Gesellschaft Deutscher Chemiker

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„Handlung braucht keine Hoffnung“

Nachrichten aus der Chemie, Mai 2026, S. 16-18, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Am 7. Mai startet der Film „Das Gewicht der Welt“ – für den hat Regisseur Florian Heinzen-Ziob zwei Jahre lang drei Wissenschaftler:innen in Deutschland begleitet, die sich auf verschiedene Weisen für den Klimaschutz einsetzen: eine Biologin, eine Glaziologin und den Chemiker Sebastian Seiffert. Seiffert hat uns erzählt, warum er am Film mitgewirkt sowie was sich während des Drehs für ihn persönlich verändert hat und wie es nun für ihn weitergeht.

Sebastian Seiffert, wie kommt man als Chemieprofessor in einen Dokumentarfilm?

SSDer Regisseur, der schon die drei Kino-Dokumentarfilme Original Copy, Klasse Deutsch und Dancing Pina gemacht hat, kontaktierte mich vor ziemlich exakt drei Jahren. Wir kannten uns bis dahin nicht. Er stellte sich in einer E-Mail vor und schrieb, er ginge gerade in die erste Recherche zu einem Dokumentarfilm an der Schnittstelle von Naturwissenschaft und gesellschaftlicher Aktivität mit dem Fokus Klima. Ich sei ihm aufgefallen durch Beiträge auf Social Media, YouTube und so weiter, und hätte ich Interesse, mich mit ihm auszutauschen? Wir haben dann zwei Stunden für unser Treffen eingeplant, es sind über vier Stunden daraus geworden. Wir lagen auf einer Wellenlänge, und dann war für mich völlig klar, dass ich da gerne mitmachen möchte.

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Filmausschnitte. V.l.: Die Biologin Nana Maria Grüning bei einer Aktion der internationalen Bewegung Scientist Rebellion und beim Warten auf ihre Anhörung; Sebastian Seiffert im vom Borkenkäfer zerstörten Harz und im Hörsaal bei einer Vorlesung. Alle Fotos: mindjazz pictures
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Sebastian Seiffert im vom Borkenkäfer zerstörten Harz und im Hörsaal bei einer Vorlesung. Alle Fotos: mindjazz pictures
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Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Hier forscht die Glaziologin Maria Hörhold (rechts) an Eis.

Sie sagen im Film: „Es gab ein Möglichkeitsfenster, etwas gegen die Klimakrise zu tun, aber die Gesellschaft hat sich für Verdrängung entschieden.“ War das wirklich Verdrängung oder gab es Probleme, die akuter waren?

SSKrisenkonkurrenz ist natürlich ein wichtiger Aspekt. Seit März 2020 ist ja nie Ruhe eingekehrt – Corona war noch nicht zu Ende, da fing der Krieg an, und dann war der noch nicht zu Ende, dann kam Sorge um eine Energiekrise, mehrere hart umkämpfte Wahlen in Deutschland, Europa und Amerika, und jetzt wieder ein Krieg und wieder eine Energiekrise. Und Klima ist die ganze Zeit im Hintergrund. Aber ich würde das schon immer noch so sagen, und ich meine das nicht als Vorwurf. Es ist schon ein Privileg, überhaupt über sowas nachdenken zu können. Es gibt Leute, die haben null Freiraum für sowas, weil sie gerade ein Kind mit einer schlimmen Diagnose in der Klinik haben oder gucken müssen, wie sie über den Monat kommen. Menschen Passivität vorzuwerfen hat vor allem erstmal mit ganz viel eigenen Privilegien zu tun.

Aber Sie empfinden es so, dass wir im Jahr 2019 eine Chance verpasst haben?

SSEgal aus welchen Gründen: Wir haben gesellschaftlich das Klima-Thema, das Momentum von 2019 – Greta Thunberg, Fridays for Future, selbst die CSU ist „grün“ – nicht aufrecht erhalten. Und wir haben politische Realitäten – das Klima ist im Moment kein Gewinnerthema bei Wahlen. Egal bei welcher Partei übrigens. Dabei sollte es eigentlich überall sein, denn wie Harald Lesch sagt, der auch kurz im Film auftaucht: Die Natur hat keine Parteifarbe.

Im Film fällt der Satz – nicht von Ihnen: „Deutschland ist ein Rechtsstaat, kein Wissenschaftsstaat.“ Hätten Sie das auch so gesagt?

SSDas sehe ich auch so. Es gibt ja dieses Statement von Mai Thi Nguyen-Kim: „Wissenschaft sagt euch nicht, ob ihr an Klobrillen lecken sollt, sondern nur, was ihr alles aufleckt.“ Komplexe Krisen sind eben komplex, nicht monokausal. Bei Corona schien es aus epidemiologischer Sicht sinnvoll, schnelle, harte Maßnahmen zu ergreifen. Gleichzeitig gibt es andere Sichtweisen, die mit zu berücksichtigen sind. Welche Folgen haben Schulschließungen für Kinder und für Familien und für diese ganze Situation, die sich dadurch ergibt? Und welche politische Destabilisierung erleben wir, wenn wir Maßnahmen von oben nach unten festlegen?

Aber Wissenschaftler:innen sollten schon beitragen zum Rechtssystem?

SSWenn ich mir die Zusammensetzung vor allem von Parlamenten angucke – bei Kommunalorganen ist es anders –, sitzen da vor allem Juristen und Ökonomen. Der Wesenskern dieser Disziplinen ist das Verhandeln, ist das Durchsetzen von Eigeninteressen – und das Finden von Kompromissen. Natur funktioniert anders, Natur kennt weder Kompromisse noch Eigeninteressen. Und wenn es nur Minderheiten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, gerade Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern in Parlamenten gibt, ist das nicht abgebildet im Diskurs.

Wo liegt dann politische Verantwortung?

SSIn einer Demokratie wie der unseren bei denen, die vom Wahlvolk mit einer Mehrheit ausgestattet werden. Und bei denen, die sich engagieren.

Sie tun das öffentlich sehr stark. Empfinden Sie Ihre Art des Wirkens gegen die Klimakrise als laut oder leise?

SSViele Menschen wünschen sich offenbar Vorbilder und Leitpersonen, die vorangehen und die griffig kommunizieren. Und offenbar ist das eine Rolle, die ich zu spielen habe. Dieses Thema „Muss Wissenschaft lauter werden“, das habe ich manchmal als Aussage proklamiert. Aber das ist inzwischen vier Jahre her, und es ist – wie auch im Film zu beobachten – ein Wandlungsprozess. Ich sehe mich nicht als Vorbild und auch nicht als Feind. Und ich will eigentlich gar nicht laut sein. Ich will, dass viele zusammen im Chor laut sind.

Was heißt das konkret für Ihre Zukunft?

SSDiese Kinotour, auf die ich mitgehe, bei der ich für Gespräche zur Verfügung stehe – ich überlege im Moment, ob das für mich das Ende öffentlicher Kommunikation sein soll. Ich habe jetzt alles gesagt und sehe meine Aufgabe fortan in einem Gebiet, in dem ich seit Jahren Erfahrung habe, nämlich Polymerhydrogele und ihre Wechselwirkung mit Wasser. Dort kann ich einen Beitrag leisten für eine Folgeschädenabmilderung.

Das ist ein drastischer Schritt.

SSIch weiß nicht, was ich noch sagen soll. Ich würde mich einfach nur noch wiederholen. Auf diesem langen Weg der Klimaschockverarbeitung, die ja auch im Film dokumentiert ist, bin ich inzwischen im letzten Stadium angekommen, der Akzeptanz. Das lässt mich aber nicht in Handlungsunfähigkeit oder -unwilligkeit zurück, sondern im Gegenteil: Ich habe erkannt, Handlung braucht keine Hoffnung. Notärzte und Palliativärzte machen den ganzen Tag nichts anderes. Die handeln ohne Hoffnung. Einfach nur, weil es richtig ist.

Nachrichten-Redakteurin Eliza Leusmann durfte den Film vor Erscheinen sehen und sprach dann mit Sebastian Seiffert.

Zum Film: Das Gewicht der Welt

Wissenschaft soll sachlich sein: Fakten statt Gefühle. Aber eine neue Generation Naturwissenschaftler:innen erlebt, wie ihre Forschung durch den Klimawandel aus den Fugen gerät. Der Dokumentarfilm „Das Gewicht der Welt“ begleitet Maria, Doktorin der Glaziologie, Sebastian, Professor für Physikalische Chemie, und Nana, Molekularbiologin, auf ihrem Weg aus dem Elfenbeinturm der Forschung zum Dasein als Aktivist:in.

Der Film möchte einen emotionalen Zugang vermitteln zu einer der zentralen gesellschaftlichen Fragen: Was bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen?https://eu-central-1.graphassets.com/Aype6X9u2QGewIgZKbFflz/cmokytxpgkltl07uqqsj79e6gFilmplakat: mindjazz pictures

Länge 94 Min

Kinostart 7. Mai 2026

Bildung + Gesellschaft

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