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„Junge Leute wissen wenig über Fachhochschulen“

Nachrichten aus der Chemie, Februar 2023, S. 8-11, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Michael Groteklaes, Hochschule Niederrhein, und Wilhelm Buckermann, Hochschule Esslingen, engagieren sich für das Chemiestudium an Fachhochschulen oder Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, wie sie heute oft heißen. Im Jahr 2022 hat Buckermann von Groteklaes die Leitung des Fachbereichstags Angewandte Chemie übernommen. Ein Gespräch über Studienanfänger mit Berufsausbildung, das Promotionsrecht und die Angst vor der Mathematik.

Nachrichten aus der Chemie: Wem empfehlen Sie ein Studium an einer Fachhochschule?

Michael Groteklaes: Jemandem, der anwendungsorientiert ist, und jemandem, den es interessiert, was man aus Chemie macht, nicht die Chemie selber.

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Michael Groteklaes war von 1993 bis 2022 Professor für Lackchemie und anorganische Chemie an der Hochschule Niederrhein in Krefeld.

Wilhelm Buckermann: Studierenden, die nicht nur rein theoretisch, akademisch lernen wollen, sondern auch Praxisorientierung suchen. Auch solchen, die die Nähe zu kleinen oder mittelständischen Unternehmen suchen. Das Hauptbetätigungsfeld der Absolventen liegt in Anwendungstechnik und Produktion.

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Wilhelm August Buckermann ist seit dem Jahr 2009 Professor für Chemiewirtschaft an der Hochschule Esslingen.

Das bedeutet, dass Ihre Absolventen weniger Chemiekenntnisse haben?

Groteklaes: Ja, aber dafür haben sie in anwendungsnahen Fächern deutlich mehr Kenntnisse, zum Beispiel in ingenieurspezifischen Fächern. Anwendungsorientierte Entwicklung und Optimierung können sie. Und das braucht die Industrie.

Trotzdem schreiben sich weniger als zehn Prozent der Studienanfänger in Chemie an einer Fachhochschule ein.

Groteklaes: Ich denke, das hängt damit zusammen, dass die Lehrer nur die Unis kennen. Und für jemanden, der sich so für Chemie interessiert, dass er das studieren will, ist die Universität richtig.

Buckermann: Junge Leute wissen wenig über Fachhochschulen, wenn’s um Chemie geht. Sie verbinden sie mit Maschinenbau, Bauingenieurwesen und Elektrotechnik. Das ist selbst bei uns in Esslingen so, wo die Hochschule mitten in der Stadt liegt. Mir haben Studierende häufiger gesagt, sie hätten bis zum Abitur nicht gewusst, dass man in Esslingen Chemieingenieurwesen oder Biotechnologie studieren kann.

Wie finden dann die Studienanfänger zu Ihnen?

Groteklaes: Manchmal weiß es jemand aus dem Freundeskreis oder der Verwandtschaft. In Krefeld beschäftigen wir uns mit Lack. Zum Studium kommen daher viele, deren Freund oder Onkel in der Branche arbeitet und gesagt hat: „Mach was mit Lack, dann wirst Du nie arbeitslos.“

Haben viele eine einschlägige Ausbildung?

Buckermann: Ja. Zu uns kommt eine Reihe von jungen Leuten, die Maler und Lackierer gelernt haben und dann von Unternehmen geschickt werden.

Also ist die spezielle Vertiefungsrichtung das Hauptmotiv, an einer Fachhochschule zu studieren?

Buckermann: Das auch, aber Studienanfänger gehen an Fachhochschulen, weil die Kurse überschaubarer und kleiner sind, es ist persönlicher. Bei uns sind die Anforderungen vor allem an die Selbstorganisation geringer als an Universitäten. Das Studium ist bei uns stärker strukturiert. Es gibt junge Leute, die gerade das suchen.

Sehen Sie es als Aufgabe des Fachbereichstags, die Fachhochschulen stärker ins Bewusstsein zu bringen?

Groteklaes: Unter anderem. Ein anderes Thema sind sinkende oder zu geringe Zahlen an Studierenden. Wenige Chemiestudiengänge an Fachhochschulen sind ausgelastet. Den vollen Erfolg, Studenten zu gewinnen, haben wir nicht.

Buckermann: Die Situation ist überall so. Rückläufige Bewerbungszahlen gibt es nicht nur in der Chemie, sondern in fast alle technischen Studiengängen außer Informatik.

Was denken Sie, woran das liegt?

Groteklaes: An der Mathematik. Wir zählen zu den Ingenieuren – Ingenieurstudiengänge haben einen guten Ruf, aber eben auch den, anspruchsvoll zu sein, und davor haben viele Angst.

Auch an Fachhochschulen?

Groteklaes: Wir machen mehr Mathematik als die Universitäten. Jedenfalls in Krefeld ist das so.

Wie Sie eben erwähnten, studieren an Fachhochschulen nicht nur Abiturienten, sondern auch Absolventen mit einer Berufsausbildung und Berufserfahrung. Die Studierenden kommen also mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen an die Hochschule. Wie bringen Sie alle auf den gleichen Wissensstand, gerade in der Mathematik?

Buckermann: Wir machen das, was wir können: Begleitkurse und Tutorien, Unterstützungsangebote in Mathematik und Physik.

Vor allem für Anfänger mit beruflicher Bildung oder auch für Abiturienten?

Groteklaes: Für alle. Es gibt ja auch Abiturienten, die gar nicht erst versuchen, eine Aufgabe zu lösen, wenn sie „ln“ oder „lg“ lesen. Es kommen ja nicht nur die allerbesten Abiturienten zu uns, sondern eben auch diejenigen, die etwas schwächer sind oder sich weniger zutrauen. Mathematik ist für Abiturienten zwar einfacher als für diejenigen, die seit der achten Klasse kaum noch Mathe hatten oder die einen Meister gemacht haben und nur die Grundlagen der Mathematik gelernt haben. Die beißen sich aber gut durch. Studienanfänger aus der beruflichen Bildung wissen, was sie wollen, und haben Erfahrung. Damit haben sie wiederum einen Vorteil gegenüber den Abiturienten.

Es geht also darum, den Studierenden erstmal die Angst vor der Mathematik zu nehmen.

Groteklaes: Ja. Manchmal ist es auch eine Frage des Wollens. Diejenigen, die sich damit auseinandersetzen, schaffen es, und wenn es bei der Klausur im dritten Versuch ist.

Die GDCh hat eine Studienkommission, die Inhalte für die Bachelorstudiengänge an den Universitäten empfiehlt. Im letzten Jahr sind die Empfehlungen neu herausgekommen. Warum gibt es solche Empfehlungen nicht für Fachhochschulen?

Groteklaes: An Fachhochschulen gibt es so viele unterschiedliche Studienrichtungen. Wir in Krefeld beispielsweise brauchen mindestens drei verschiedene Empfehlungen: für die Richtung Biotechnologie, die Richtung angewandte Chemie und die Richtung Chemieingenieurwesen. Die Grundlagen an den Fachhochschulen sind daher unterschiedlich.

Aber das sind doch erstmal anorganische, organische und physikalische Chemie, Mathe und Physik, oder?

Buckermann: Ja, das stimmt schon. Aber bei allem, was darüber hinausgeht, divergieren die Studieninhalte an Fachhochschulen sehr.

Groteklaes: Unis können sich sechs Semester lang an diesem Katalog an Inhalten orientieren, den die Studienkommission empfiehlt. Wir beginnen schon nach zwei Semestern mit den angewandten Fächern.

Sind Studieninhalte ein Diskussionsthema im Fachbereichstag?

Groteklaes: Beim Thema Studieninhalte fragen wir uns vor allem: Wie können wir Neues implementieren, ohne das Studium zu überladen?

Haben Sie Beispiele?

Groteklaes: Chemikalienrecht wird wichtiger. Wer in die Industrie geht, muss sich mit Reach auskennen, dazu kommen Toxikologie und Ethik der Chemie. Und der Umgang mit großen Datenmengen wird viel wichtiger.

Buckermann: Programmierkenntnisse ganz allgemein. Wir haben unser Grundlagenstudium angepasst und fangen damit im ersten Semester an. Dazu kommen Nachhaltigkeitsthemen wie nachwachsende Rohstoffe und Lifecycle Assessment.

Und was fällt weg?

Buckermann: Wir haben dann zum Beispiel das organische Praktikum um einen Versuch gekürzt und Englisch aus dem Studienplan gestrichen.

Bei den Ars-Legendi-Preisen für exzellente Lehre wurden überproportional viele Dozenten von Fachhochschulen ausgezeichnet. Geben sich die FH mehr Mühe mit der Lehre ?

Groteklaes: Lehre war für uns lange die Kernkompetenz. Ursprünglich sind wir Lehrprofessoren. Wir haben durch die kleineren Gruppen mehr Kontakt mit den Studenten.

Buckermann: Fachhochschulprofessorinnen und -professoren haben vorher oft in der freien Wirtschaft gearbeitet. Das Interesse, Wissen weiter zu geben und junge Leute auszubilden, ist für viele ein Grund, an eine Hochschule zu wechseln. Sie entscheiden sich bewusst für den Lehrberuf. Diejenigen, die aus Leidenschaft lehren, lassen sich immer Neues einfallen. Die Hochschule wählt die Leute auch danach aus, ob sie lehren können. Professoren an der Uni sind in erster Linie Forscher und leiten Arbeitskreise.

Wird sich das ändern, wenn Fachhochschulen überall Promotionsrecht erhalten?

Groteklaes: Das ändert sich jetzt schon.

Wie?

Groteklaes: Bei uns in Nordrhein-Westfalen sind Forschung und Lehre gleichgestellt, und es gibt Zulagen speziell für Forschung. Wenn es um Geld geht, verschieben sich die Prioritäten. Zudem ist Forschung besser messbar als Lehre, über Veröffentlichungen oder eingeworbene Drittmittel. Wenn bei einer Klausur die Durchfallquote sinkt, geht man nicht unbedingt von besserer Lehre aus, sondern denkt, dass die Klausur einfacher war.

Fachhochschulen in Baden-Württemberg haben seit dem letzten Jahr das Promotionsrecht.

Buckermann: Aber das ist an Auflagen gebunden und dadurch nichts für die breite Masse. Bei uns gibt es auch eine Zulage für die Forschung, aber eben auch für die Lehre. Ich denke, ein Großteil der Professorenschaft bei uns in Baden-Württemberg sieht Fachhochschulen in erster Linie als Lehr- und weniger als Forschungseinrichtung. Das Promotionsrecht wird dennoch einen Anreiz für Neuberufene bieten, sich stärker in der Forschung zu engagieren.

Groteklaes: Dabei gibt es in der Anwendungstechnik eher Entwicklung statt Forschung, und das wird oft nicht veröffentlicht.

Sie halten also nichts vom Promotionsrecht an FH?

Groteklaes: Das nicht. Ich sehe nur die Gefahr, dass die Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten verschwimmen. Das passiert dann, wenn Fachhochschulen nur noch Habilitierte berufen, die keine Erfahrung aus der Industrie haben. Dabei gehört es zum Profil der Fachhochschulen, dass sie wissen, wie die Industrie tickt.

Wie viele Ihrer Absolventen wechseln an Universitäten, um zu promovieren?

Buckermann: Man kann sie an einer Hand abzählen. Es ist die Ausnahme.

Groteklaes: Maximal zehn- bis fünfzehn Prozent.

Wie kommen die zurecht?

Buckermann: Sie haben gute Chancen. Denjenigen, die gute Noten haben und früh wissen, dass sie promovieren möchten, rate ich allerdings dazu, den Master schon an einer Universität zu machen. Der Übergang ist dann einfacher, sie lernen den Doktorvater vielleicht schon in der Masterarbeit kennen. Oft müssen sie ein oder sogar zwei Semester oder bestimmte Kurse nachholen.

Groteklaes: Wir kooperieren mit der Universität Duisburg-Essen, unsere Doktoranden betreuen dort Praktika. Die Uni ist mit unseren Doktoranden sehr zufrieden. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sie während ihres Praxissemesters ein halbes Jahr in der Industrie waren und dadurch zielorientierter arbeiten.

Mit welchem Abschluss gehen Ihre Absolventen normalerweise ins Berufsleben?

Groteklaes: Viele mit dem Bachelor – vielleicht auch, weil sie das Geld brauchen. Für mehr Studierende als an den Unis bedeutet das Studium einen Bildungsaufstieg. Sie kommen aus Elternhäusern, in denen niemand studiert hat. Viele von ihnen wollen möglichst schnell den Abschluss haben und dann mit dem Bachelor arbeiten gehen. Mit einem Bachelor von der Uni funktioniert das nicht. Unsere Absolventen haben sechs oder sieben Semester studiert und bekommen dann attraktiv dotierte Jobs in der chemischen Industrie.

Buckermann: Diese Jobs gibt es in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Mit dem Bachelor machen Absolventen dort schnell Karriere, wenn sie nicht auf den Kopf gefallen sind. Das ist anders als in der Großindustrie.

Auch ohne einen Masterabschluss?

Groteklaes: Mit einem Master wird es sogar schwieriger. Masterabsolventen konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt zum Teil mit Uniabgängern.

Das heißt, für Fachhochschulabsolventen lohnt es sich nicht, ein Masterstudium anzuschließen?

Buckermann: Das würde ich so nicht sagen. Ist jemand gut durchs Studium gekommen und einigermaßen clever, rate ich ihm zum Master. Das Studium dauert nur anderthalb Jahre bei uns, und es gibt später mehr Möglichkeiten.

Groteklaes: Das hängt von der Hochschule ab. Finanziell rechnet sich der Master erstmal nicht.

Ihre Absolventen finden schnell also Stellen?

Buckermann: Im Großen und Ganzen ja. Sie haben ein Praxissemester und meistens auch die Abschlussarbeit in einem Unternehmen durchgeführt und damit schon einen Fuß in der Tür. Viele werden übernommen. Aber manche Absolventen sind etwas wählerisch, wollen in der Region bleiben oder bei ganz bestimmten Unternehmen arbeiten.

Aber ist es nicht ein Charakteristikum von Fachhochschulen, dass sie in der Region verankert sind?

Buckermann: Ja. Aber etwas Flexibilität brauchen die Absolventen.

Mit Wilhelm Buckermann und Michael Groteklaes sprach Nachrichten-Redakteurin Frauke Zbikowski.

INFO: Chemiestudium an Fachhochschulen

Jährlich beginnen zwischen 1000 und 1500 Personen ein Chemiestudium an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) oder Fachhochschule (FH). Von den Absolventen eines Bachelorstudiengangs steigt ein Fünftel direkt ins Berufsleben ein, etwa drei Viertel schließen ein Masterstudium an. Etwa 42 Prozent der Studierenden sind weiblich. Das Studium an einer Fachhochschule dauert in der Regel sieben Semester. Für duale Studiengänge, bei denen die Studierenden parallel in einem Betrieb ausgebildet werden, sind acht bis zehn Semester vorgesehen. Die Masterstudiengänge sehen Regelstudienzeiten von drei oder vier Semestern vor, Wirtschaftschemie in Idstein ist mit fünf Semestern eine Ausnahme. Jedes Jahr schließen zwischen 700 und 900 Studierende das Bachelorstudium ab, und zwischen 400 und 500 Absolventen verlassen mit dem Master die Hochschulen.

24 Fachhochschulen in Deutschland bieten Chemiestudiengänge an. Bei den Bachelorstudiengängen und mehr noch bei den Masterstudiengängen gibt es einige mit speziellen Vertiefungsrichtungen, darunter Technologie der Kosmetika und Waschmittel an der Hochschule Westfalen-Lippe, Umwelttechnologie in Emden, Chemieingenieurwesen Farbe und Lack an der Hochschule Esslingen oder Pharmazeutische Chemie an der TH Köln. Einige Studiengänge sind auch berufsbegleitend oder in Teilzeit studierbar.

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