Gesellschaft Deutscher Chemiker

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Verantwortungsvoll forschen

Nachrichten aus der Chemie, Januar 2026, S. 40-41, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Im April 2025 gründete die Freie Universität Berlin das Center for Sustainable Resources (CSR Berlin) als Dach für Nachhaltigkeitsprojekte. Derzeit finanziert die Universität das Zentrum, künftig soll es auch eigene Mittel einwerben. Wobei das CSR Berlin Forschende unterstützt, erklärt Susanne Stein, dessen wissenschaftliche Koordinatorin.

Nachrichten aus der Chemie: Welchen Mehrwert bietet das CSR Berlin den Forschenden?

Susanne Stein: Wir konzentrieren uns darauf, den Kreislaufgedanken schon beim Konzipieren der Projekte zu berücksichtigen, unterstützen die Forschenden beim Vernetzen mit anderen Disziplinen.

Welche Aktivitäten bündelt das CSR Berlin aktuell?

Projekte in der anorganischen Chemie zu einer nachhaltigen Chlorwirtschaft (Kasten) und in der organischen Chemie zu biobasierten Polymeren, die unter anderem PFAS und Medikamentenrückstände aus Wasser entfernen könnten; Forschung zu Bitumenersatzstoffen aus Lignin oder zum Rückgewinnen Seltener Erden aus Elektroschrott und Gesteinshalden von Minen.

Wie wollen Sie die verschiedenen Projekte unter einen Hut bekommen?

Wir möchten die Beteiligten stärker untereinander, mit anderen Disziplinen und Partnerinnen und Partnern außerhalb der Universitäten vernetzen. Kollegen und Kolleginnen aus den Wirtschaftswissenschaften unterstützen uns dabei. Ziel ist, Projekte von Anfang an verantwortungsvoll zu planen.

Was meinen Sie mit „verantwortungsvoll“?

Wer beispielsweise an neuen chemischen Synthesen oder Stoffen arbeitet, kann kaum absehen, wie sich diese auf die Gesellschaft auswirken, welche Konflikte wann bei der Anwendung auftreten und wie sie sich überwinden lassen. Das von Anfang an mitzudenken, ist nicht einfach, aber wichtig – und lässt die Zukunft weniger abstrakt erscheinen.

Und das zeigt, wer noch ins Team gehört.

Ja, es zeigt, wo Personen aus anderen Disziplinen oder der Industrie dazukommen sollten, etwa weil man Praxiserfahrungen braucht. Auch die Politik- und Sozialwissenschaften einzubinden ist wichtig, um Akzeptanzproblemen vorzubeugen und zu überlegen, wie politische Entscheidungen Forschungsinhalte beeinflussen.

Sind die Forschenden bereit, die eigene Blase zu verlassen?

Die meisten verstehen, dass sie sich öffnen müssen, zumal sich auch die Förderlandschaft entsprechend entwickelt. Es erfordert aber Geduld, denn die einzelnen Disziplinen haben ihre eigene Sprache und Arbeitskultur. Wir diskutieren viel über Begriffe. Das ist zwar mühsam, aber unumgänglich, um sich zu verständigen.

Sind Sie Chemikerin?

Nein, ich bin Geografin. Vielleicht habe ich deswegen diese Position bekommen, als Brückenbauerin zwischen den Disziplinen. Dazu bringe ich noch meinen umweltwissenschaftlichen Hintergrund ein, zum Beispiel wenn es um ökologische Folgenabschätzungen geht.

Ionische Flüssigkeiten: Für eine nachhaltige Chlorwirtschaft

Die Schweizer Werner-Siemens-Stiftung fördert ein Forschungsvorhaben von Sebastian Hasenstab-Riedel, Professor für Anorganische Chemie an der FU Berlin und Sprecher des Center for Sustainable Resources, in den nächsten zehn Jahren mit insgesamt 18 Millionen Euro. Das Team um Hasenstab-Riedel hat basierend auf ionischen Flüssigkeiten ein Verfahren entwickelt, um Chlor sicherer sowie energiesparender zu lagern und transportieren. Ein bei Raumtemperatur flüssiges Ammoniumsalz nimmt Chlorgas auf und gibt es bei Bedarf wieder ab.https://eu-central-1.graphassets.com/Aype6X9u2QGewIgZKbFflz/cmjwedkljbrn407uvtgv3tiwmSyntheseprodukte aus dem Projekt zur nachhaltigen Chlorwirtschaft (Kasten): die ionischen Flüssigkeiten Bichlorid (farblos) und Trichlorid (gelblich) sowie das unbeladene Ammoniumsalz als Speichermedium für Chlorgas.

Gemeinsam mit dem organischen Chemiker Rainer Haag, dem Mineralogen Timm John (beide FU Berlin) und dem Elektrochemiker Siegfried R. Waldvogel vom Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion will Hasenstab-Riedel jetzt weitere Anwendungen für ionische Flüssigkeiten entwickeln und eine nachhaltige Chlor-Ökonomie entwerfen. Wird Chlor mit erneuerbarem Strom gewonnen – per Chloralkalielektrolyse –, könnte die ionische Flüssigkeit als Energiespeicher dienen, der das Stromnetz stabilisiert. Zudem denken die Forschenden darüber nach, die ionische Flüssigkeit einzusetzen, um Trinkwasser in Katastrophengebieten oder schlecht erschlossenen Regionen zu entkeimen. In Recyclingprozessen könnte sie helfen, wertvolle Metalle aus Elektroschrott zu extrahieren.

Foto: Susanne Stein

Die Autorin

Zum Center for Sustainable Resources Berlin recherchierte Uta Neubauer, promovierte Chemikerin und freie Wissenschaftsjournalistin.

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