Gesellschaft Deutscher Chemiker

Meinungsbeitrag

Von Eiern und Inseln

Nachrichten aus der Chemie, Oktober 2026, Seite 89, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Manche Wahrheiten überleben Jahrhunderte, weil niemand sie nachmisst. In Gullivers Reisen führen die Inseln Liliput und Blefuscu Krieg darüber, an welchem Ende ein Ei aufzuschlagen ist. In unseren Physik-Erstsemester-Einführungen herrscht ein ähnlich fester Glaube: Beim Eier-Fall-Wettbewerb – Ei in Strohhalme verpacken, aus dem Fenster werfen, hoffen – gehört das Ei senkrecht in die Konstruktion, mit der Spitze nach unten. Denn hochkant sei es am stärksten, wie ein Bogen. Und schon Robert Hooke, bekannt durch das Hookesche Gesetz, wusste: „Wie die Kette hängt, so steht der Bogen.“

Eine Gruppe um Tal Cohen am MIT hat das untersucht1) – mit über 200 Eiern, Größe L. Aufbau: 60 Stück zwischen die Platten einer Universalprüfmaschine, langsam zusammendrücken, Kraft aufzeichnen. Ergebnis: 46,0 ± 6,6 N hochkant, 45,2 ± 5,5 N quer. Praktisch identisch – die Bruchkraft schert sich nicht um die Orientierung.

Der Unterschied steckt im Weg. Quer liegende Eier verformen sich bis zum Bruch um 0,213 mm, hochkant nur um 0,161 mm. Hochkant, also längs, ist das Ei also etwas steifer. Die Fläche unter der Kraft-Weg-Kurve ist dafür quer um etwa 30 Prozent größer. Und we

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