On February 24, 2022, Olesia Kulyk woke to the sound of explosions. Within hours, she and her husband left Kharkiv. Eighteen months later, after a research stay abroad and with her thoughts constantly drawn to Ukraine and her family, Olesia return...
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„Man sollte vor allem die eigenen Werte kennen“
Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Andere Länder, andere Sitten – das trifft auch in der Wissenschaft zu. Wie kann man trotz unterschiedlicher Kulturen und Herkünfte gut miteinander umgehen? Dazu Ideen von Marie-Julie Jacquemot, von der internationalen DAAD-Akademie zertifizierte Trainerin für interkulturelle Qualifizierung an Hochschulen.
Wie definieren Sie Kultur?
MJ Es gibt sehr viele Definitionen von Kultur und Kulturen. Für mich persönlich ist Kultur alles, was Menschen prägt: Nationalkultur, Arbeitskultur, Familienkultur, aber auch das Studium, das lehrt, auf eine bestimmte Art und Weise zu denken. Kultur ist alles, was im eigenen, individuellen Rucksack ist.
Was würden Sie sagen: Wie unterscheidet sich die deutsche Kultur von anderen Kulturen?
MJ Es kommt darauf an, über welche deutsche Kultur man redet. Ich mag das nicht so gerne, aber es gibt die Nationalkultur. Da reduziert man auf Klischees, zum Beispiel Pünktlichkeit. An Klischees ist immer auch etwas Wahres dran. Aber nur, weil es die Nationalkultur und das Klischee gibt, heißt das nicht, dass jede:r Einzelne in Deutschland das verkörpert. Es gibt ein schönes Modell, den Wertestern (Abbildung). Da sind Werte mit ihrem Gegenteil durch Linien verbunden. Und jeder Mensch ist aufgrund seiner Prägung an irgendeinem Punkt auf dieser Linie, das darf man nicht verallgemeinern.
Was raten Sie Menschen, die in ein anderes Land gehen, um zu forschen oder zu arbeiten, zur Vorbereitung?
MJ Man sollte vor allem seine eigenen Werte kennen: Bin ich jemand, der Hierarchien mag oder nicht? Jemand, der Aufgaben einzeln nach und nach abarbeitet, oder bin ich eher der Typ für Multitasking? Und ich muss mir darüber klar sein, ob ich einen Spagat machen will zwischen eigenen Werten und dem gegebenen Rahmen.
Wie kann ich denn erfahren, wie der Rahmen vor Ort ist?
MJ Mit Menschen sprechen, die sich genau in dem Rahmen bewegen, in dem man selbst forschen oder arbeiten will. Netzwerken ist da unglaublich wichtig, auch um Klischees zu brechen, – und ja über das Internet einfach, zum Beispiel bei Linkedin. Einfach eine Person anschreiben, die genau in der Position arbeitet oder an dem Institut in der Arbeitsgruppe forscht, in die ich will, und um ein Telefonat oder ein Kaffeetrinken bitten. Ich habe bisher noch nie eine negative Antwort auf solche Fragen bekommen. Die meisten Menschen erzählen ja gerne darüber, was sie tun.
Speziell an Universitäten gibt es ja oft international bunt zusammengesetzte Gruppen, in denen jede:r ganz andere Werte und Kulturerfahrungen mitbringt. Wie kann man da am besten miteinander umgehen?
MJ Man sollte schauen, wer da aufeinandertrifft: Wer kommt aus welcher Art Lehr- und Lernkultur? Oft sind auch die Hierarchieerfahrungen sehr unterschiedlich; in asiatischen Ländern ist die Hierarchie an Universitäten besonders stark, also zwischen Professor:innen und Doktorand:innen oder Studierenden. In den USA, in England und auch in Deutschland ist die Hierarchie natürlich auch da, aber viel weniger ausgeprägt; da kann man auch als Studierende:r mal mit einem Prof einen Kaffee trinken gehen und über ein Paper reden. Und das Bewusstsein für diese Unterschiede zu haben ist hilfreich – das stärkt man zum Beispiel bei Workshops zu interkultureller Kompetenz. Da gibt es viele Übungen zu den verschiedenen Lehr- und Lernerfahrungen. Das soll jetzt keine Werbung für mich sein (lacht).
Und wenn man in bestimmten Situationen trotzdem nicht versteht, wie der oder die Andere handelt?
MJ Dann hilft: fragen. Oft geht man davon aus, dass das, was man kennt, „normal“ ist und dass das alle so kennen. Aber das ist nicht so.
Was würden Sie sagen: Welche Skills sind für ausländische Forschende in Deutschland besonders wichtig?
MJ Oh. (überlegt) Also vor allem Durchhaltevermögen. Denn das Wissenschaftssystem, wie es hier ist, bringt viele Hürden mit sich, zum Beispiel das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Und ich finde, Deutsch zu sprechen hilft – wenn man an einer Uni arbeitet oder studiert vor allem für die Verwaltungsgänge. Und sich vernetzen, selbst wenn man nicht so der Typ dafür ist. Es hilft sehr, zu merken, dass man nicht alleine ist.
Und was können wir in Deutschland tun, um ausländischen Forschenden das Einleben zu erleichtern?
MJ Es gibt sehr viele Menschen an den Unis und Forschungsinstituten, die sich um die Internationalen kümmern, zum Beispiel Verwaltungsangestellte. Diese Menschen sind extrem wichtig, weil sie die ersten Ansprechpartner:innen der Internationalen sind. Gerade für diese Menschen ist das Bewusstsein für interkulturelle Unterschiede wichtig – das haben sie natürlich auch oft. Damit man ein gutes Team ist und beide Seiten gut zusammenarbeiten, braucht es Verständnis von beiden Seiten und keine Reduktion auf Nationalkultur, Klischees oder ähnliches.
Mit der Politikwissenschaftlerin Marie-Julie Jacquemot sprach Nachrichten-Redakteurin Eliza Leusmann. Jacquemot ist hauptberuflich Referentin für EU- und internationale Angelegenheiten bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bau und Wohnen in Berlin. Zudem ist sie freiberufliche Beraterin und Trainerin für interkulturelle Kompetenzen. Sie bietet Schulungen an, beispielsweise zu den Themen Europäische Hochschulallianzen, Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt, Arbeit und Empowerment mit internationalen Studierenden und Mitarbeitenden. Am 25. September gibt sie einen Online-Workshop zu Intercultural Skills für ausländische Studierende – Infos unter t1p.de/uei1a
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