Artikel
Wirtschaftschemie studieren
Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Karrieren an der Schnittstelle: Drei Wirtschaftschemieabsolvent:innen berichten, welche Lehrinhalte für sie besonders wertvoll waren, wie das Studium sie aufs Berufsleben vorbereitet hat und wie es Brücken zwischen Disziplinen baut.
Marina Sebastian (Foto rechts) ist Projektmanagerin beim Leverkusener Unternehmen Covestro. Sie entwickelt neue Techniken für die Kreislaufwirtschaft und bewertet, wie nachhaltig globale Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind. Sie hat ihr Bachelorstudium der Chemie an der Universität Köln absolviert und anschließend einen Master in Wirtschaftschemie an der Universität Münster gemacht.
„Nicht isoliert an der Uni, sondern in Industrienähe“
„BWL einem Chemiker beizubringen ist einfach; Chemie einem BWLer beizubringen nahezu unmöglich.“ Dieser Satz meines damaligen Institutsleiters blieb mir nach der ersten Vorlesung im Kopf. Während des Studiums wurde mir immer klarer, wie zutreffend er ist. Um Betriebswirtschaft auf die Naturwissenschaft Chemie anzuwenden, braucht es nicht nur ein Grundverständnis chemischer Zusammenhänge, sondern auch die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse unternehmerisch sinnvoll zu strukturieren, priorisieren, organisieren und nutzen.
Im Masterstudium Wirtschaftschemie an der Universität Münster fand ich dafür die richtige Kombination: eine betriebswirtschaftliche Ausbildung, bei der Chemie und Wissenschaft nicht auf der Strecke bleiben. Denn ich wollte mir vorstellen können, wie später mein Berufsleben in der Chemieindustrie aussehen könnte und ob mir das Spaß macht. Das Studium findet nicht isoliert an der Uni statt, sondern in Industrienähe. Fallstudien mit Industriepartnern waren für mich mit Abstand am prägendsten. Dabei habe ich gelernt, wie Unternehmen Abläufe steuern und wie wirtschaftlicher Wert aus Chemie entsteht – wie sich Forschungsergebnisse auf Produkte, Prozesse, Lieferketten und Märkte auswirken.
In Modulen wie Innovationsmanagement und Entrepreneurship wird Wirtschaftschemie greifbar, weil man lernt, wie sich Erfindungen in Produkte übersetzen, sich Innovationen priorisieren, bewerben und marktfähig machen lassen. Reale Fallstudien von Unternehmen waren praxisnah und verständlicher als abstrakte theoretische Modelle – das gab mir das Gefühl, dass das Studium zukunftsorientiert gebaut ist.
Der wichtigste Unterschied zum klassischen Chemiestudium ist für mich genau diese industrienahe Lehrweise. Der Studiengang schafft Brücken statt Distanz. Praktika sind ausdrücklich erwünscht, wenn auch nicht fest im Lehrplan enthalten. Industrieerfahrung ist wesentlicher Bestandteil: Unternehmensbesuche mit Fallstudien, Alumnitreffen, die Karrierewege zeigen, Praktika und Masterarbeiten im Industrieumfeld. Das zukünftige Arbeitsleben bleibt damit keine Black Box.
Nach dem Abschluss gibt es viele Optionen: direkter Berufseinstieg, Promotion, Transfer- und Schnittstellenrollen. Über Praktikum und Masterarbeit in der chemischen Industrie bin ich direkt nach dem Studium als Projektleiterin im Innovationsbereich eingestiegen. Heute merke ich täglich, wie wertvoll die Kombination aus betriebswirtschaftlichem und chemischem Grundverständnis ist. Gerade im Projektmanagement erleichtert dies, mit Expert:innen unterschiedlicher Disziplinen zu arbeiten – und zwischen ihnen zu vermitteln. Wirtschaftschemie schult, zu übersetzen: wissenschaftliche in Stakeholder-spezifische Sprache – ohne Informationsverlust.
Nadja Gutekunst (Foto rechts) ist Sustainability Expert beim Unternehmen CHT Group in Tübingen. Sie beschäftigt sich mit Wassermanagement und bewertet Umweltauswirkungen von Produkten und Prozessen über deren gesamte Lebensdauer. Sie hat ihren Bachelor- und Masterabschluss in Wirtschaftschemie an der Universität Ulm gemacht. Im Jahr 2025 erhielt sie den Studienpreis Wirtschaftschemie der GDCh-Fachgruppe Vereinigung für Chemie und Wirtschaft.
„Denkweisen beider Disziplinen verinnerlichen“
„Wirtschaft und Chemie, wie passt das denn zusammen?“ Eine typische Reaktion meiner Gesprächspartner:innen, wenn ich erzählt habe, dass ich Wirtschaftschemie studiere – ein bisher eher unpopulärer Studiengang. Noch irritierter waren manche meiner Gegenüber, wenn ich erwähnte, dass ich mich in Richtung nachhaltige Unternehmensführung und grüne Chemie spezialisiere. Nachhaltigkeit und Chemie passten für viele überhaupt nicht zusammen.
Dabei sind gerade für nachhaltige Lösungen in unserer Gesellschaft sowohl Chemie als auch Wirtschaft wichtig, und die beiden Disziplinen müssen dafür zusammenkommen. Zugegebenermaßen ist die Schnittmenge – der Use Case der Kombination – zumindest im Grundstudium der Uni Ulm nicht direkt und intuitiv erkennbar. Es werden zunächst die Grundlagen beider Fächer gelehrt. Rückblickend ist das entscheidend, um Eigenheiten der Chemieindustrie einordnen zu können und die Denkweisen beider Seiten zu verinnerlichen. So lassen sich etwa Herstellprozesse in der Chemie nicht einfach anhalten und linear beschleunigen oder skalieren, um sie wirtschaftlicher zu machen. Denn Chemie unterliegt thermodynamischen und kinetischen Gesetzen, die sich nicht aushebeln lassen.
Die Schnittmenge beider Disziplinen erschloss sich mir im Masterstudium, vor allem beim Thema Nachhaltigkeit. Das Masterstudium bot mehr Freiheit als das Bachelorstudium, den eigenen Interessen nachzugehen. Ich habe zum Beispiel ein Auslandssemester an der Universität Göteborg in Schweden gemacht, wo das Thema Nachhaltigkeit selbstverständlicher in die Lehre integriert ist als in Deutschland – auch in Vorlesungen, bei denen das gar nicht das Hauptthema ist. Ich habe eine Polymerchemie-Vorlesung besucht, in der Nachhaltigkeitsaspekte wie Ressourceneffizienz und Recycling selbstverständlich dazu gehörten. Zudem gab es eine ganze Vorlesung zu grüner Chemie als integrierten Teil des Chemiestudiums.
Während des Studiums habe ich beobachtet: Die Denkweisen, Interessen und Persönlichkeiten von Chemiker:innen und Wirtschaftswissenschaftler:innen unterscheiden sich, und beide haben Vorurteile gegenüber den jeweils anderen. Da mich dies so beschäftigt hat, habe ich als Projektarbeit eine Interviewstudie zu interdisziplinärerer Zusammenarbeit in Unternehmen durchgeführt. Das Ergebnis: Kaum jemand – nur etwa eine von 17 befragten Personen – sprach ausschließlich positiv über die jeweils andere Disziplin, und über die Hälfte empfand interdisziplinäre Zusammenarbeit als herausfordernd oder hatte schon erlebt, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit gescheitert ist. Ergebnisse ließen sich dann nicht zusammenführen, Projekte dauerten unverhältnismäßig lange oder lieferten nicht die erhofften Ergebnisse. Spannend war: Alle sahen interdisziplinäre Zusammenarbeit trotz der Herausforderungen als Schlüssel zu unternehmerischem Erfolg.
Deswegen brauchen wir Studiengänge wie die Wirtschaftschemie, die Arbeitnehmer:innen hervorbringen, die Brücken zwischen Disziplinen bauen. Diese Fähigkeit hat auch mir in meinem ersten Jahr nach Berufseinstieg geholfen: Ich habe ein großes internationales Projekt geleitet, um die neue Abteilung „Sustainability and Regulatory Affairs“ in einem großen Chemieunternehmen zu organisieren und in die Unternehmensstruktur einzubetten. Die Probleme, die unsere Gesellschaft und Unternehmen derzeit haben, sind komplex und vielschichtig: etwa nachhaltige chemische Lösungen entwickeln und marktfähig machen, digitalisieren und automatisieren – nicht nur, um chemische Prozesse zu optimieren, sondern auch, um beispielsweise den Fachkräftemangel auszugleichen. Solche Aufgaben lassen sich nur interdisziplinär lösen.
Thorsten Bergmann (Foto rechts) ist Senior Business Strategy Consultant im Bereich Mobilität bei einer Tochtergesellschaft eines großen deutschen Konzerns. Vorher promovierte er an der Universität Münster zu den Möglichkeiten und Grenzen eines Start-up-Accelerators für neue Unternehmen in der Prozessindustrie. Er hat einen Bachelor- und Masterabschluss in Wirtschaftschemie von der Hochschule Fresenius in Idstein beziehungsweise der Universität Münster.
„Abhängigkeiten zwischen Industrien verstehen“
Welche Kompetenzen und Erfahrungen aus dem Wirtschaftschemiestudium helfen mir im Berufsleben? Zunächst kann ich Daten auswerten, hinterfragen und interpretieren – wichtig für meinen derzeitigen Job als interner Berater und Projektleiter in der Mobilitätsbranche, bei dem ich Daten, etwa zur Marktentwicklung, einordnen muss. Die Mischung aus wirtschaftswissenschaftlichen und chemischen Lehrinhalten hilft mir zudem heute, Zusammenhänge und Abhängigkeiten zwischen Industrien zu verstehen, verschiedene Perspektiven einzunehmen und zwischen Stakeholdern zu vermitteln.
Die Studienpraktika im Labor waren anspruchsvoll, sowohl beim Vorbereiten und Durchführen als auch beim Auswerten. Ein ganzer Tag in einem Labor voller Studierender ist lang, laut und erfordert Konzentration, um die Versuche fehlerfrei durchzuführen. Nicht alles funktioniert auf Anhieb. Das stärkt Ausdauer, Resilienz und schafft eine hohe Frustrationstoleranz – Eigenschaften, die mir heute helfen, Projekte langfristig zu verfolgen und voranzutreiben.
Teamarbeit gehörte im Studium im Labor und auch in Gruppenarbeiten sowie Fallstudien für betriebswirtschaftliche Seminare dazu. Ich musste mit verschiedenen Charakteren auskommen und lernte, schnell zu erkennen, wer was besonders gut kann – eine gute Vorbereitung für meinen Job, bei dem ich täglich mit divers und interdisziplinär aufgestellten Teams arbeite. Dabei heißt es auch über den Tellerrand schauen. Etwas, das ich während des Wirtschaftschemiestudiums gelernt habe: Im Bachelorstudium an der Hochschule Fresenius gab es die Option, die Bachelorarbeit im Ausland zu schreiben. Ich tat das beim Unternehmen BASF in Barcelona in englischer Sprache. Im Masterstudium an der Uni Münster habe ich freiwillig ein Auslandssemester an der Universität Sevilla absolviert und als Junior-Referent für europäische Forschungs- und Innovationspolitik im Brüsseler Büro des Unternehmens Evonik gearbeitet.
An der Hochschule Fresenius und der Uni Münster gab es neben den Veranstaltungen, die im Studienplan vorgesehen waren, häufig Vorträge von Alumni oder Unternehmen, die Berufe und Werdegänge nach dem Studium vorstellten, etwa in der Chemie-, Pharma-, Prozess- oder Finanzindustrie, der Mobilitätsbranche oder der Analytik bei der Polizei. Ich habe solche Veranstaltungen und auch Vorträge aus anderen Fachbereichen regelmäßig besucht und mir so ein Netzwerk aufgebaut. Darüber bin ich zum Beispiel in die Vereinigung für Chemie und Wirtschaft (VCW) der GDCh gekommen. Über einen Kontakt, den ich bei einer der Tagungen der VCW getroffen habe, ist dann meine Tätigkeit bei Evonik in Brüssel zustande gekommen.
Seit dem Bachelorstudium wollte ich bereits in der Wirtschaftschemie promovieren, um wissenschaftliche Fragen mit Praxisbezug zu bearbeiten. Während meiner Promotion habe ich unter anderem in einem großen europäischen Start-up-Programm mitgearbeitet und untersucht, wie wirksam Start-up-Acceleratoren beim Gründen und Weiterentwickeln neuer Unternehmen in der Prozessindustrie sind. Dadurch habe ich viele Gründer:innen und neue Geschäftsmodelle kennengelernt. Viele Erfahrungen aus dieser Zeit helfen mir noch heute bei meiner Arbeit.
Überprüfung Ihres Anmeldestatus ...
Wenn Sie ein registrierter Benutzer sind, zeigen wir in Kürze den vollständigen Artikel.