Gesellschaft Deutscher Chemiker

Frauen in der Lebensmittelchemie

Ja, das schon wieder / Trendbericht Lebensmittelchemie 2026 1/4

Nachrichten aus der Chemie, November 2026, S. 68-69, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Jana Raupbach zeigt Lösungen für die „undichte Leitung“, die dafür sorgt, dass beim überwiegend von Frauen studierten Fach Lebensmittelchemie 70 % der Professuren von Männern besetzt sind.

Frauen in der Lebensmittelchemie: Ja, das schon wieder.

Frauen machen 60 bis 75 Prozent der Lebensmittelchemiker:innen in Studium und Promotion aus.1) In der Postdoc-Phase sind es noch 40 bis 50 Prozent, bei Professuren in der Lebensmittelchemie in Deutschland etwa 30 Prozent. Das Leaky-Pipeline-Phänomen: Hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen verlassen das System auf dem Weg zur Spitzenposition. Im Wettbewerb um wissenschaftlichen Nachwuchs gilt jedoch: Eine Disziplin, die überwiegend von Frauen studiert wird, kann es sich langfristig nicht leisten, auf einen Großteil ihres wissenschaftlichen Potenzials zu verzichten.

Die Gründe für die undichte Leitung sind vielfältig und wissenschaftlich gut untersucht.2–4) Befristete Verträge, hoher Publikationsdruck und die Erwartung zur Bereitschaft, ins Ausland zu ziehen, stehen im Konflikt mit der Familiengründung und der folgenden Sorgearbeit, die überwiegend Frauen übernehmen. Hinzu kommen strukturelle Probleme wie unbewusste Vorurteile bei Berufungsverfahren, fehlende Vorbilder in Führungspositionen und männlich geprägte Netzwerke in der Wissenschaft. Es handelt sich also nicht um ein zufälliges Leck, sondern um einen Selektionsprozess. Pascher-Kirsch und Jansen sagten im Jahr 2014: „Die Fachkultur der Chemie orientiert sich an den Lebensverhältnissen von Männern – und das wird als geschlechtsneutral präsentiert.“5)

Dagegen braucht es Maßnahmen: Aus Sicht karriereorientierter Wissenschaftlerinnen gehören dazu verlässliche Karrierewege mit früher Entfristung, transparente Berufungsverfahren und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft. Ein Beispiel hierfür ist das preisgekrönte Mutterschutzlabor am Lehrstuhl für Lebensmittelchemie, initiiert von Hannah Zenker und Sabrina Gensberger-Reigl an der Universität Erlangen-Nürnberg [Nachr. Chem. 2026, 74(5), 20].6) Dort können schwangere und stillende Wissenschaftlerinnen ihre Forschungsarbeit sicher fortsetzen; schädliche Chemikalien werden entfernt und gefährliche Arbeitsschritte von studentischen Hilfskräften übernommen.

Damit Elternzeit im Wissenschaftsbetrieb nicht als Belastung für das Team oder den Arbeitgeber wahrgenommen wird, braucht es attraktive Vertretungsmodelle. Wenn Fakultäten über flexible Mittel verfügen, um Elternzeitvertretungen mit ausreichender Laufzeit für wissenschaftliche Qualifikationen auszugestalten, verliert Elternzeit den Makel der Störung. Maßnahmen wie Doppelspitzen in der Institutsleitung (Co-Leadership) zeigen, wie moderne Führung funktionieren könnte: Sie brechen starre Präsenzerwartungen auf, sichern Wissen bei Ausfällen ab, und so werden Leitungspositionen attraktiv für eine wesentlich vielfältigere Gruppe.

Zusätzlich unterstützen können sichtbare weibliche Vorbilder und Mentoring-Programme wie das Zia-Fellowship-Programm des Zeit-Verlags und das Leibniz-Mentoring. Außerdem fördern Programme Frauen in Führungspositionen, beispielsweise das BMBF-Professorinnenprogramm 2030 sowie das Unesco-L’Oréal-Programm und die Christiane-Nüsslein-Volhard-Stiftung, die vor allem Forscherinnen mit Kindern unterstützen.

Das Problem mit dem Begriff Frauenförderung ist, dass alle ihn gut finden; trotzdem initiieren meist Frauen Maßnahmen zur Gleichstellung.7) Wir sollten aufhören, das Thema als reines Frauenthema zu verstehen, für dessen Behebung auch nur Frauen verantwortlich sind. Nachhaltige Veränderungen gelingen nur, wenn alle Beteiligten im Wissenschaftssystem Strukturreformen tragen. Auch wer nicht zur Zielgruppe gehört, profitiert vom Fortschritt: durch transparente Karrierewege, Übernahme von Sorgearbeit, ohne Karriereeinbußen befürchten zu müssen, und modernere Führungsstile.

Chancengerechtigkeit befreit aus überholten Rollenerwartungen im Wissenschaftsbetrieb und schafft ein faires, lebenswertes Arbeitsumfeld.

In den folgenden Portraits geben drei Wissenschaftlerinnen Einblicke in ihre Forschung, Arbeit und Erfahrungen. Sie stehen stellvertretend für viele talentierte Frauen in der Lebensmittelchemie und sind Vorbilder für die nächste Generation von Wissenschaftlerinnen.

Jana Raupbach

Drei Fragen an die Koordinatorin: Jana Raupbach

Ihre Forschung in 140 Zeichen:

Wir erforschen, wie die Verarbeitung pflanzlicher Proteine die Verdauung, Entstehung von bioaktiven Verbindungen und Darmgesundheit beeinflusst.

Wie schaffen Sie es, Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen?

Entscheidend sind die Unterstützung durch meinen Partner und die Familie, gegenseitige Rücksichtnahme und eine gute Organisation mit klaren Absprachen. Natürlich passt manchmal trotzdem nicht alles unter einen Hut. Dann hilft es, das zu akzeptieren und zu wissen: Es wird auch wieder anders.

Welche Erkenntnis der letzten zwölf Monate war für Ihre Forschung besonders wichtig?

Eine wichtige Erkenntnis für mich ist: Ich mache das alles nicht allein. Das gilt für die Forschung genauso wie für die akademische Verwaltung. Hinter allem stehen Menschen, die jeden Tag viel leisten, mitdenken und Verantwortung übernehmen. Der Austausch, die Kommunikation und das gemeinsame Arbeiten sind dabei entscheidend. Auch wenn die Arbeitsbedingungen nicht immer ideal sind oder Dinge nicht wie gewünscht laufen, gibt mir dieser Zusammenhalt sehr viel Kraft und Motivation.

Jana Raupbach, Jahrgang 1987, ist seit April 2024 Juniorprofessorin für Lebensmitteltoxikologie an der TU Braunschweig. Sie erforscht Proteinveränderungen während der Lebensmittelverarbeitung und deren gesundheitliche Auswirkungen. Sie studierte Lebensmittelchemie an der TU Dresden, wo sie auch promovierte. Sie arbeitete als Postdoc am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke und an der Universität Wageningen, Niederlande. Den Trendbericht schreibt und koordiniert sie als Werner-Baltes-Preisträgerin 2025 der Lebensmittelchemischen Gesellschaft der GDCh.https://eu-central-1.graphassets.com/Aype6X9u2QGewIgZKbFflz/cmvte40b02khu07ut9d00rzz7

  • 1 GDCh-Statistik der Chemiestudiengänge in Deutschland, Statistische Daten 2024, veröffentlicht im Juli 2025
  • 2 UNESCO 2023, UNESCO Call to Action: Closing the gender gap in science: unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000388641
  • 3 S. J. Ceci, D. K. Ginther, S. Kahn, W. M. Williams, Psychol. Sci. in the Public Interest 2014, 15, 75–141
  • 4 N. Dasgupta, J. G. Stout 2014, Policy Insights Behav. Brain Sci. 2014, 1, 21–29
  • 5 U. Pascher-Kirsch, K. Jansen, GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 2014, 6(3), 61–77
  • 6 Pressebeitrag der FAU: t1p.de/cbdz6
  • 7 M. Järvinen, N. Mik-Meyer, Curr. Sociol. 2024, 73, 302–320

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