Gesellschaft Deutscher Chemiker

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Labradorit gegen die schiefe Bahn

Nachrichten aus der Chemie, April 2025, S. 30-32, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Manche jagen den schillerndsten Edelstein, andere suchen nach einem Mineral, das ihre Malaise lindert. Sammelfieber und Parawissenschaft bei den Düsseldorfer Mineralientagen.

Kristalle sind eine wunderbare Sache. So manch einer dürfte sich noch an Freudenschreie im Labor erinnern, nachdem Mutter Natur der Metallorganik-Doktorandin über Nacht eine Handvoll Nädelchen in den Kolben gezaubert hat. Ab damit in die Kristallstrukturanalyse.

Mineralien aller Länder

Ortswechsel: Düsseldorf, Classic Remise. Wer ein Faible für Kristallines hat, den werden während der Mineralientage knapp 50 Aussteller beglücken. Die Tische biegen sich vor Quarzen aus Rumänien, Pyrit aus Österreich und Rubinen aus Tansania. In Kisten und Kästchen finden wir Amethysten aus Uruguay, Fluorit aus Cumberland, Mimetesit aus Namibia und Turmalin aus Madagaskar (Abbildung links). Spezialbeleuchtung lässt die Steine funkeln; ein Händler lagert seine Stücke sogar unter Wasser – so kämen die Farben besser zur Geltung, sagt er. Die Preise variieren. Für zwei Euro bekommen wir etwas für den Setzkasten: einen kleinen Bluteisenstein. Wer fünf bis zehn Euro über den Tresen reicht, kann sich einen etwa vier Zentimeter großen treppchenförmigen Bismut-Kristall mit regenbogenbunter Oxidationsschicht in ein Papiertütchen wickeln lassen. Für eine staubsaugergroße Amethyst-Druse, also einen amethystgefüllten Hohlraum in einem aufgeschnittenen Gesteinsbrocken, muss man dem Händler ein paar tausend Euro in die Hand zählen. Wer es spannend mag, kann sich ab zehn Euro ungeöffnete Steine mit Hohlräumen (Geoden) gönnen, die potenziell mit Kristallen gefüllt sind – „Überraschungseier“ nennt sie ein Messebesucher. Knacken lassen sie sich mit einer armgroßen Spezialzange (Abbildung rechts).

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Auswahl an Edelsteinen, die Händler bei den Düsseldorfer Mineralientagen im Angebot haben. Fotos: Stefan Albus
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Ein Händler verkauft Steine mit kristallgefüllten Hohlräumen (Geoden, oben). Er öffnet die bei Verkauf noch geschlossenen Steine mit einer Spezialzange (unten).

Volle Hallen und Häuser

Wer interessiert sich für sowas? Wir fragen einen hochgewachsenen Mann mit Hut. Er ist Sammler und sucht nach neuen Stücken. 900 hat er schon. So viele? „Das ist wenig. Es gibt Leute, die haben über 50 000.“ „Manche haben ganze Lagerhallen voll“, erklärt ein Händler.

Ein Herr hinter einem anderen Stand antwortet zunächst gar nicht auf die Frage, warum er hier ist – dann zückt er sein Smartphone und öffnet eine Übersetzungs-App. Auf dem Display steht: Ich komme aus Tadschikistan und möchte hier Spinelle verkaufen.

Eine junge Sammlerin interessiert sich für Kaktusquarze und zeigt uns einige ihrer stacheligen Lieblingsstücke auf ihrem Handy. Zwei Damen erzählen, dass sie in jedem Raum ihres Hauses Kristalle stehen haben. „Angefangen hat das mit acht Jahren“, berichtet eine der beiden, die andere nickt. Acht, neun Jahre, das ist ein Startalter, das hier auch andere Sammler angeben. 800 Stück seien es mittlerweile geworden, erzählt die Frau weiter. Gut, irgendwann sei man schon etwas übersättigt. Trotzdem geht die Frau weiter auf Messen wie diese – „vielleicht fühle ich mich ja von irgendetwas angezogen.“

Sammeln oder jagen

„Es gibt so viele, die irgendwas sammeln“, sagt ein Händler. „Am Ende ist es fast egal, was. Briefmarken, Münzen … Es ist der Jagdinstinkt. Man möchte immer noch schönere Stücke finden.“ Und sich mit anderen Sammlern vergleichen.

Wir sprechen mit der Organisatorin der Düsseldorfer Mineralientage, Ria Mayer. Ihre Kunden seien in erster Linie Sammler, erklärt sie. Allerdings seien das eher ältere Menschen – und die würden allmählich weniger. Junge Leute sammelten heute lieber andere Dinge – da fallen uns gleich Pokémon ein. Aber tatsächlich kämen zwischen fünf und zehn Prozent der Leute aus dem Esoterik-Lager (anderswo gehen die Schätzungen bis zu einem Viertel).

Das Wohlbefinden stärken

Eine ältere Dame erzählt: Ihre Enkel waren drauf und dran, auf die schiefe Bahn zu geraten. Eigentlich glaube sie an sowas nicht, sagt sie, aber sie habe ihnen dann Heilsteine geschenkt – und die Jungs hätten sich gefangen. Und vorhin hätte sie einen Meteoriten gestreichelt. Da wäre etwas mit ihr passiert. Uns empfiehlt sie einen Labradorit, Wikipedia zufolge ein Gerüstsilikat der Zusammensetzung (Ca,Na)Al(Si,Al)3O8.

An einem der Nachbarstände schauen wir uns dieses Mineral einmal näher an. Labradorit stärke die Intuition und helfe, mit höheren Bewusstseinsebenen in Verbindung zu treten, erfahren wir vom Händler. In uns verändert sich nichts – vielleicht weil wir nicht auf der schiefen Bahn sind. Ein paar Meter weiter entdecken wir einen Meteoriten. Wir berühren ihn. Außer der scharfen Ansage des Händlers („Nicht anfassen!“) bleibt ebenfalls alles wie gehabt.

Wir finden zudem Amazonit (K[AlSi3O8]) mit kleinen Bleibeimengungen – für Selbstvertrauen und Stressbewältigung – und Apatit. Das ist eine Sammelbezeichnung für Minerale der Zusammensetzung Ca5[F,Cl,OH)I(PO4)3]: gut für Kommunikation und Stoffwechsel sowie geistige Klarheit beim Meditieren.

Und unser Bluteisenstein? „Der bewirkt, dass es mir jetzt besser geht, weil Sie den bezahlt haben“, sagt der Händler, bei dem wir ihn erworben haben. Aber auch er bestätigt: Um die zehn Prozent seiner Kunden kämen aus der Esoterik-Ecke.

„Wogegen hilft denn der hier?“, fragen wir an einem anderen Stand. Wir zeigen auf eine kleine Kunststoffwanne mit Anhängern aus grünblauem Chrysokoll (Cu4H4[(OH)8ISi4O10] · n H2O) und halten einen davon hoch (Abbildung S. 32). „Der ist gut für den Kreislauf“, sagt der Händler. Wir greifen zu, kann nicht schaden. Zuhause kommt heraus: hilft gegen Stress, seelische Verletzungen und gibt Kraft während der Schwangerschaft. Egal, auch gut.

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Anhänger aus grünblauem Chrysokoll (Cu4H4[(OH)8ISi4O10] · n H2O).

Armut scheint es in der Szene nicht zu geben. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) schrieb im Juli des Jahres 2024: „Schon seit Jahren boomt der Markt für Esoterikprodukte, zu denen auch Heilsteine gehören. Schätzungen zufolge setzt die gesamte Branche in Deutschland zwischen 20 und 30 Milliarden Euro jährlich um.“

Beim Onlineversandhändler Amazon findet man zahllose Bücher zum Thema: „Steine und ihre Wirkungen“, „Reinigen, Aufladen, Schützen“ oder „Die Kraft der Steine“. Glück, Wohlstand, Lebensfreude – alles möglich mit Mineralien. Wer „Heilsteine“ googelt, findet Fantastilliarden Anhängerchen, Armbänder, Chakra-Sets und glatt geschliffene runde Steine für die heimische Wasserkaraffe. Die katholische Kräuter-Heilige Hildegard von Bingen soll schon vor fast einem Jahrtausend zu Steinen gegriffen haben, etwa um Zorn zu bändigen oder Rheuma zu kurieren.

Zwischen Aberglaube und Wissenschaft

Wie geht man damit als Naturwissenschaftler um? Die den Steinen zugeschriebenen Wirkungen lassen sich wohl kaum über Kristallstrukturanalyse nachweisen.

Möglicherweise ist das ein typischer Fall von „falsch, aber nicht dumm“, wie Physikerin Sabine Hossenfelder auf YouTube die Theorie der Flacherdler beschreibt. Beispiel Bergkristalle (Quarz, SiO2): Sie bündeln Pseudoexperten zufolge Erd- und Wasserstrahlen zu positiver Energie und reinigen Geist und Seele. Wer einen wasserklaren Bergkristall trüge, fälle auch klare Entscheidungen. Eine naheliegende Übertragung. Doppelender, das sind Bergkristalle mit zwei Spitzen, gelten als der Rolls Royce unter den Heilsteinen: Sie lassen Energie in zwei Richtungen fließen und wirken ausgleichend – sinnbildlich.

Selenit (Gipskristall, CaSO4 · 2 H2O), benannt nach der Mondgöttin Selene, soll Störungen und Ablenkungen von außen abschirmen sowie Spannungen abbauen; Selenit-Massagesteine sollen helfen, sich zurückzuziehen und zur Ruhe zu kommen. Vielleicht kam man darauf, weil schon die Römer aus Selenit Fensterglas hergestellt haben. Auch Marienbildnisse wurden später oft hinter dem „Frauenglas“ aufbewahrt.

Hinter Heilstein-Esoterik steckt also eine ähnliche Vor-Forschung, wie sie Alchemisten betrieben: Gold stand für die Sonne, Silber für den Mond und Eisen für den Mars. Innere Eigenschaften zuschreiben aufgrund des Aussehens eines Objekts – warum nicht? Wenn es keine anderen Anhaltspunkte gibt, sind solche Hypothesen nachvollziehbar. Bis die Forschung einen irgendwann darauf bringt, dass der Hase anders läuft. So bildeten sich aus der Alchemie die Chemie und Pharmakologie heraus.

Aufhübschen statt nachweisen

Esoteriker machen heute nicht viel anders als Naturphilosophen damals, nur dass sie ein paar Jahrhunderte Forschung ignorieren. Aber ein Studium zu Heilsteinen gibt es nicht, und der Placeboeffekt spielt ihnen in die Hände.

Nikil Mukerji leitet das Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, wissenschaftliches Denken zu fördern und Wissenschaft von Parawissenschaft abzugrenzen. Mukerji findet Heilsteine kulturell und historisch interessant: „Die Nutzung von Kristallen und Steinen zu medizinischen Zwecken geht weit in der Geschichte zurück. Traditionen aus dem alten Ägypten, der griechischen Antike, dem indischen Subkontinent, tibetischen und indigenen Kulturen sowie aus nord- und mitteleuropäischen heidnischen Praktiken haben alle dazu beigetragen.“ Es gebe aber keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Heilsteine über einen messbaren therapeutischen Effekt verfügten. Vieles sei mit den Jahren aufgehübscht worden – oder sogar erfunden. Edzard Ernst vom GWUP-Wissenschaftsrat hält fest, dass die Annahmen hinter Kristallheilkunde auf unplausiblen Hypothesen basieren, die weder durch Naturgesetze noch Empirie fundiert seien.

Bedenklich oder nicht

Hildegard von Bingen? „Muss man kritisch sehen“, meint Mukerji. „Sie wird häufig als Vorreiterin in der Verwendung von Heilsteinen genannt. Es gibt jedoch keine eindeutigen Belege in ihren Originalschriften, die ein systematisches „Steinheilungskonzept“ bestätigen. Vielmehr handelt es sich um spätere Zuschreibungen und Interpretationen.“

Das RND geht mit der Branche härter ins Gericht: Die „Wirkung von Edelsteinen“, die sich Fans mit Schwingungen und Energien erklären, die von den Steinen auf den menschlichen Körper übergehen sollen, „kann wissenschaftlich ausgeschlossen werden.“ Immerhin: Die meisten Steine seien unbedenklich. Aber wer deshalb zum Beispiel auf eine Krebsbehandlung verzichte, der zahle am Ende drauf – womöglich mit seinem Leben.

Also in die Tonne damit? Wir erinnern uns an die beiden Sammlerinnen, denen wir zu Beginn begegnet sind. Auch die hatten wir nach der Wirkung von Heilsteinen gefragt. „Man sollte das nicht so verkopft sehen“, sagt die eine Dame. Die andere: „Wir glauben da nicht dran. Aber warum soll man nicht offen sein für alles? Das sind nette Leute hier. Die Mischung macht’s.“

Der Autor

Der promovierte Chemiker Stefan Albus arbeitet seit dem Jahr 1997 als Wissenschafts- und Fachjournalist für große und kleine Unternehmen der Kunststoffbranche sowie etliche Fachmedien. Zudem ist er als Künstler tätig.

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