Als Claude Mahon versuchte, Sonnencremeflecken von ihrem T-Shirt mit Bleichmittel zu entfernen, färbten sich die Flecken rot. Claude ist Chemikerin, die unte...
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Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Passt das Mikroskopiebild nicht zum Narrativ, kopieren und retuschieren Fälscher, und manche Abbildungen in Fachartikeln verkommen zu Collagen. Was dem entgegensetzt wird, berichten Ulf Scheffler vom Wissenschaftsverlag Wiley und die Plagiatsjägerin Elisabeth Bik.
Auf den ersten Blick unterscheiden sich die drei Zellmikroskopiebilder in der Abbildung unten. Doch frühestens beim zweiten Hinsehen wird klar, dass bei den drei verschiedenen Experimenten dieselben Zellen in derselben Orientierung auftauchen. Diese Form des Klonens findet nicht im Labor statt, sondern per Bildmanipulation am Rechner. Und regelmäßig gehen gefälschte Abbildungen in wissenschaftlichen Publikationen Redakteur:innen der Wissenschaftsjournale und Peer-Reviewern durch die Lappen. Andere spüren sie nach der Veröffentlichung auf, darunter die holländische Mikrobiologin und Expertin für Wissenschaftsintegrität Elisabeth Bik.
Seit über zehn Jahren überführt Bik von ihrem Zuhause in San Francisco aus fast täglich Bildretuschen und kann davon leben, da sie Spenden über die Onlineplattform Patreon erhält. Im Jahr 2024 hat sie für ihre Arbeit einen mit 200 000 Euro dotierten Preis für bessere Forschungsqualität von der Einstein-Stiftung Berlin erhalten und diesen in einen Fonds gesteckt, mit dem sie andere Freiwillige unterstützt. Expert:innen wie Bik nennen sich Science Sleuths – Wissenschaftsspürhunde. Bik schätzt, dass etwa zehn Leute in ihrem Feld und fünfzig insgesamt regelmäßig nach manipulierten Bildern sowie gefälschten Texten und Daten suchen.
Ihren Verdacht veröffentlicht Bik meist auf der Internetseite Pubpeer, wo Forschende sich täglich mit Journalartikeln auseinandersetzen, nachdem diese veröffentlicht wurden. Sie ist eine der wenigen auf der Plattform, die dabei ihren Klarnamen nutzt. Die meisten scheuen sich davor; manche fürchten, dass Kritik an teils prominenten Forschenden ihrer Karriere schaden könnte.
Beim GDCh-Journal Angewandte Chemie führte Biks Recherche im November 2025 zur Rücknahme eines Papers von 2014, das sie 2020 bemängelt hatte. Innerhalb des Papers und zwischen dem Paper und einem älteren der Gruppe wurden dieselben Abbildungen kopiert (Abbildung oben). Das Journal ist in High-impact-Gesellschaft: Auf Pubpeer werden auch Publikationen des Verlags Elsevier oder der American Chemical Society hinterfragt, des Plagiarismus und der Manipulationen überführt und anschließend zurückgezogen.
Im Gespräch mit den Nachrichten aus der Chemie sagt Bik, sie habe noch niemanden getroffen, der Fälschungen zugegeben habe: „Jeder hat irgendeine lahme Ausrede, warum diese Pixel plötzlich in dieselbe Position gefallen sind.“ Und die Originaldaten seien häufig auch nicht mehr beschaffbar. Mal habe der Hausmeister den Tiefkühler leergeräumt, das Labor sei geflutet worden und die Laborjournals deshalb unbrauchbar, und einmal hieß es, die Autoren seien bei einem Flugzeugabsturz verunglückt.
Zur Plagiatsjägerin werden
Bik wurde nur zum Science Sleuth, da sie im Jahr 2013 eines Nachmittags dachte: „Schaue ich mir doch mal einen Satz [aus meiner Publikation] an und finde heraus, ob das jemand kopiert hat.“ Dieselben sieben Wörter in derselben Reihenfolge fand sie in einer Publikation, die zwei ihrer Textabschnitte fast exakt übernommen hatte. Daraufhin suchte sie auch nach Textabschnitten, die das Paper aus anderen Quellen plagiiert hatte – fand aber neben der Originalquelle weitere Plagiate. „Es ist wie das Waschbecken zu säubern: Du ziehst ein Haar raus, und es kommen mehr zum Vorschein. Es ist so ein Haarknäuel, und bevor du dich versiehst, hast du zwanzig problematische Paper.“ So begann ihr Hobby als Plagiatsjägerin, das sie ein halbes Jahr später um die Jagd nach Bildmanipulation erweiterte: In einer Doktorarbeit fand sie ein Bild, das gespiegelt wiederverwendet wurde. Heute spürt sie hauptsächlich Bildplagiaten nach.
Die Internetseite Retraction Watch führt eine Liste von 69 524 Artikeln (Stand April 2026), die seit Ende der 2000er Jahre korrigiert oder zurückgezogen wurden oder die die Journal-Redakteur:innen als besorgniserregend ansehen. Bei annähernd 15 % wurden Probleme mit Bildern moniert, etwa die Hälfte davon enthält Duplikate von Bildern oder in Bildern. Das bedeutet nicht, dass die Bildmanipulation allein zur Rücknahme des Papers geführt hat. Unter den 2362 kritisierten Chemieartikeln waren Bilder in jedem fünften Anlass zur Kritik. Chemiepublikationen zeigen häufig eher Schemata als Fotos, die Biochemie ist jedoch oft reich mit Mikroskopie-, SDS-Page- oder Western-Blot-Aufnahmen bebildert: 48 % der Biochemie-Paper der Liste enthielten problematische Abbildungen, über die Hälfte davon waren Duplikate.
Für Bik reichen die Folgen bei Wissenschaftsbetrug nicht: „Wir alle brechen Regeln. Wir fahren zu schnell, und Menschen versuchen, im Sport zu dopen. Es muss Konsequenzen geben, wenn man betrügt … Natürlich werden hin und wieder Artikel zurückgezogen, aber das ist nur ein winziger Bruchteil. Es ist nicht genug und dauert zu lange.“ Da Reviewer von authentischen Daten ausgingen und keinen Blick für gefälschte Daten hätten, sollten alle Verlage Personal einstellen, das sich speziell um Betrugsversuche kümmert. „Um ungefähr 40 % der Paper, die ich vor elf Jahren eingesendet habe, wurde sich noch immer nicht gekümmert.“
Unbewusst manipulieren
Bevor Artikel des Wissenschaftsverlags Wiley zurückgezogen oder korrigiert werden, wandern sie meist über den Tisch von Ulf Scheffler. Er meint, die meisten Probleme mit Bildern seien Missgeschicke. Er leitet das 25 Leute starke Team für Forschungsintegrität und Publikationsethik bei Wiley. Oft geht es bei ihm um Plagiate, Zitationsfehler, manipulierte Daten, oder Forschende fühlten sich um ihre Autor:innenschaft an einem Artikel gebracht. Aber er entscheidet auch, wie mit Bildmanipulationen umzugehen ist, zum Beispiel bei Western-Blots, Histologie-Bildern oder Röntgenmikroskop-Bildern. Spektren liegen zwischen Grafik und Bild: entweder werden die Daten oder die Abbildung manipuliert.
Jene, die mit Absicht fälschen, nennt er Bad Actors; wenn jedoch bei 40 Histologiebildern zweimal dieselbe Datei hochgeladen sei, vermute er eher Versehen als Betrug. Und dann gebe es Fälle, bei denen die Autor:innen keine Ergebnisse vortäuschen wollten, aber trotzdem bewusst manipulierten: zum Beispiel, wenn sie bei einem Western-Blot, also einem Proteinnachweis auf einer Trägermembran, den Hintergrund entfernen, weil sie sich erhoffen, dass hübschere Bilder eher vom Journal akzeptiert würden; oder wenn sie aus alten Zell-Abbildungen die Nummerierung ausschneiden und in die neue Abbildung kopieren – und dabei Zellen aus der alten Abbildung digital in die neuen Abbildungen überschwappen. Die Bad Actors dagegen kopieren, drehen, verzerren, verschmelzen oder entfernen, „was beispielsweise dazu führt, dass Ergebnisse fabriziert werden, wo keine sind.“
Open Science erschwert Fälschen
Zum Aufspüren manipulierter Software nutzt der Verlag Wiley Software, die mit künstlicher Intelligenz (KI) Menschenunmögliches leistet: Sie behält Millionen Abbildungen gleichzeitig im Blick und spielt Duplikate-Memory über Artikel und Journale hinweg. Mit KI lassen sich jedoch mit weniger Mühe als früher Abbildungen generieren, die über Duplikate hinausgehen. Das hat zu Beginn teils seltsame Blüten getrieben – wie bei der pseudowissenschaftlichen Darstellung einer Ratte, die Anfang 2024 im Journal Frontiers in Cell and Developmental Biology (Abbildung S. 57 oben) veröffentlicht wurde. Wie Dresdner Forschende jedoch inzwischen für Mikroskopieaufnahmen von Nanomaterialien gezeigt haben, erzeugt KI Bilder, die Expert:innen nicht mehr von echten Abbildungen unterscheiden können (Abbildung S. 57 unten).
Das Wettrüsten von Bildfälschung per KI und Überführung per KI finde laut Scheffler zwar statt – andere Faktoren seien aber wichtiger. Er finde weniger Manipulationen als früher. Ohnehin lohne es sich nicht, mit KI-Software Graphen anzuschauen, da oft nicht die Abbildungen manipuliert würden, sondern die Daten dahinter. Damit durchzukommen sei aber unabhängig von KI schwieriger geworden. Der Grund dafür ist, dass sich Open Science zunehmend durchsetzt: Forschungsergebnisse wie NMR-Spektren und Rohdaten von Aufnahmen liegen digitalisiert vor und werden leichter zugänglich, um kritisch beäugt zu werden. „Das Interesse ist höher, bessere, besser verfügbare und besser reproduzierbare Daten zu haben. Und das wirkt sich auch auf Bilder aus. Man muss aber die Realität akzeptieren, dass eine clevere Manipulation vielleicht nicht ohne Weiteres zu identifizieren ist.“
Bik ist ähnlicher Meinung. Gefragt, ob die Zahl der gefälschten Bilder sich seit der Einführung von KI verändert hat, meint Bik: „Wir wissen es nicht, weil wir es nicht erkennen. Heute kann man mit KI täuschend echt Gesichter fälschen. Und der Mensch hat ein unglaubliches Talent, Gesichter zu erkennen – Zellen sind demgegenüber viel einfacher zu fälschen.“
Gestrichene Gelder, persönliche Angriffe
Ob der Verlag ein Paper zurückzieht oder nicht, hängt für Scheffler vom Kontext ab. Wenn eine Manipulation offensichtlich beabsichtigt ist, wird auch der Rest des Papers genauer angeschaut, aber: Der Verlag zieht einen Beitrag nur zurück, wenn Bedenken an den Schlussfolgerungen bestehen. Scheffler sagt: „Es ist nicht unser Job, Autoren moralisch zu bewerten. So sehr wir ein Interesse daran haben, dass alles, was wir veröffentlichen, verlässlich ist – wir können niemanden feuern. Manche Sleuths wollen Bestrafung. Eine Retraction ist dazu aber nicht gedacht, sondern soll die Leser informieren, dass dieser Artikel nicht verlässlich ist.“
Wissenschaftliches Fehlverhalten ahnden andere. Wird die größte deutsche Forschungsfördereinrichtung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), dessen gewahr, kann sie Forschende mehrere Jahre lang von Förderungsanträgen ausschließen, laufende Förderungen widerrufen oder bewilligte Anträge zurücknehmen. Im Juli 2025 schloss sie etwa die Medizinprofessorin Simone Fulda für ein Jahr von Anträgen bei der DFG aus. Der DFG zufolge hatte sie Abbildungen unerlaubt dupliziert und durch Einsetzen von Teilen verändert, um wissenschaftliche Ergebnisse zu belegen.
Wer selbst problematische Abbildungen oder Abschnitte findet, dem empfiehlt Bik, sich nicht an die Autor:innen zu wenden, außer bei offensichtlich unbeabsichtigten Fehlern. Besser sei ein anonymer Beitrag auf Pubpeer oder der Kontakt zum Journal. Werden Forschende der Manipulation bezichtigt, melden sie sich teils direkt, mal sachlich, manchmal emotional. Der Mikrobiologe und Mediziner Didier Raoult, vor allem bekannt durch seine Entdeckungen zu Riesenviren, veröffentlichte im Jahr 2020 ein Paper zu einer möglichen Covid-19-Behandlung mit Hydroxychloroquin. Bik kritisierte, die Daten zu sechs der Patient:innen seien lückenhaft, es gebe zeitliche Ungereimtheiten bei der Zustimmung der Ethikkommission, und merkte an, dass Raoults Coautor Jean-Marc Rolain gleichzeitig Chefredakteur der Zeitschrift sei. Mit einem Kollegen stellte Raoult in Frankreich Strafanzeige gegen Bik. Deswegen fürchtete sie, bei einer Rückkehr aus den USA in die Heimat in den Niederlanden auf EU-Boden festgenommen zu werden. „Das hielt mich nachts wach, weil ich nicht wusste, was das für mich bedeutet. Aber ich habe weitergemacht.“ Mehr als 1000 Forschende solidarisierten sich in einem offenen Brief mit Bik, Raoults Studie ist inzwischen zurückgezogen und die Strafanzeige fallengelassen.
Scheffler sagt, sein Team sei mit tausenden Autor:innen pro Jahr wegen möglicher Probleme mit Artikeln im Kontakt. Für sie stehen Ressourcen und Renommee auf dem Spiel, und manche reagierten über: „Das geht von ‚Wir verklagen den Verlag auf Millionen‘ bis zu ‚Ich besuche dich zu Hause.‘ Es ist schon sehr belastend.“ Andererseits erhalte er innerhalb des Journals und von Hinweisgebern positive Rückmeldung, habe das Gefühl, das Richtige zu tun, und seinen Bekannten sage er: „Ich kämpfe gegen Fake News.“
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