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Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Eine Umfrage unter 720 Promovierenden der Chemie zeigt Missstände des Wissenschaftssystems und fordert Reaktionen von Betreuenden und Institutionen.
Nach dem Chemiestudium musst du promovieren. Diesen Satz haben wir Chemiestudierenden alle schon gehört. Egal ob wir uns für die akademische Laufbahn oder eine Zukunft in der Industrie entscheiden: Die Promotion erscheint als unverzichtbarer Abschnitt unserer Karriere.
Aber viele verlieren während der Promotion die Motivation, weiter zu forschen. Wenn Betreuende die Sorgen nicht ernst nehmen, finden sich viele Promovierende in einem aussichtslosen Abhängigkeitsverhältnis wieder.
Für eine gemeinsame faktenbasierte Gesprächsgrundlage haben wir 720 Promovierende befragt,1) und zwar zu Betreuungssituation, Konflikten, Arbeitszeit, finanzieller Situation und Karriereperspektiven. Wir möchten damit eine Diskussion zwischen Promovierenden, Betreuenden und Institutionen anstoßen, um die Promotionsbedingungen in der Chemie zu verbessern. Aus der Umfrage ergibt sich:
Abbruchgedanken: 61 % der Teilnehmenden haben darüber nachgedacht, die Promotion abzubrechen. Zu den häufigsten Gründen (Mehrfachnennung möglich) zählen die eigene mentale Gesundheit (39,0 %), schlechte Betreuung (26,7 %), gescheiterte Experimente (24,9 %), das Arbeitspensum (22,9 %) und das Arbeitsklima (20,4 %).
Betreuung: Wie zufrieden Doktorand:innen mit der Betreuung sind, hängt stark mit der Feedback-Qualität, der Führungsfähigkeit und der respektvollen Kommunikation der Vorgesetzten zusammen. Die Befragten sind zwar mit dem Fachwissen der Vorgesetzten sehr zufrieden (Median 2 auf einer Skala von sehr gut 1 bis sehr schlecht 10), aber der Median für Führungs- und Managementqualitäten liegt bei 5, wobei 15 % der Befragten die schlechteste Wertung gaben.
Konflikte: Mehr als 40 % haben von Konflikten mit der betreuenden Person berichtet. Ein Drittel der Befragten erlebte Machtmissbrauch – etwa Druck von Vorgesetzten, außerhalb der regulären Arbeitszeiten, über gesetzliche Grenzen hinaus und ohne Vertrag zu arbeiten. Im Arbeitsumfeld berichtet ein Drittel, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Nationalität oder politischer Ansichten erlebt oder beobachtet zu haben.
Arbeitszeit: Die Hälfte der Teilnehmenden würde gerne weniger arbeiten, tut dies aber nicht aufgrund von Arbeitslast, Zeit- und Publikationsdruck oder Druck durch Vorgesetzte. 80 % der Teilnehmenden arbeiten 40 Stunden pro Woche oder mehr, wovon 36 % 40 bis 44 Stunden, 28 % 45 bis 50 Stunden und 16 % mehr als 50 Stunden arbeiten.
Finanzielle Situation: Jede fünfte Person kann ihren Lebensunterhalt nicht durch ihr Doktorand:innen-Gehalt finanzieren. Jede dritte Person verdient weniger als 1500 Euro (Nettogehalt).
Karriereplanung: Mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden haben mit ihren Vorgesetzten nicht über Karrierepläne gesprochen.
Unsere Umfrage zeigt die Promotion als ein unattraktives Arbeitsumfeld: lange Arbeitszeiten bei niedrigem Lohn, unsichere Vertragssituationen, Häufungen von Machtmissbrauch, Abhängigkeiten in Betreuungsverhältnissen, fehlende Planbarkeit und psychischer Druck.
Bei den Problemen des Systems sollte nicht die Belastbarkeit Einzelner im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, wie sich die Promotionsbedingungen verbessern lassen. Hier geht es darum, die Betreuung zu verbessern, Konflikten vorzubeugen und ihnen richtig zu begegnen, finanzielle Sicherheit zu schaffen und schließlich die mentale Gesundheit sowie das Promotionssystem zu stärken. Dabei sehen wir als Umfrageerstellende Promovierende genauso in der Pflicht wie Betreuende und Institutionen.
Unsere Umfrage enthält daher Vorschläge, wie sich die Situation von Promovierenden verbessern lässt (Abbildung oben).1) Als konkrete Maßnahmen empfehlen wir
In Hinblick auf Konflikte sehen wir die Institutionen in der Pflicht,
Unsere Umfrage hat den Druck durch die Arbeitslast deutlich gemacht. Wir sind daher der Meinung, dass Lehraufgaben in vollem Umfang anerkannt und mit den vertraglich festgelegten Lehrzeiten besser übereinstimmen sollten und eine maximale wöchentliche Arbeitszeit dem Arbeitsdruck und der Verherrlichung von Aufopferung entgegengesetzt werden sollte.
Ein erheblicher Teil der Befragten berichtete von finanzieller Unsicherheit, die häufig auf kurzfristige Verträge und unzureichende Vergütung zurückzuführen ist. Eine 50 %-TV-L-E13-Stelle, die etwa 50 % der Befragten innehaben, bringt nach zwei Jahren ein Bruttogehalt von etwa 2610 Euro. Das liegt unter dem Medianlohn von Beschäftigten ohne formale Berufsausbildung (2987 Euro).3) Promovierende mit Masterabschluss verdienen also häufig weniger als ungelernte Arbeitskräfte. Universitäten und Forschungseinrichtungen sollten daher der Empfehlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft folgen und Promotionsstellen mit mindestens 67 % der TV-L-Entgeltgruppe finanzieren4) sowie Verträge an die erwartete Promotionsdauer anpassen.
Wir wollen Promovierende und Betreuende zu Gesprächen über die Karriereplanung ermutigen, um gemeinsame Projektziele planen zu können, und wünschen uns, dass Mentoring und Karriereberatung Teil von Promotionsprogrammen sind.
Zuletzt möchten wir die Bedeutung von Netzwerken betonen. Promotionsschulen oder Vereine können für Austausch und Unterstützung sorgen und gezielt Workshops zu Zeitmanagement, Stressbewältigung und mentaler Gesundheit anbieten.
Was war der Auslöser, dass ihr diese Umfrage erstellt habt?
Konkret hat es angefangen mit Arbeitszeiten, mit der Bezahlung und einfach mit der Ungleichheit, die wir festgestellt haben. Auf einem Frühjahrssymposium gab es dann ein interaktives Poster, auf dem man Klebepunkte befestigen konnte: Wie viele Arbeitsstunden habe ich? Wie werde ich bezahlt? Daraufhin hat sich ein Team gebildet, das sich damit auseinandergesetzt hat, wie man einen Online-Fragebogen zusammenstellen könnte. Die Hauptintention war, erst einmal ein Meinungsbild zu haben.
Gab es Ergebnisse, die dich besonders überrascht haben?
Wie viele Leute schon einmal darüber nachgedacht haben, die Promotion abzubrechen. Im Endeffekt gab es mehr Leute, die darüber nachgedacht haben, ihre Doktorarbeit wegen mentaler Gesundheit abzubrechen, als Leute, die nie darüber nachgedacht haben.
Hast du selbst auch schon darüber nachgedacht, deine Doktorarbeit abzubrechen?
Ich bin jetzt im dritten Jahr und habe so einmal im Jahr darüber nachgedacht. Wir haben alle schon mal daran gedacht, dass man im System was ändern könnte, daraus ist die Umfrage ja entstanden.
720 Teilnehmende, das sind sechs Prozent der Promovierenden. Das ist beachtlich.
Ja, wir waren auch begeistert. Für die Auswertung haben wir uns am Anfang Hilfe geholt von Leuten, die in Tübingen eine Umfrage von Promovierenden veröffentlicht haben. Als wir erzählt haben, wie viel Rückmeldung wir haben, waren die auch beeindruckt und haben gesagt, das ist eine gute Umfrage.
Ihr habt Ergebnisse, ihr sprecht Handlungsempfehlungen aus. Was kommt jetzt?
Ursprünglich gab es die Idee, die Umfrage nach zwei, drei Jahren zu wiederholen. Da wir aber jetzt mit der Auswertung und Veröffentlichung nicht so schnell waren, kann ich mir vorstellen, dass es ein bisschen länger dauert. Es müssen sich auch Leute finden, die das Projekt leiten möchten. Es war viel Arbeit, das auszuwerten und zusammenzuschreiben. Das ist immer Arbeit, die ehrenamtlich und nebenbei passiert, deswegen bin ich eigentlich ganz froh, das nicht noch ein zweites Mal zu machen.
Was ich aber auf jeden Fall weiter betreiben möchte, ist, dass wir darüber sprechen. Das sind wichtige Zahlen, und ich bin gespannt auf das Feedback von den Unis und möglicherweise einzelnen Professor:innen.
Was glaubst du: Wird diese Umfrage große Aufmerksamkeit bekommen – von Professor:innen, von Unis?
Ich glaube, dass viele Leute aus dem JCF das in ihre Arbeitsgruppen tragen werden. Ich glaube, dass das vielen Doktorand:innen wichtig ist. Vielleicht sagen einige Leute „Ja, das ist wichtig, stimmt“, vielleicht überlesen es einige und andere sagen: „Ach, die jungen Leute, die regen sich wieder auf.“ Aber auch darüber kann man diskutieren.
Das Interview führte die freie Nachrichten-Mitarbeiterin Stefanie Schneider.
Eine der Autor:innen der zitierten Studie1) – und Autorin dieses Artikels – ist Alexandra Tietze. Sie gehört dem JungesChemieForum (JCF) der GDCh an. Sie sagt: „Das JCF sehen wir als ein Netzwerk, das bei der Promotion unterstützen kann. Wir und andere JCF-Teams veranstalten vor Ort in unseren Regionalforen und online Seminare und Vorträge zu Promotionsentscheidungen und Karriereplanung, zu mentaler Gesundheit, Burnout und Machtmissbrauch. Wir initiieren Workshops für internationale Promovierende und helfen mit einem Guide herauszufinden, ob und wie eine Promotion zu jemandem passt. In Social-Media-Beiträgen setzen wir uns anhand von Beispielen aus der Chemie-Community für die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen und erlebter Hürden in der Chemie ein. Wir helfen uns und unseren Kommiliton:innen, informierter und resilienter durch Studium und Promotion zu gehen.“
Aber dieses Ehrenamt genügt nicht bei einem solchen System: „Von Promovierenden kann nicht erwartet werden, prekäre Beschäftigung, Unsicherheit oder Überlastung durch persönliche Hingabe auszugleichen. Eine Promotion darf nicht Leiden und Leidenschaft fordern. Leidenschaft kann Motivation geben, aber darf kein Ersatz für faire Bedingungen, gute Betreuung und ein funktionierendes System sein. Wer Wissenschaft nur denen zugänglich macht, die es sich emotional, körperlich und finanziell leisten können, dauerhaft zu verzichten oder zu leiden, produziert ein ausgrenzendes und ungesundes System.“
Alexandra Tietze steht für Fragen zur Verfügung: a.tietze@jcf.io
Die Rückmeldungen von 720 Chemiepromovierenden zeigen: Die Promotion ist kein attraktives Arbeitsumfeld. Mehr als 60 % haben oder hatten Abbruchgedanken, mehr als 40 % hatten Konflikte mit ihren Betreuer:innen. 80 % arbeiten 40 Wochenstunden oder mehr.
Für bessere Promotionsbedingungen sollten die Betreuung verbessert, Konflikten vorgebeugt und richtig begegnet, finanzielle Sicherheit geschaffen und die mentale Gesundheit sowie das Promotionssystem gestärkt werden. Der Beitrag liefert konkrete Vorschläge, wie sich das umsetzen lässt.
Alexandra Tietze, Jahrgang 1996, promoviert seit 2023 an der Universität Tübingen, wo sie Kombinationsbehandlungen für intrazelluläre, bakterielle Infektionen untersucht. Seit dem Erhalt des GDCh-Abipreises war sie in den JCF-Regionalforen Kiel und Tübingen aktiv. Sie engagiert sich in den überregionalen Teams des JCF und vertrat das JCF von 2022 bis 2025 im Bundesvorstand, von 2024 bis 2025 als Bundesvorsitzende.