Maren Bulmahn, mb@mb-recherche.de Stefanie Schneider
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Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Eigentlich wollte Verena Wulf für einen Postdoc ins Ausland, dann zurück nach Deutschland. Zehn Jahre später lebt und arbeitet die Chemikerin noch immer in Israel, hat dort eine Familie und spricht fast fließend Hebräisch. Warum für sie in geopolitisch unsicheren Zeiten Vertrauen und Pragmatismus zählen, was sie an der israelischen Kultur schätzt und aus Deutschland vermisst.
Als Verena Wulf nach Israel ging, war das als Zwischenstation gedacht. Heute, zehn Jahre später, leitet die 39-jährige Chemikerin das Lichtmikroskopiezentrum am Edmond and Lily Safra Center for Brain Sciences (ELSC) in Jerusalem. Studiert hat sie in Marburg, promoviert in Mainz über Goldnanopartikel als optische Biosensoren.
Im Jahr 2016 suchte Wulf nach einer Postdoc-Stelle im Ausland. Sie wollte in ein Land, in dem die Forschung in der Nanobiotechnik international angesehen ist, als Sprungbrett für eine eigene Arbeitsgruppe in Deutschland. Eine Ausschreibung des Nanochemikers Itamar Willner führte sie zur Hebräischen Universität Jerusalem. „In Israel ist Geld da und das Essen soll gut sein“, habe sie damals gedacht. Die politische Situation schreckte sie nicht, sie schätzte sie als vergleichsweise ruhig ein. Nach drei Jahren Postdoc habe sie noch nicht wieder zurück nach Deutschland gewollt, also folgte ein zweiter Postdocaufenthalt an der Universität Tel Aviv, wo Wulf half, ein neues Labor aufzubauen. Nach drei Jahren bekam sie dort eine Festanstellung als Associate Researcher, forschte an Kohlenstoffnanoröhren als Biosensoren. Zu dieser Zeit habe sie aber schon gemerkt, dass es ihr viel mehr Spaß macht, Mikroskope zusammenzuschrauben und optische Aufbauten zu justieren. Dass sie heute ein Mikroskopiezentrum leitet, passt zu ihr: Sie löst Probleme gern praktisch, gibt gern ihr Wissen weiter und schätzt die Nähe zur Forschung.
Aus Israel wegzugehen kann sie sich derzeit nicht mehr vorstellen – obwohl die geopolitischen Spannungen massiv zugenommen haben, vor allem seit dem Angriff der palästinensischen radikalislamischen Organisation Hamas am 7. Oktober 2023. Denn Jerusalem ist Wulfs Lebensmittelpunkt geworden: Im Jahr 2023 hat sie einen Israeli geheiratet; die beiden haben eine anderthalbjährige Tochter und leben im Stadtzentrum Jerusalems. Zwei Tage vor dem Hamas-Angriff kamen Wulf und ihr Ehemann von ihrer Hochzeitsreise in den USA zurück. Sie sei an diesem Samstag im Oktober früh aufgewacht – Jetlag –, erzählt sie, und habe bereits jede Menge Nachrichten von Kolleg:innen aus Tel Aviv in Gruppenchats auf dem Handy gehabt: „Geht es euch gut?“; „Alles in Ordnung?“ Dann sei der Alarm in Jerusalem losgegangen und fast gleichzeitig habe das Handy ihres Mannes geklingelt: Er müsse sofort zur Arbeit kommen. Wulfs Mann ist Polizist. In den ersten Wochen nach dem Angriff arbeitete er zwölf Stunden täglich; sie war oft allein zu Hause. Die Situation sei beängstigend gewesen: fast täglich Raketenalarm, Freunde, die in den Militär-Reservedienst mussten, Opfer unter Familienmitgliedern von Bekannten.
Seit dem 7. Oktober 2023 gibt es immer wieder Phasen, in denen der Konflikt in Gaza oder mit dem Iran eskaliert. Der Alltag ähnelt dann für mehrere Tage dem, wie wir ihn aus der Corona-Pandemie kennen, sagt Wulf. „Wir sind alle angehalten, Homeoffice zu machen. Schulen und Kitas sind geschlossen.“ Nur: Geht die Sirene, heißt es ab in den Bunker. Einen eigenen Schutzraum haben Wulf und ihre Familie nicht. Deswegen nutzen sie den in der Nachbarschaft. Bei einem Alarm habe sie nur etwa eine Minute Zeit, dorthin zu gelangen – und das mit Kleinkind auf dem Arm. Unmöglich. Also laufe sie schon prophylaktisch zum Bunker. Eine Warnung auf dem Smartphone kündigt meist vier bis sechs Minuten vor einem Alarm an, dass ein Raketenabschuss registriert wurde; der eigentliche Alarm folgt erst, wenn die Behörden die Gefahrenzone eingrenzen können. Ein bisschen einfacher habe sie es, wenn sie sich mit Mann und Kind bei den Schwiegereltern einquartiert, die einen eigenen Bunker im Keller haben.
Allerdings sei die Lage ja nicht durchgehend bedrohlich, sagt Wulf. Lange Zeiten, in denen alles ruhig ist, würden überwiegen. Und in Jerusalem gebe es sowieso deutlich weniger Alarme als etwa in Tel Aviv. Mit der Zeit ist sie außerdem resilient geworden: Sie verfolge nicht pausenlos die Nachrichten. „Das bringt ja nichts und macht mich nur verrückt.“ Selbst bei akuten Bedrohungen bleibe sie mittlerweile ruhig und konzentriere sich darauf, ihre Tochter in Sicherheit zu bringen.
Zudem setzt sie auf Normalität. Auch während mehrtägiger Eskalationen bringt Wulf ihre Tochter zur Tagesmutter. Diese wohnt in der ersten Etage eines vierstöckigen Gebäudes, im Keller ist ein Bunker. Insgesamt betreut die Frau sieben Kinder. „Da muss man eben vertrauen“, sagt Wulf. „Bei einem Alarm nehmen die Nachbarn aus den oberen Stockwerken die Kinder schon mit runter.“ Panisch sei sie bisher nur einmal geworden, als sie eine Warnung aufs Handy bekommen habe, während sie mit ihrer Tochter im Auto auf der Stadtautobahn von Jerusalem unterwegs war. „Alle Autos sind plötzlich kreuz und quer gefahren.“ Sie nahm die nächste Ausfahrt in Richtung Wohngebiet, parkte und holte ihre Tochter aus dem Auto. Da sei der Alarm losgegangen und sie sei zum nächsten Haus gelaufen, das zum Glück einen Bunker hatte. „Aber bis ich da unten war, war ich völlig fertig.“
Trotz alldem fühlt sich Wulf wohl in Israel, wenn auch „nicht wahnsinnig zugehörig“, wie sie sagt. Viele Menschen definierten sich stark übers Jüdischsein, es gebe viele Feiertage, die sie aus der christlichen Kultur, mit der sie aufwuchs, nicht kenne. „Aber das ist eher meine eigene Wahrnehmung und nicht das, was mir andere vermitteln“, erklärt sie. Wulf spricht mittlerweile beinahe fließend Hebräisch und kann sich deshalb gut verständigen. Nur Emails schreibe sie auf Englisch. „Das Schreiben ist kompliziert, das bekomme ich noch nicht hin“, lacht sie.
Aus Diskussionen über Politik hält sie sich dennoch lieber heraus. „Es gibt einen Witz: Wenn drei Juden zusammensitzen, haben sie fünf Meinungen. Und das stimmt in gewisser Weise“, sagt Wulf. Israelis erlebe sie oft als sehr bestimmt in ihren Ansichten und selten zurückhaltend, wenn es darum gehe, diese zu vertreten. „Man streitet sich dann zwei Stunden lautstark und ist hinterher am selben Punkt.“ Die Streitkultur empfindet sie aber als gesund: „Selbst wenn man sich kurz vorher noch angeschrien hat, verträgt man sich wieder und hält aus, dass man unterschiedliche Meinungen hat.“ Das sei auch in Familien oder Freundesgruppen so; da gebe es manchmal stark divergente Ansichten, doch das Zusammenleben klappe trotzdem gut.
Wulf schätzt auch Arbeitskultur und Strukturen in der Wissenschaft in Israel. Studierende und Promovierende seien im Schnitt älter als in Deutschland. Viele hätten bereits Kinder und weniger lineare Lebensläufe, hätten beispielsweise schon gearbeitet und sich erst danach entschieden, einen Master oder Doktor zu machen.
Für sie als Mutter wichtig: Die Arbeitstage in Israel sind stark nach der Kinderbetreuung ausgerichtet. Es sei üblich, dass beide Elternteile arbeiten. Um 8 Uhr zu kommen und um 16 Uhr zu gehen sowie alle Termine und Meetings in diese Zeitspanne zu legen, sei völlig normal, und man werde dafür nicht schief angeschaut.
Was sie aus Deutschland vermisst? Freunde und Familie, manche Traditionen. Und Maultaschen. Andere typisch deutsche Gerichte wie Spätzle könne sie selbst machen, aber für Maultaschen bekomme man nicht die richtigen Zutaten in Israel, Wurstbrät zum Beispiel.
Weil Wulfs Mann Jude ist, feiert sie mittlerweile jüdische Feiertage, hält aber auch an christlichen Traditionen fest. Sie besucht zu Weihnachten oft ihre Familie in Deutschland oder lädt Freunde in Israel zum Weihnachtsessen ein und besorgt sogar einen Tannenbaum. Zu Ostern färbt sie Ostereier und versteckt sie für ihre Tochter. „Doppelt feiern ist ja auch nicht schlecht. Und zu den deutschen Feiertagen gibt es auch Geschenke, bei den Israelis gibt es das nämlich weniger.“ KK
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