitrag

Wissenschaft ist global

Nachrichten aus der Chemie, September 2026, Seite 3, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, gibt an, dass auf der Welt etwa 9 Millionen Forschende arbeiten. Darunter sind knapp 10 % Chemiker. In den G20-Ländern arbeiten 89 % aller Wissenschaftler, ihnen stehen 93 % der weltweiten Forschungsausgaben zur Verfügung und sie produzieren 91 % aller Publikationen. Etwa 65 % aller Forschenden sind alleine in China und den USA tätig. Der Nature Index (Ausgabe 2025) listet die führenden Forschungsnationen über alle Disziplinen hinweg in der Reihenfolge China, USA, Deutschland, Vereinigtes Königreich und Japan; in der Chemie tauschen die letzten beiden Nationen die Plätze.

Diese wenigen Zahlen zeigen, dass es zwei große Nationen gibt: China und die USA; China hat seit einigen Jahren die USA deutlich als Wissenschaftsnation Nummer 1 abgelöst. Es folgen als mittlere Nationen Japan und Länder aus der EU, während der Rest der Welt nur etwa 15 % zur globalen Wissenschaft beiträgt. Im Globalen Süden hat man die Bedeutung der Wissenschaft für die Zukunft erkannt. Auffallend ist dort das Engagement in der KI-Forschung, wo man sich Teilhabe an den Gewinnen dieser Entwicklung verspricht. Die Dynamik dieser Länder sollte uns hinsichtlich unseres Status als Wissenschaftsnation besorgt machen.

Deutschlands dritter Platz ist tendenziell gefährdet, da unsere Leistung in der Spitzenforschung zurückgeht. Positiv für unser Land wirkt sich das massive staatliche Engagement für Forschung in der Breite vieler Disziplinen aus – mit dem Ziel, neue Technologien zu entwickeln.

Dieser Ansatz ist so attraktiv, dass Deutschland in der internationalen Zusammenarbeit auch mit den großen Nationen einen Spitzenplatz einnimmt. Die Durchdringung der deutschen Forschungslandschaft mit internationalen Talenten auf breiter Front zeigt, dass wir aus Sicht der Welt ein attraktives Ökosystem „Wissenschaft und Forschung“ betreiben.

Gute Wissenschaft beginnt mit der Spitzenleistung Einzelner. Die personenbezogene Förderung, wie sie etwa die Alexander-von-Humboldt-Stiftung mit Tandems deutscher und internationaler Spitzenforschender betreibt, ist dafür ein entscheidender Baustein. Exzellente Leistung und ihr langfristiger Nutzen werden durch die Freiheit der Forschenden ermöglicht. Internationalität ist dabei eine unabdingbare Eigenschaft guter Forschung. Erkenntnisgewinn braucht kritisches Hinterfragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln; besonders das Zusammenarbeiten Forschender mit verschiedenen Hintergründen vor Ort ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Verschlechtern sich diese Bedingungen, leidet die Qualität der Wissenschaft.

Gerade die Chemie bei uns kann sich das nicht leisten. Wissenschaft wie Industrie stehen vor Herausforderungen, die mit bloßen geografischen Verlagerungen nicht zu bekämpfen sind. Die nötige „neue Chemie“ gelingt nur durch breite internationale Zusammenarbeit. Sie muss Rohstoffwandel, erneuerbare Energieträger sowie militärische und ökonomische Resilienz bewältigen. Ohne Diversität in den Disziplinen sowie bei den Menschen wird das nicht gelingen. Werben wir für unsere Freiheit und gewährleisten wir die Sicherheit unserer gemeinsamen Forschungsleistungen durch geschicktere Maßnahmen als durch Abschottung. So nutzen wir unsere Position in der Welt für kreative Lösungen durch international vernetzte Wissenschaft.

Prof. Robert Schlögl ist Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung.https://eu-central-1.graphassets.com/Aype6X9u2QGewIgZKbFflz/cmtin5rj8lwcg07ulclj57tbhFoto: Humboldt-Stiftung / David Ausserhofer

LeitartikelSchlaglicht Forschen in der Fremde

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