Wie können wir als Wissenschaftler:innen anderen Menschen verständlich machen, was wir tun und warum? Und wie gelingt es uns, Vorurteilen entgegenzutreten und Bedenken auszuräumen? Das unterscheidet sich je nachdem, wen wir vor uns ...
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„Schon früher wurden Lehrbücher in Frage gestellt“
Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Riedel und Janiak – manche erinnern sich eher an die Namen der Autoren als an den Titel ihres ersten Studienlehrbuchs für Chemie. Nun ist Erwin Riedel gestorben. Sein Coautor Christoph Janiak sprach mit den Nachrichten aus der Chemie darüber, ob er nur vom Schreiben von Lehrbüchern leben könnte, wie er zu Künstlicher Intelligenz steht und ob Riedel das Buch heute noch so verfasst hätte.
Nachrichten aus der Chemie: Viele Erstsemester starteten mit dem Lehrbuch „Anorganische Chemie“ des kürzlich verstorbenen Erwin Riedel ihre Karriere. Was hat den „Riedel“ so erfolgreich gemacht?
Christoph Janiak: Vor dem „Riedel“, also bis Ende der 1980er Jahre, gab es für die Grundlehre in der anorganischen Chemie vor allem den Holleman-Wiberg. Das Buch enthält fast alles, was man sich zu diesem Gebiet vorstellen kann, aber ein Lehrbuch ist es sicher nicht. Ansonsten wurden aus dem Englischen übersetzte Bücher verwendet, zum Beispiel der Cotton-Wilkinson. Riedel wusste aber, dass sich die Lehre in den USA und dem Vereinigten Königreich von der in Deutschland unterscheidet – dort stehen physikalisch-chemische Zusammenhänge, hier mehr die Stoffchemie im Vordergrund. Das Buch passte zum Kanon der Grundvorlesungen hier: Atombau, chemische Bindung, Thermodynamik und dann ein großes Kapitel zur Stoffchemie vor allem der Hauptgruppenelemente.
Wie kam es überhaupt dazu, dass Erwin Riedel das Buch verfasst hat?
Für den Verlag De Gruyter hatte er schon zwei Bücher übersetzt, ein Übungsbuch herausgegeben und das Lehrbuch Allgemeine und Anorganische Chemie für Studenten mit Nebenfach Chemie verfasst. Laut Erwin Riedel trat der Verlag an ihn heran und fragte ihn, ob er eine kürzere Fassung des Holleman-Wiberg schreiben wolle. Vorher hätten sie schon Nils Wiberg gefragt, der zu dem Zeitpunkt das Buch seines Vaters weiterschrieb – er habe aber kein Interesse gehabt.
Seit der 7. Auflage aus dem Jahr 2011 stehen Sie als Coautor auf dem Cover. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Bereits vorher habe ich mit Erwin Riedel an einem anderen Buch, Moderne anorganische Chemie, zusammengearbeitet, für das Herr Riedel Thomas Klapötke, Hans-Jürgen Meyer und mich als Autoren zusammenbrachte. Er war Professor an der TU Berlin und kannte uns drei, weil wir alle dort studiert hatten und zu dem Zeitpunkt habilitierten. Über diese Zusammenarbeit hatte er wohl einen positiven Eindruck erhalten, ich stand zur Verfügung, es interessierte mich, und ich sah die Möglichkeit, einen Beitrag für die Lehre zu leisten. Für Riedels Hauptwerk Anorganische Chemie wollte De Gruyter einen Nachfolger in Position bringen.
Was wollten Sie unbedingt einbringen, als Sie anfingen, als Coautor das Buch Anorganische Chemie mitzugestalten?
Das, was mich auch in der eigenen Lehre beschäftigt – den Anwendungsbezug, besonders in der Stoffchemie. Das Buch behandelt viele Edelgasverbindungen, ein wichtiger Bereich, aber deren Anwendung ist begrenzt. Schwefel-, Stickstoff- und Phosphorverbindungen beispielsweise werden dagegen großtechnisch eingesetzt. Für Riedel wurde es im Ruhestand immer wichtiger, auf Umweltprobleme wie das Ozonloch und den Treibhauseffekt einzugehen. Ich möchte das gerne beibehalten, um den Studierenden früh klar zu machen, dass unsere Technik und Lebensweise Auswirkungen auf die Umwelt haben, darin aber auch eine Chance liegt, an der Entwicklung einer nachhaltigen, grünen Chemie mitzuarbeiten.
Wie war die Zusammenarbeit mit Erwin Riedel?
Er hat immer deutlich gemacht, wie er es gerne hätte. Ich habe das weitgehend akzeptiert, weil er mehr Erfahrung zu Formulierungen hatte, ein gutes Gespür, wie tiefgehend man Sachverhalte erklären muss und was man weglassen kann. Es sollte ja immer ein Grundlehrbuch bleiben.
Im Vorwort der aktuellen Auflage blicken Sie auf die erste Auflage zurück und nennen die Entwicklung des Internets im Hinblick auf Lehrbücher eine Revolution. Befinden wir uns mit KI in einer zweiten Revolution?
Schon seit einiger Zeit werden Lehrbücher durch Inhalte im Internet, zum Beispiel durch Wikipedia, in Frage gestellt, jetzt geht es eine Stufe weiter: Durch KI-Antworten muss die Wikipedia fürchten, weniger beachtet zu werden. KI wird sich weiterentwickeln, aber aktuell bekommt der Nutzer beim Googeln spezieller Fragestellungen auch falsche KI-Antworten, und die Quellenlage ist nicht immer klar – anders als bei der Wikipedia, die Quellen angibt.
Wie stehen Sie dazu, dass KI-Sprachmodelle möglicherweise mit Ihrer Arbeit Geld verdienen?
Ich versuche, den Ärger abperlen zu lassen. Was soll ich mich grämen, das schadet nur meiner Gesundheit. Ich denke da nicht allzu viel drüber nach. Ethisch finde ich es fragwürdig.
Lernen denn Studierende heute noch aus Büchern?
Es scheint mir in den letzten Jahren schwieriger, alle Studierenden für das Lesen längerer Texte zu motivieren. Selbst die an vielen Universitäten für Studierende kostenlos verfügbaren E-Books werden weniger gelesen.
Woran liegt das?
Es ist mein Eindruck, dass aus den Schulen weniger Vorbildung, weniger Allgemeinbildung und eine geringere Fähigkeit zum selbstständigen Lernen im Vergleich zu früher mitgebracht werden. Hirnforschern zufolge sind drei Dinge zum Verstehen wichtig: Sehen – was früher vor allem das Lesen war –, manuelles Schreiben und Zuhören. Deswegen ist auch das Mitschreiben und Nachbearbeiten einer Vorlesung etwas ganz anderes, als ein Filmchen zu schauen.
Kann man heute vom Lehrbuchschreiben leben?
Am Anfang war es für Riedel das „zweite Gehalt“. Zu Hochzeiten verkaufte er über 3000 Exemplare pro Jahr, und die Autorenverträge waren besser. Das war vor meiner Zeit, als Bücher die einzige Möglichkeit waren, sich Wissen anzueignen. Heute liegen wir bei deutlich geringeren Auflagen – das Lehrbuchschreiben ist für mich ein reines Hobby geworden.
Hätte Riedel das Buch denn in Anbetracht dessen heute wieder so geschrieben?
Riedel hat mir gesagt, dass er unter den heutigen Bedingungen nicht noch einmal so eine enorme Arbeit hineinstecken würde wie damals. Seiner Aussage nach hat er das nicht so nebenbei geschrieben, sondern gerade am Anfang viele Tage und Nächte daran gearbeitet. Das Buch und die Lehre waren seine Hauptbeschäftigung – das Forschen war ihm nicht so wichtig. Er sah schon, dass die Verkaufszahlen mit der zunehmenden Bedeutung des Internets heruntergingen. Und es gab auf dem Lehrbuchmarkt mehr Konkurrenz, zum Beispiel das Buch von Housecroft – sehr bunt, mit Vierfarbdruck. Riedel hätte sich sicher keiner neuen Technologie entgegengestellt. Er hätte gesagt: „Alles hat seine Zeit. Und ich hatte eine gute Zeit mit meinem Buch.“
Wird es eine 11. Auflage geben, und was würden Sie gern ändern?
Der Verlag möchte 2026 eine 11. Auflage. Viel wird sich nicht ändern, es ist und bleibt ja ein Grundlagenbuch. Einige Sachen zur Umweltchemie werde ich ergänzen und ein paar Fehler ausmerzen.
Wie steht es mit einer englischen Version?
Eher nicht. Der Verlag ist deutschlandbezogen. Vom Holleman-Wiberg gibt es eine englische Version, die sich aber wohl schlecht verkauft hat, weil ja in Deutschland die Stoffchemie stärker im Vordergrund steht als in anderen Ländern. Mir wurde einst gesagt: „Textbooks don’t travel west.“ Wir haben ja schließlich auch kaum russische Lehrbücher in der Chemie. Aber es gibt eine Übersetzung unseres Buchs ins Mongolische: Der Festkörperchemiker Rüdiger Kniep hatte mongolische Postdocs, die gut Deutsch konnten und die Anorganische Chemie übersetzt haben [siehe Nachr. Chem. 2013, 61(2), 121]. Das Buch habe ich natürlich.
Bibliographie: Erwin Riedels Werke
Bevor Erwin Riedel im Jahr 1987 sein wohl bekanntestes Lehrbuch Anorganische Chemie schrieb, fing alles mit der Übersetzung anderer Werke an.
1973Als erstes übersetzte er Harry B. Grays Electrons and Chemical Bonding (Walter A. Benjamin, New York 1964) auf Deutsch (Elektronen und chemische Bindung). Im Vorwort erklärte er, Ziel sei, deutschsprachige Studierende leicht und schnell in Probleme der chemischen Bindung einzuführen, und dafür reichten elementare mathematische Kenntnisse.
1976Es folgte die zusammen mit TU-Berlin-Kollege Joachim Pickardt übersetzte und bearbeitete Einführung in die Kristallchemie (im Original Robert C. Evans, An Introduction to Crystal Chemistry, Cambridge University Press, 2. Aufl. 1964).
1977In diesem Jahr trug Riedel erstmals als Autor zu einem Buch bei. Mit Coautor Willm Grimmich schrieb er ein Übungsbuch, das über traditionelle Lehr- und Lernmethoden im Nebenfach hinausging: Atombau, chemische Bindung, chemische Reaktion. Grundlagen in Aufgaben und Lösungen (1977, 2. Aufl. 1992). Es etablierte fachübergreifendes Basiswissen zu Chemie, weshalb das Buch je nach Fach bestimmte stoffchemische Kenntnisse überspringt. Eine Rezension mahnte damals Ergänzungen an, eine andere begrüßte, dass Fragen und Kommentare die logischen Zusammenhänge verdeutlichen. Das Buch erschien im Jahr 2009 neu als Übungsbuch Allgemeine und Anorganische Chemie (4. Aufl. 2023).
1979veröffentlichte Riedel als Alleinautor Allgemeine und Anorganische Chemie – Ein Lehrbuch für Studenten mit Nebenfach Chemie. Das Vorwort der Erstauflage nennt noch die Zielfachrichtungen, darunter Berg- und Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen sowie Umwelttechnik.
Das Buch folgt Riedels Erfahrung, welcher Stoff in einem Semester erarbeitet werden könne: Drei Kapitel erklären allgemeine Grundlagen, zwei weitere – Nichtmetalle und Metalle – bringen knapp systematische Stoffchemie bei. Farbdruck, ein Novum für die Zeit, hebt wichtige Begriffe hervor. Das Werk hält sich bis heute als nachgefragtes Lehrbuch und ist im Jahr 2024 in der 13. Auflage erschienen.
1987Besonders beliebt ist das Lehrbuch Anorganische Chemie, konzipiert als vertiefender Begleiter für das Grundstudium der Hauptfächer Chemie und Lebensmittelchemie (seit 2022 in der 10. Auflage). Bis zur 7. Auflage prangten auf dem Lehrbuch alchemistische Symbole: „Wasserstoff + Sauerstoff = Wasser“. Seit der 7. Auflage ist Christoph Janiak Coautor. Für das Jahr 2026 ist eine 11. Auflage geplant.
1993Zum Abschluss von Riedels aktiver Lehrtätigkeit übersetzte er John Emsleys The Elements (Oxford University Press) auf Deutsch (Die Elemente, 2. Aufl. 1994).
1999Schließlich initiierte Riedel das Lehrbuch Moderne Anorganische Chemie. Als Herausgeber der ersten Auflagen führte er spezialisierte Autoren zusammen, um aktuelle anorganische Chemie angemessen in einem Lehrbuch als Begleiter für Fortgeschrittenenstudium und Promotion zu präsentieren. Dieses Lehrbuch erschien 2023 in der 6. Auflage.
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