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Kein Job in Sicht
Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Schlechte Wirtschaftslage, globale Krisen und Unsicherheit durch KI – der Arbeitsmarkt hat sich verändert, auch für Chemiker:innen. Wo die Ursachen liegen und was Berufseinsteiger:innen tun können.
Studier‘ eine Naturwissenschaft, dann findest du garantiert einen guten Job“ – Generationen von Schüler:innen haben Sätze wie diese von ihren Lehrpersonen mit auf den Weg bekommen. Derzeit sind jedoch rund 335 000 Akademiker:innen in Deutschland arbeitslos, im Jahr 2025 waren es unter Naturwissenschaftler:innen 9,1 Prozent.1)
Egal ob Programmiererin, Architekt oder Chemikerin: In vielen Branchen ist das Jobfinden aktuell schwierig. Bis zur ersten Stelle vergehen bei Masterabsolvent:innen heute im Schnitt etwa fünf Monate, also knapp zwei Monate mehr als noch vor zehn Jahren.2) Nach einem Jahr haben immerhin vier von fünf Akademiker:innen eine Anstellung gefunden.3)
Auch Franziska Müller4) ist bereits seit mehr als einem halben Jahr auf der Suche. Die Chemikerin hat Ende des Jahres 2025 ihre Promotion abgeschlossen. Nun möchte die 32-Jährige in der Industrie Fuß fassen. Dabei gibt es eigentlich keinen Grund, warum das nicht klappen sollte. Ihr Lebenslauf liest sich lückenlos und vielversprechend: Chemiestudium in Hannover, Promotion an einer renommierten deutschen Universität und mehrere Monate Forschungsaufenthalt im Ausland. Doch nach über 60 Bewerbungen hat es bislang zu keinem Vorstellungsgespräch gereicht: „Die aktuelle Situation nagt schon ziemlich an mir. Ich stelle mich selbst ständig in Frage.“ Die Jobflaute erklärt sich Müller vor allem durch die schwierige wirtschaftliche Lage.
Krisen und Kriege
Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit Jahren in einer Krise. Handelskonflikte, geopolitische Spannungen wie der Angriffskrieg auf die Ukraine, hohe Energiepreise und die zunehmende Konkurrenz aus China setzen dem Wirtschaftsstandort zu.
Speziell in der Industrie gehen die wirtschaftlichen Prognosen zum Teil weit auseinander. Während sich die Pharmaindustrie weiterhin auf Wachstumskurs befindet und Schätzungen des Verbands der Chemischen Industrie zufolge jedes Jahr etwa einen zweistelligen Milliardenbetrag investiert – allein in Forschung und Entwicklung fließen rund zehn Milliarden Euro –,5) steckt die Chemiebranche in einer Krise. Beispielsweise hat das Unternehmen BASF die Zahl der Beschäftigten zwischen 2023 und 2025 um fast 5000 verringert, die Hälfte davon in Deutschland.6)
Philipp Gramlich ist Gründer von Natural Science Careers – seit Jahren berät der promovierte Chemiker andere Naturwissenschaftler:innen in beruflichen Belangen. Mit Coachings und Workshops deckt er etwa Mismatches auf – also unterschiedliche Jobvorstellungen bei Arbeitgeber:innen und -nehmer:innen – und gleicht deren Erwartungshaltungen ab. Gramlich bestätigt: Für Chemiker:innen sei es seit etwa Mitte 2025 „deutlich schwieriger“ geworden, einen Job zu finden. Auch er verweist dabei auf das wirtschaftlich bedingte schlechte Investitionsklima: „Die chemische Industrie ist eine global vernetzte Branche, weshalb sich Krisen wahnsinnig schnell und stark auf den Arbeitsmarkt für Chemiker:innen niederschlagen.“
Mensch statt KI
Insgesamt ist die Arbeitslosigkeit unter Akademiker:innen in Deutschland in den letzten zwei Jahren von 2,5 Prozent auf 3,3 Prozent gestiegen.7) Das klingt zwar im Absoluten nicht viel, sagt Gramlich, sei im Relativen aber schon auffällig. Gerade im Bereich Life Science beobachte der Berufsberater eine besonders junge Arbeitspopulation, weshalb dort in naher Zukunft nicht mit viel „frischem Wind in der Alterspyramide“ zu rechnen sei. Kein Wunder also, dass sich vor allem Berufseinsteiger:innen über die derzeitige Situation beklagen und mehr Aufwand betreiben müssen, um eine passende Position zu finden.
Auch die GDCh-Daten für das Jahr 2025 deuten auf einen Wandel des Arbeitsmarkts hin. Der Anteil an promovierten Chemiker:innen auf Stellensuche ist verglichen mit dem Vorjahr von sieben auf zehn Prozent gestiegen. Gleichzeitig sank unter den Chemieabsolvent:innen der Anteil derjenigen, die eine Karriere in der chemischen oder pharmazeutischen Industrie starteten, um fast zehn Prozent.8)
Neben wirtschaftlichen Schwierigkeiten sorgt die fortschreitende Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) für Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt. Viele Unternehmen investieren insgesamt nur noch zurückhaltend, wodurch sich die Beschäftigungslage verschlechtert. Zumindest in dieser Hinsicht aber entwarnt Gramlich: „KI wird zukünftig vor allem in der Syntheseplanung relevant, aber Moleküle herstellen kann sie nicht.“
Allerdings steigt der Wettbewerb unter Arbeitssuchenden. Auf eine offene Stelle bewerben sich heute – wohl auch unterstützt durch die Hilfe von KI – deutlich mehr Bewerber:innen als noch vor wenigen Jahren, die in diesem Text genannten Interviewpartner:innen sprachen von teils mehreren hundert Konkurrent:innen in ihren Bewerbungsverfahren. Gramlich rät daher Berufseinsteiger:innen, vor allem in persönliche Kontakte zu investieren und Mut zur Nische zu beweisen.
Wartezeiten und Ghosting
Die hohe Zahl an Bewerbungen schlägt sich auch in längeren Wartezeiten für Arbeitssuchende nieder. Alexander Wagner4) ist Chemieingenieur und sucht seit Oktober 2025 nach einer neuen Arbeitsstelle. Seinen letzten Job in der Anwendungstechnik hat er aufgrund finanzieller Einsparungen verloren. Seither hat er etliche Bewerbungen verschickt. Im Schnitt dauere es mehrere Wochen, bis Wagner eine Rückmeldung erhalte, bei der Hälfte der Bewerbungen warte er sogar vergeblich auf eine Nachricht. Um die Gefahr des Ghostings zu verringern, hat der Ingenieur inzwischen angefangen, bereits im Voraus direkten Kontakt zu Arbeitgeber:innen zu suchen: „Ich rufe oft an, bevor ich meine Bewerbung abschicke. Meine Erfahrung ist, dass die Firmen dann eher eine Rückmeldung geben. Immerhin ist man dann nicht mehr nur irgendeine Bewerbernummer.“
Auf Anfrage wollten sich nur wenige Unternehmen zu diesem Thema äußern. Das Chemieunternehmen Evonik beschreibt das derzeitige Recruiting als einen „Balanceakt zwischen dem Bewerbungsvolumen, einer schnellen Rückmeldung, einer sorgfältigen Prüfung der Bewerbungsunterlagen und einer fundierten Entscheidung“. Sollte eine Rückmeldung auf sich warten lassen, sei es aber nach etwa zwei Wochen durchaus legitim, nachzuhaken.
Auch für den Chemiekonzern Altana seien schnelle und aussagekräftige Rückmeldungen wichtig, wofür das Unternehmen laut eigenen Angaben durchschnittlich zwei bis drei Wochen benötigt. Zuvor bekommen Bewerber:innen eine automatisierte Eingangsbestätigung.
Passgenaues Puzzlestück
Derzeit sind verhältnismäßig wenige Stellen ausgeschrieben, dadurch bewerben sich viele Menschen auf wenige Positionen. Deswegen berichten Betroffene zudem von sehr spezifischen Anforderungen der Arbeitgeber:innen. Franziska Müller findet es auffällig, dass inzwischen häufiger Kenntnisse in Data Science vorausgesetzt würden, das im Studium kaum aufgegriffen worden sei. Für Alexander Wagner ist das Bewerben selbst inzwischen zur Wissenschaft geworden: „Es wird viel erwartet, gleichzeitig wird einem aber nur wenig entgegengebracht.“ Früher hätten auch schon 80 Prozent Übereinstimmung gereicht, um beim Bewerbungsprozess erfolgreich zu sein. Heute suchten Firmen lieber nach dem einen „passenden Puzzlestück“.
Diese Entwicklung trifft vor allem Gruppen, die es ohnehin schon schwieriger auf dem Arbeitsmarkt haben – etwa Arbeitssuchende mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Denise Huber4) hat direkt nach der Promotion ein Kind bekommen. Aktuell forscht sie mit einem befristeten Vertrag an einem Forschungsinstitut. Doch die Suche nach einer langfristigen Alternative in der Industrie war bislang vergeblich. Sie berichtet, dass die Mutterrolle ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt wesentlich beeinträchtige: „Ich habe oft überlegt, ob ich meine Elternzeit einfach aus meinem Lebenslauf streichen soll.“ Zudem sei sie in nahezu allen bisherigen Vorstellungsgesprächen gefragt worden, wie sie Dienstreisen mit Kind organisieren würde – obwohl sie bereits regelmäßig beruflich reist. „Ich glaube, dass mein Mann sowas mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht gefragt werden würde“, sagt Huber.
Karriere im Wandel
Inzwischen hinterfragen mehr und mehr Chemiker:innen den Stellenwert der Promotion. Der Doktortitel galt lange als nahezu unverzichtbar, doch inzwischen sorgen sich viele, für bestimmte Positionen überqualifiziert oder zu kostspielig zu sein. Besonders bei tarifgebundenen Unternehmen kann dies ein Faktor sein, da Promovierte häufig in höhere Gehaltsgruppen eingeordnet werden. Bewerber:innen mit Masterabschluss haben dort mitunter sogar bessere Chancen, weil sie für ähnliche Aufgaben günstiger eingestellt werden können. Gleichzeitig fühlen sich viele Absolvent:innen ohne Promotion nicht ausreichend auf Tätigkeiten in der Industrie vorbereitet.
Auch die befragten Unternehmen betonen, dass formale Abschlüsse allein längst nicht mehr ausschlaggebend seien. Stattdessen rücken individuelle Stärken, Persönlichkeit und Motivation stärker in den Fokus. So legt Altana nach eigenen Angaben heute mehr Wert auf Initiative als auf reine Qualifikationsnachweise. Evonik empfiehlt Bewerber:innen, ihre Unterlagen konsequent auf die ausgeschriebene Stelle zuzuschneiden und relevante Kompetenzen im Lebenslauf hervorzuheben.
Das hat zumindest Denise Huber geholfen. Sie hat mittlerweile eine Stelle in der Industrie gefunden.
Eine persönliche Geschichte, wie man zu einem Beruf abseits der Chemie kommt, findet sich auf S. 18 dieser Nachrichten.
Auf den Punkt
Die Arbeitslosenquote unter Naturwissenschaftler:innen betrug im Jahr 2025 9,1 Prozent. Neben wirtschaftlichen Schwierigkeiten sorgt die fortschreitende Entwicklung künstlicher Intelligenz für Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt.
Auch lückenlose Lebensläufe und Auslandsaufenthalte sind für Akademiker:innen derzeit keine Garanten dafür, eingestellt zu werden.
Berufseinsteiger:innen sollten vor allem in persönliche Kontakte investieren und Mut zur Nische haben.
Wer nach etwa zwei Wochen keine Rückmeldung zu seiner Bewerbung bekommen hat, darf nachfragen.
Die Autorin
Nach ihrem Chemiestudium hat Anna Tratter die Seiten gewechselt und berichtet heute als freie Wissenschaftsjournalistin über Forschung, Karriere und gesellschaftliche Entwicklungen. Als Selbstständige kennt sie die aktuellen Unsicherheiten des Arbeitsmarkts auch aus eigener Erfahrung.
- 1 Statistik der Agentur für Arbeit: t1p.de/6no52
- 2 boerse.de/nachrichten-amp/Im-Schnitt-4-Monate-auf-Jobsuche-Hochschulabsolvent-innen-erleben-Realitaetsschock/38316398
- 3 Statistik der Agentur für Arbeit: t1p.de/ejm6p
- 4 Name von Redaktion geändert
- 5 Zahlen des Verbands der Chemischen Industrie: t1p.de/11m8a
- 6 zeit.de/news/2026-02/27/basf-verschaerft-sparkurs-bereits-4-800-stellen-gestrichen
- 7 Statistik der Agentur für Arbeit: t1p.de/himyg
- 8 Angaben des GDCh-Karriereservice
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