Rost auf dem Mond | Im Mondinnern liegt Eisen reduziert vor, auf der Mondoberfläche wurde dagegen im Jahr 2021 Hämatit, also Rost, detektiert. Schuld an der Oxidation könnte die Erde sein, wie Forschende aus China nun zeigen. Erdwinde sind ...
Trendbericht Anorganische Chemie 2026
Nebengruppen‐ und Koordinationschemie
Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Im Jahr 2025 waren aller guten Dinge der Hauptgruppenchemie drei: ein dreifach geladenes Triborattrianion, ein Molekül mit linearer Al3-Einheit, das dritte Erdalkalimetall, das Stickstoff bindet, ein Stickstoffallotrop aus zwei N3-Fragmenten und ein schweres Allylkation mit [Bi3]+-Einheit. Die Nebengruppen zeigen ihre Bandbreite: Neue Reaktionsmechanismen, superstarke Oxidationsmittel, isolierte σ-Alkan-Komplexe und stark reduzierte Arenkomplexe demonstrieren, wie wichtig definierte Koordinationsverbindungen in der modernen Synthesechemie sind.
Nebengruppen- und Koordinationschemie
Organometallchemie
Das Team um Evans erweiterte rund 70 Jahre nach der Entdeckung des Ferrocens die klassische Metallocen-Chemie: Es synthetisierte das erste lineare ScII-Scandocen (Abbildung 1A).1) Dieses Scandium-Derivat kann N₂ reversibel reduzieren – ein bemerkenswerter Schritt in der Chemie der frühen Übergangsmetalle.
Mit einem Schritt in die planare Richtung erhielten Xia und Mitarbeitende osmiumzentrierte [15]Annulen-Systeme, darunter die symmetrischen [55555]Annulene (Abbildung 1B).2) Diese stabilen Verbindungen eröffnen neue Perspektiven in der Aromatizitätsforschung.
Zur Cyaphid-Chemie haben Goicoechea und Team beigetragen: Sie haben erstmals Komplexe mit linearen, verbrückenden [CP]-Einheiten hergestellt (Abbildung 1C).3) Diese erweitern das Verständnis für Pseudohalogen- und Phosphortransferreaktionen in der Koordinationschemie.
Hauptgruppenelement-Übergangsmetall-Bindungen
Mehrere Studien berichten über neuartige Bindungs- und Reaktivitätsmuster in Systemen, die Hauptgruppen- und Übergangsmetallzentren kombinieren. Das Team um Greb nutzte Phenoxyamid-substitierte Silane als Z-Typ-Liganden in Pd0-Komplexen.4) Koordinieren in diesen redoxaktiven Systemen Basen am Silicium, führt dies zu Elektroisomerie und einer Umschaltung auf PdII.
Die Gruppen von Karttunen, Poater und Lichtenberg erhielten einen Komplex mit einem Z-Typ-Bismut-Liganden, und zwar dem [BiMe₂]+-Ion (Abbildung 2A).5)
Boronski und Aldridge berichteten über die dreifache Addition des BeI-Dimers (CpBe)₂ an Ni0, was zu einem bislang einzigartigen hexavalenten Nickelkomplex führte (Abbildung 2B).6) Wie detaillierte quantenchemische Analysen bestätigen, gibt es weder Be–Be-Wechselwirkungen noch beteiligen sich p-Orbitale am Nickelzentrum.
Das Team um Dankert untersuchte Synthese und Reaktivität von Al–Cd-Bindungen. Wie sich zeigte, fungieren diese als nucleophile Cadmium-Reagenzien und als AlI-Transferreagenzien.7)
Wolf und Mitarbeitende demonstrierten die selektive Synthese eines Sn–Fe-Komplexes, der gleichzeitig Ferrio-Stannylen- und Stannyliden-Einheiten enthält (Abbildung 2C).8) Neben vielfältiger heterometallischer Reaktivität zeigte sich dabei die reversible Spaltung der Fe–Sn-Mehrfachbindung.
Reaktivität von Übergangsmetallkomplexen
Die Reaktivität von Übergangsmetallkomplexen bleibt ein zentrales Thema der Koordinationschemie. Die Teams um Gerken, Finze und Radius berichteten über die Carben-Koordinationschemie von gasförmigem WF₆.9) Sie untersuchten die elektronische Natur dieser Addukte sowie ihrer Reduktionsprodukte und konnten so seltene Oxidationsstufen am Wolfram mit Carbenen stabilisieren.
Die Gruppen von Maron und Ye präsentierten die Synthese von Titan-Bor-Zickzack-Dienkomplexen, welche durch formale C–C-Kupplung von Bis(alkinyl)boranen an TiII entstehen (Abbildung 3A).10) Untersuchungen zum Mechanismus deuten darauf hin, dass sich zunächst ein (Boraalkin)-Ti-Addukt bildet.
Mindiola und Mitarbeitende beschrieben die Synthese eines TiIII-Oxo-Komplexes. Die Ti–O-Bindung dieser Verbindung geht eine [2+2]-Cycloaddition mit CO₂ ein, wodurch CO2 auch mit Chlorosilanen funktionalisiert wurde.11)
Gade und Mitarbeitenden zufolge spalten sich Pd–Pd- und Ni–Ni-Bindungen homolytisch. Die radikalischen MI-Monomere beobachtete die Gruppe mit EPR-Spektroskopie (Abbildung 3B).12) Wurden die Spezies gemischt, entstanden heterobimetallische [PdNi]-Dimere.
Malischewskis Gruppe präsentierte ein Ferrocenium-Superoxidationsmittel und erweiterte damit die Chemie des perfluorierten Cp*-Liganden (Abbildung 3C).13) Mit einem Spitzenpotenzial von 1,70 V gegenüber dem Fc/Fc+-Paar handelt es sich dabei um das stärkste oxidierende Ferrocen-System, das bislang beschrieben wurde.
Zwei Studien widmeten sich Übergangsmetall-Komplexen mit Alkanen. Das Team um Krossing isolierte ein lösungsstabiles, kristallines Pentan-Addukt des einfachen [Mn(CO)₅]+-Ions (Abbildung 3D).14) Experimentelle und theoretische Analysen zeigen eine Präferenz für die Bindung an interne C–H-Gruppen.
Girolami und Mitarbeitende beschrieben Osmium-Alkan-Komplexe, die in Lösung bei Temperaturen unter –100 °C existieren.15) Im Gegensatz zum vorherigen Beispiel zeigen sich hier ausschließlich Wechselwirkungen mit den CH₃-Gruppen. Die starke kovalente Bindung des Alkanmoleküls führen die Forschenden darauf zurück, dass sich gleichzeitig C–H-σ-Orbitale verstärken und C–H-σ*-Orbitale abschwächen.
Stickstoffchemie
Die Aktivierung und Funktionalisierung molekularen Stickstoffs wurden intensiv erforscht. N2 lässt sich mit einem trinuklearen Titankomplex aktivieren, wie Wei und Team zeigten. Ein thermisch gebildeter tetranuklearer Titan-Nitrid-Cluster wurde mit Elektrophilen gezielt funktionalisiert.16)
Simler, Nocton und Maron beschrieben einen Bis(cyclopentadienyl)lutetium(II)-Komplex, der bei Raumtemperatur nicht nur H₂ spaltet, sondern auch N₂ bindet und zu einem Diazenido-Komplex umsetzt (Abbildung 4A). Bei Raumtemperatur liefert dessen Hydrierung bei nur 1,2 bar Wasserstoffdruck einen LuIII–NH₂-Komplex. Dies ist die erste nachgewiesene direkte N₂-Hydrierung durch ein molekulares Lanthanoidsystem.17)
Eine bislang unbekannte Reaktivität von Übergangsmetallnitriden wiesen Eberle und Ballmann mit einem Wolframnitrid nach. Elektronenarme Arylchloride reagieren in einer nucleophilen aromatischen Substitution, was 15N-markierte (Hetero-)Aniline ausgehend von Stickstoff zugänglich macht (Abbildung 4B).18)
Mazzanti, Liddle und Teams zeigten einen stufenweisen Elektronentransfer bei der Reduktion von seitlich gebundenem N2. Diese Reduktion geht bis zu Ammoniak und gelingt durch einen Urantriamidoamin-Komplex. Dies liefert einen seltenen Einblick in die mehrstufige N2-Umwandlung auf molekularer Ebene.19)
Ein System aus Samarium und Molybdän, das N₂ elektrochemisch mit 82 % Faraday-Effizienz reduziert, haben Peters und Mitarbeitende entwickelt. Eine nichtkoordinierende Protonenquelle ermöglicht dabei einen stabilen SmIII/SmII-Zyklus und Rekordwerte in der Ausbeute von 8,2 Äquivalenten Ammoniak pro Samarium (Abbildung 4C).20)
In den letzten Jahrzehnten wurden Molybdänkomplexe als Modellsysteme für die Stickstoffreduktion untersucht; Wolframkomplexe sind für diese Transformation jedoch bisher unbekannt. Mit einem pentadentaten Phosphanliganden haben Tuczek, Le Poul, Engesser und Mitarbeitende nun erstmals Wolfram genutzt, um N₂ chemokatalytisch zu Ammoniak umzusetzen (Abbildung 4D, S. 65).21)
Schneider, Schnegg, Powers, Holthausen, von Hänisch und Teams untersuchten die Pnictogenanaloga zu Nitren. Durch Kristall-zu-Kristall-Umwandlungen, spektroskopische und theoretische Analysen charakterisierten sie kurzlebige Metallopnictiniden-Zwischenstufen mit Triplett-Grundzuständen (Abbildung 4E).22)
Aren-Aktivierung
Im Jahr 2025 gab es viel Aufmerksamkeit für die reduktive Aktivierung von Arenen, insbesondere durch neue Beispiele für die Benzolreduktion. Wie das Team um Anker zeigte, reduziert ein SmII-Komplex Benzol leicht zum Tetraanion. Dabei entsteht ein SmIII-Komplex (Abbildung 5A).23) Im Prozess bildet sich zunächst ein homolytisches SmI-Radikalintermediat.
Demir und Mitarbeitende erweiterten die Benzolreduktion auf weitere Seltenerdelemente (Yttrium, Dysprosium und Erbium) und wiesen die Bildung vollständig planarer Benzol-Dianion-Komplexe nach (Abbildung 5B).24) Diese Planarisierung erklären sie durch die energetische Anpassung gefüllter d-Orbitale an die π*-Orbitale der reduzierten Aren-Einheit.
Die Gruppen von Wang und Chu setzten einen neuen ScIII-Benzol-Tetraanion-Komplex mit Carbonylkomplexen um, der unter Ringöffnung reagiert (Abbildung 5C).25) Diese Reaktion ist ein neuer Ansatz, Benzol für die Synthese neuer acyclischer Diene zu nutzen.
Ebenfalls innerhalb der Gruppe 3 der Elemente haben Wesemann und Mitarbeitende formal nullwertige Zr- und Hf-Komplexe isoliert. Diese sind durch Tetrylen-Koordination und intramolekulare η⁶-Aren-Wechselwirkungen stabilisiert.26) Dabei zeigt sich ein gewisser Grad an Arenreduktion, der bei weiterer Reaktion – etwa mit einem Butadien-Derivat – zur vollständigen reversiblen Dearomatisierung führt.
Schließlich demonstrierten die Teams um Shima, Kang und Hou die formale N-Atom-Abstraktion aus Pyridin. Dabei entsteht durch die Reaktion des N-Heterocyclus mit einem TiIV-Hydrid-Komplex das Cp-Anion.27) Dieses Verfahren funktioniert auch für substituierte Pyridin-Derivate und eröffnet damit eine neue Methode, Gerüste gezielt zu modifizieren (skeletal editing).
f-Element-Chemie
Alonso, Harder und Mitarbeitende berichteten über die ersten Mg–Yb-Bindungen (Abbildung 6A).28) Diese lassen sich am besten als Mg0–YbII-Systeme beschreiben und reagieren unterschiedlich mit Oxidationsmitteln wie N2O oder Tempo gegenüber Oxidationsmitteln.
Mit dem noch schwereren Thorium charakterisierten Yes, Marons und Zhus Gruppen das erste Beispiel einer Th–Th-Bindung in einem dimeren ThIII-Komplex.29) Die Metall–Metall-Wechselwirkung besteht aus zwei 2-Zentren-1-Elektron-Bindungen, einer mit σ- und einer mit π-Symmetrie.
Ein weiteres Novum kommt von den Teams von Abergel, Arnold, Autschbach und Minasian: der erste organometallische Berkelium-Komplex (Abbildung 6B).30) Dieser wurde mit nur 0,5 mg Metall hergestellt, und zwar mit Verfahren, die die dieselben Gruppen mit Cer als Bk-Surrogat optimiert haben.
Weigend, Roesky und Mitarbeitende berichteten über einen neuen Synthesezugang zu Triple-Decker-f-Block-Komplexen, durch Einschieben von Halbsandwich-Spezies in bestehende Sandwich-Komplexe.31) Dadurch sind mehr multimetallische Lanthanoid-Systeme zugänglich.
Indem sie ein Imidophosphoran nutzten, haben die Teams von Vlaisavljevich, Popov und La Pierre den ersten Praseodym-Komplex in der Oxidationsstufe +V synthetisiert (Abbildung 6C).32) Dessen PrIV/PrV-Redoxpaar erweitert die Grenzen der hochvalenten f-Block-Chemie. Schließlich definierten die Gruppen von Chilton und Mills ein Bis(amido)-stabilisiertes DyII-Alken-System, das offene magnetische Hysteresen bis zu 100 K zeigt (Abbildung 6D).33) Zurückzuführen ist dies auf die verstärkte Spin-Anisotropie in dieser Spezies.
Katalyse
In der Komplexkatalyse gab es Erkenntnisse etwa zur Entwicklung stabiler Präkatalysatoren, zu neuen kooperativen Reaktionsmechanismen sowie zur Aufklärung katalytisch relevanter Elementarschritte.
Die Nickelchemie zeigt, wie gezieltes Ligandendesign Katalysatoren stabiler und aktiver macht. Hanf und Mitarbeitende entwickelten einen luftstabilen Ni0-Komplex [Ni(PFPh₂)₄], der sich als praktische Ni0-Quelle in Kupplungsreaktionen erwies (Abbildung 7A).34)
Wie Stewart, Dorta, Koutsantonis und Team demonstrierten, sind auch NiII-Komplexe mit NHC- und Phosphit-Liganden stabile und katalytisch aktive Vorstufen für Kreuzkupplungen (Abbildung 7B).35)
Einen effizienten Zugang zu Fluoroalkenen entwickelte das Team um Braun und Kaupp. Dabei dienen fluorierte Anionen als Fluorid-Shuttles; sie sind entscheidend für die Fluorierung des metallgebundenen Alkins (Abbildung 8A).36)
Munz und Mitarbeitende synthetisierten erstmals side-on η2-gebundene Palladium(0)-Komplexe mit Carbonyl- und Arenliganden. Neben der besonderen Bindungssituation über das π-System der Substrate katalysierten die Komplexe die Hydrodefluorierung etwa von Hexafluorbenzol mit Cyclohexen (Abbildung 8B).37)
Ein neues Kaskaden-Katalysesystem von Miller und Ertem wandelt CO₂ bei Raumtemperatur und -druck in Methanol um, indem ein Elektrokatalysator mit einem metallorganischen Katalysator für Transferhydrierungen verknüpft wird.38)
Elementarschritte in der Katalyse
Als Schlüsselschritt der C–C-Bindungsbildung stand die reduktive Eliminierung im Fokus einiger Arbeitsgruppen. Casitas, DeBeer und Mitarbeitende stellten eine Reihe schwer zugänglicher Eisen(IV)-Alkinylkomplexe her. Sie untersuchten deren Struktur erstmals detailliert und charakterisierten diese spektroskopisch. Diese hochvalenten Verbindungen reagieren bei Raumtemperatur unter bimolekularer reduktiver Eliminierung und bilden 1,3-Diine – ein seltener Mechanismus, der neue Einblicke in C–C-Bindungsknüpfungen mit Eisen liefert (Abbildung 9A).39)
Einblicke in die Mechanismen photochemischer reduktiver Eliminierungen lieferten auch Arbeiten eines Teams um Doyle und Hadt. Sie ermittelten einen Photolyse/Radikal-Rebound-Mechanismus als wichtigen bindungsbildenden Schritt in einem Bipyridin-stabilisierten Nickelneosilyl-Komplex (Abbildung 9B).40)
Zudem wurde der Elementarschritt der oxidativen Addition, besonders von C–H-Bindungen, unter die Lupe genommen. Ein stabiler Iridium-Komplex (Abbildung 10A) ermöglicht C–H-Aktivierungen von Methan und Ethan bei 80 °C, wie Weller, Macgregor und Teams zeigten. Dies findet nur im Einkristall statt – in Dichlormethan-Lösungen zersetzt sich der Komplex.41)
Betley und Mitarbeitende isolierten erstmals Kupfer-Benzyliden-Komplexe, die sowohl intramolekular in C(sp³)–H-Bindungen des Liganden einschieben als auch intermolekular in etherische und allylische C–H-Bindungen.42) Unerwarteterweise beschleunigt starke sterische Hinderung die Aktivierung von Arylhalogeniden durch Pd0 drastisch. Wie Schönebeck und Team zeigten, reagiert das Alkylhalogenid in solchen Fällen über eine Ein-Elektronen-Halogenabstraktion statt des üblichen Zwei-Elektronen-Prozesses (Abbildung 10B).43)
Ein zentrales Puzzlestück für nachhaltige, auf 3d-Metallen basierende Metathesekatalyse lieferten Fogg, Baker und Mitarbeitende. Sie isolierten ein Nickelacyclobutan (Abbildung 10C) und wiesen so erstmals den entscheidenden Cycloadditionsschritt der Olefinmetathese nach.44)
Lu und Grimme entwickelten einen Nickel-Silylen-Komplex, der bei Raumtemperatur reversibel Benzol C–H-aktiviert. Dabei wird die C–H-Bindung über den Ni–Si-Kern addiert, und beide bilden ein kovalentes H–Si–Ni–Ph-Motiv. Die Reaktion funktioniert auch mit anderen Arenen wie Toluol oder Anisol und zeigt damit, wie Nickel und Silicium gemeinsam aromatische C–H-Bindungen aktivieren.45)
Bimetallkatalyse
Das Zusammenwirken mehrerer Metalle in katalytischen Prozessen gezielt zu nutzen eröffnet neue Wege in der Katalyse: Hadlington und Team entwickelten einen Nickel-Gallium-Katalysator, der Wasserstoff kooperativ aktiviert und dadurch die selektive Semihydrierung von Alkinen ermöglicht, und zwar über einen neuartigen Hydridtransfer vom Liganden auf das Substrat (Abbildung 11A). Diese Reaktivität bildet das klassische Prinzip des Horiuti-Polanyi-Mechanismus aus der heterogenen Katalyse auf molekularer Ebene ab.46)
Wie ein neuer Ansatz in der Bimetallkatalyse von Campos zeigt, kann ein zweites Metall die Aktivität eines Katalysators nicht nur steigern, sondern auch schwächen. Goldkomplexe können Vaskas Komplex – den klassischen Iridiumkatalysator für die Alkin-Semihydrierung – vorübergehend passivieren und so die Selektivität zur Olefinbildung deutlich erhöhen.47)
Das Zusammenspiel zweier Cobalt-Atome haben Uyeda und Mitarbeitende in der Dimerisierung tertiärer Alkylazide zu Azoalkanen untersucht (Abbildung 11B). Entscheidend für die N=N-Kupplung ist die Entstehung eines Dicobaltimido-Intermediats, das gegenüber einer konkurrierenden Wasserstoffatom-Abstraktion inert ist.48)
Drei Metallzentren interagieren in einem neuen molekularen Trikupfer-Komplex vom Team um Buss. Dieser hochreaktive Cluster katalysiert die Reduktion von NO zu N2 über N2O und die (stöchiometrische) Reduktion von Nitrat zu Nitrit, was den Denitrifikationszyklus bestimmter Bakterien abbildet.49)
Photochemie
Im Fokus stand die Photochemie im Kontext organometallischer Systeme, die weiterhin neue Einblicke liefert. Die Teams um Batista, Yang und Davis demonstrierten die photoinduzierte Isomerisierung eines LuII-Distickstoffkomplexes (Abbildung 12A).50) Durch Bestrahlen mit nahinfrarotem Licht (NIR, 740 nm) wechselt N2 von seitlicher zu endständiger Koordination, ausgelöst durch einen Singulett-zu-Triplett-Spinübergang.
Heinze und Mitarbeitende zeigten NIR-II-Photolumineszenz in VII-Komplexen, ermöglicht durch Tri(pyridyl)methan-Liganden (Abbildung 12B).51) Diese seltenen NIR-Emitter auf Basis von 3d-Metallen haben lange angeregte Zustandslebensdauern bis zu 760 ns und hohe Stabilität in Anwesenheit von Sauerstoff und Wasser – Eigenschaften, die sie vielversprechend für Anwendungen in biologischen Systemen machen.
Bioanorganik
Mehrere Gruppen haben das Zusammenspiel von Nickel und Eisen in der Natur untersucht.
Zebger, Horch und Mitarbeitende untersuchten den Licht-induzierten Elektronentransfer in einer [NiFe]-Hydrogenase. Wie sie zeigten, verschieben Wärme und Licht Elektronen zwischen dem aktiven [NiFe]-Zentrum und den Eisen-Schwefel-Clustern.52)
Dem Team um Limberg zufolge verbrückt ein zweifach reduzierter CO₂²–-Ligand Nickel(II) und Übergangsmetall(II)-Ionen (Fe, Co, Zn; Abbildung 13A). Der [Ni–CO₂–Fe]-Komplex ähnelt dabei einem Zwischenprodukt der [NiFe]-CO-Dehydrogenase und zeigt: Übergangsmetalle senken das Reduktionspotenzial des CO₂²–-Liganden und fördern dessen C–O-Spaltung.53)
Zhang und Mitarbeitende reduzierten mit einem NiFe-Komplex CO₂ zu CO. Dabei wirken Ni- und Fe-Zentren sowie ein redoxaktiver Ligand zusammen und aktivieren CO2 so über ein Intermediat ähnlich zur [NiFe]-Hydrogenase (Abbildung 13B).54) Die Nitrogenase speichert Reduktionsäquivalente als Hydride und koppelt die H₂-Eliminierung an die reduktive Bindung von N₂ am Di-Eisen-Zentrum ihres FeMo-Kofaktors.
Analog dazu zeigten Meyer und Mitarbeitende: Die Oxidation eines pyrazolatbasierten Dinickel(II)-Dihydrido-Komplexes setzt H₂ frei und löst die Bindung von N₂ in einer stark verzerrten, verbrückenden Koordination (Abbildung 13C) aus.55)
Drei Fragen an den Autor: Terrance Hadlington
Ihre Forschung in 140 Zeichen?
An der Schnittstelle zwischen Hauptgruppen und Übergangsmetallen suchen wir nach disruptiven Prozessen für eine nachhaltigere chemische Synthese.
Was sind derzeit Ihre Hauptforschungsprojekte?
Ich erforsche, was die kooperative N–H-Bindungsaktivierung antreibt, wie man frühe Morgenstunden erträglicher macht, und versuche dabei, das perfekte Kartoffelrezept zu entwickeln.
Was brauchen Sie heute im Beruf, was Sie im Studium nicht gelernt haben?
Management, Mittelbeschaffung, Budgetplanung und Lehre – um nur einige wichtige Führungskompetenzen zu nennen. Obwohl die Unterstützung für Weiterbildungsangebote zunimmt, sollten wir sie für zukünftige Generationen weiter stärken.
Terrance J. Hadlington, Jahrgang 1988, ist seit November 2019 ein Liebig-Juniorgruppenleiter an der TU München. Zuvor arbeitete er als Postdoc an der TU Berlin bei Matthias Driess. Im Jahr 2023 erhielt er einen ERC Starting Grant.
Drei Fragen an die Autorin: Gabriele Hierlmeier
Ihre Forschung in 140 Zeichen?
Wir nutzen Bottom-up-Strategien in der Titanchemie, um neue Reaktionsmechanismen zu ermöglichen und katalytisch nutzbar zu machen.
Was brauchen Sie heute im Beruf, was Sie im Studium nicht gelernt haben?
Die Fähigkeit, komplexe wissenschaftliche Ergebnisse verständlich zu kommunizieren und gleichzeitig ambitionierte langfristige Forschungsstrategien zu entwickeln.
Welcher Trend ist in den letzten zwölf Monaten aufgekommen, den Sie so nicht erwartet haben?
Überraschend war die intensive Erforschung der Arenreduktion an Metallzentren, die sowohl reduktiv als auch photochemisch gelang. Das ermöglichte sogar die Weiterfunktionalisierung des reduzierten Benzol-Tetraanions.
Gabriele Hierlmeier, Jahrgang 1994, ist seit 2023 Juniorprofessorin für Anorganische Molekülchemie und Katalyse an der Universität Würzburg. Zuvor absolvierte sie einen Postdoc bei Paul Chirik an der Princeton University. Promoviert hat sie an der Universität Regensburg.
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