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Diversität

Eine Frage der Logistik

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Lukas Guggolz fällt auf: Nicht nur, weil er im Rollstuhl sitzt und Arme und Beine kaum bewegen kann. Sondern vor allem, weil er trotzdem ein Chemiestudium und die Promotion durchgezogen hat. Wie er das gemacht hat und warum ausgerechnet im bergigen Marburg, beschreibt er in diesem Beitrag.

Kann man mit einer schweren körperlichen Behinderung Chemie studieren? Muss das wirklich sein?

Ja. Warum auch nicht? Das Leben im Rollstuhl ist häufig vor allem ein logistisches Problem – und logistische Probleme sind prinzipiell lösbar. So auch in meinem Fall. Im Frühjahr 2019 habe ich meine Doktorarbeit verteidigt. Meinen Lebensweg bis hierhin zu beschreiben trägt hoffentlich dazu bei, Möglichkeiten zu zeigen, wo es bisher keine zu geben schien.

Mit dem Rollstuhl im Labor muss kein Problem sein – nicht einmal dann, wenn man sich kaum bewegen kann. Foto: pressmaster / Adobe Stock

Selbst entwickelte Hilfsmittel

Das für Außenstehende zunächst Spezielle an meiner Situation ist meine angeborene Gelenksteife (Arthrogryposis multiplex congenita, AMC). Ich habe fast keine Muskulatur in den Extremitäten, und Ellenbogen sowie Knie sind in etwa einem 90°-Winkel versteift. Deshalb bin ich auf diverse technische Hilfsmittel angewiesen. Dazu gehören selbstentwickelte Mundschreibhilfen zum Schreiben und zum Tippen am Computer sowie ein Elektrorollstuhl mit ebenfalls selbstentwickelter Spezialsteuerung. Hiermit und mit der Unterstützung Zivildienstleistender konnte ich das reguläre Schulsystem durchlaufen und im Jahr 2005 das Abitur ablegen.

Wegen des höheren logistischen Aufwands im Leben eines Rollifahrers stellte sich schon früh während meiner Schulzeit die Frage nach dem richtigen Studiengang. Zur Verwunderung meiner Eltern, die mich wohl eher als Geistes- oder Sprachwissenschaftler sahen, war für mich schnell klar: Ich will Chemie studieren. Ein verkorkster erster Test in der Schule weckte meinen Ehrgeiz und ließ mich die Schönheit und Vielseitigkeit dieses Fachs erkennen. Ich begann also bereits zu Beginn der elften Klasse zu recherchieren, welche Universität und welcher Studienort für mich in Frage kämen. Dabei galt es zum einen, eine barrierefreie Wohnung zu finden. Zum anderen hatte ich noch keine Vorstellung davon, ob und wie ein so praktisch ausgelegtes Studium mit meinen Einschränkungen zu meistern wäre.

Marburg? Könnte klappen

Die Wohnsituation klärte sich überraschend schnell. Ausgerechnet im hügeligen Marburg – das gefühlt zu drei Vierteln aus Kopfsteinpflaster besteht – wurde ich fündig. Einer meiner Lehrer hatte mich auf das dortige Konrad-Biesalski-Haus (KBH) aufmerksam gemacht.

Das KBH ist ein inklusives Wohnheim des Marburger Studentenwerks, in dem fast achtzig behinderte und nichtbehinderte Studierende gemeinsam leben. Ein Team aus Pflegern und studentischen Hilfskräften sowie ein integrierter Fahrservice ermöglichen individuelle Assistenzleistungen. So kann jede:r seinen Alltag nach den persönlichen Wünschen und Vorstellungen gestalten, und die Bewohner:innen, die die unterschiedlichsten körperlichen Behinderungen haben, bringen Studium und Privatleben problemlos unter einen Hut.

Für mich bedeutete das KBH, trotz der großen Entfernung zu meiner südbadischen Heimat unabhängig von meiner Familie studieren und leben zu können. Einen Freundes- und Bekanntenkreis aufzubauen fällt deutlich leichter, wenn die (pflegerischen) Grundbedürfnisse organisiert sind und man nicht den Großteil seiner Freizeit mit dem Überleben beschäftigt ist.

Das KBH geht auf die Initiative des Marburger Orthopäden Gerhard Exner zurück und feierte im Jahr 2019 sein 50-jähriges Bestehen. Leider ist es nach wie vor einzigartig in Deutschland.

Ort? Passt. Aber Chemie studieren im Rollstuhl?

Nachdem viel in Richtung Marburg deutete, lautete die nächste Frage, wie ein Chemiestudium für mich machbar wäre. Die erste Anlaufstelle war Clemens Schwan, der Schwerbehindertenbeauftragte der Universität. Er war von meinem Studienwunsch überrascht, begann aber dennoch direkt mit der Recherche. Dabei kam recht schnell heraus: Ich hatte meinen Exotenstatus unterschätzt. Vor mir gab es in Deutschland weniger als eine Handvoll körperbehinderter Chemiestudierender, die aber zumeist eine gewisse (Rest-)Funktion in Armen und Händen hatten und damit in der Lage waren, Laborpraktika weitgehend selbst durchzuführen. Auch in anderen praktisch ausgerichteten Fächern wie Physik oder Medizin sah es – zumindest zu meiner Studienzeit, aber vermutlich auch noch heute – mager aus, was den Anteil körperbehinderter Studierender angeht.

Mit relativ wenig in der Hand meldeten wir uns also beim damaligen Studiendekan des Fachbereichs Chemie, Jörg Sundermeyer, und dem Dekanatsreferenten Michael Schween. Glücklicherweise stießen wir dort auf ein Maß an Aufgeschlossenheit, das man sich als Rollifahrer in mehr Lebensbereichen wünscht. Nach einem konstruktiven Austausch und einer Ortsbegehung war für beide Verantwortlichen klar, dass sich eine Prüfungsordnung dem Gleichstellungsgedanken im Sinne des Grundgesetzes unterzuordnen habe.

Dem Beginn meines Chemiestudiums stand also von Seiten des Fachbereichs nichts im Wege.

Einfacher als gedacht

Kurz vor Semesterbeginn ging es daran, Details zu planen: konkret vor allem die Abläufe von Prüfungen und Praktika inklusive der Sicherheitsaspekte. Auch hier war es unkompliziert, Lösungen zu finden. Im Rahmen des Nachteilsausgleichs wurden Regelungen getroffen, wie ich sie schon aus meiner Schulzeit kannte: Mündliche Prüfungen waren kein Problem, für schriftliche Klausuren erhielt ich 25 Prozent mehr Zeit – völlig ausreichend. Reichte die Zeit dennoch einmal nicht, lag das eher an mangelndem Lernaufwand als an meiner Behinderung.

Bei den Praktika war mehr Kreativität nötig. Nach reiflicher Überlegung entschieden wir uns für ein Modell, das den poetischen Namen „Zuguckikum“ erhielt. Im Grunde war ich also während der Praktika mit im Labor und schaute einer Gruppe Kommilitonen dabei zu, wie sie ihre Experimente durchführten. Die dazugehörigen theoretischen Leistungen wie Vorkolloquien, Protokolle schreiben und Auswertungen am Computer etwa für die physikalische Chemie führte ich dann selbst durch.

Es kann harte Arbeit sein, einen ganzen Tag lang anderen bei der Laborarbeit zuzusehen. Man muss aufpassen, dass die Konzentration nicht (im wahrsten Sinne) aus dem Fenster entschwindet. Dennoch erwies sich das Zuguckikum als erfolgreich.

Die Gruppe, in der ich eingebunden war, hatte sich bereits in der Orientierungswoche vor dem ersten Semester herauskristallisiert und blieb die ersten beiden Semester bestehen. Danach hatte ich wechselnde Laborpartner, die mich und meine Situation aber jeweils kannten und wussten, worauf sie sich einließen.

Sicherheit im Labor

Sicherheitsbedenken im Labor ließen sich ebenfalls zerstreuen. Die meisten modernen Elektrorollstühle haben eine Hubfunktion, sodass man auch im Rollstuhl auf eine Kopfhöhe von ungefähr 1,60 m kommt. Damit ist man weit genug von der Laborbank entfernt und bei geschlossener Abzugscheibe ausreichend geschützt. Elektrorollstühle lassen sich für den Explosionsschutz komplett ausschalten.

Meine Gruppe und ich waren außerdem in den Praktikumssälen zumeist in der größten Box und möglichst nah am Ausgang untergebracht. So konnte ich mich bei einem Alarm in den meisten Fällen selbst aus der Gefahrenzone begeben. Sollte ich einmal über eine Treppe evakuiert werden müssen, stand ein Tragetuch bereit, wie es die Feuerwehr nutzt.

Heute befindet sich ein Evakuierungsstuhl in der Nähe meines Büros. Wie sicher die Situation in den Praktika war, zeigt vielleicht die Tatsache, dass mein allererster Laborkittel aus dem Grundstudium nach wie vor einsatztauglich ist.

Im Hauptstudium kamen in den Praktika dann Vertiefungen in den verschiedenen Fachgebieten und Arbeitsgruppen dazu. Naturgemäß ist man hier eng im Forschungsbetrieb eingebunden und in der Regel mit viel Laborarbeit beschäftigt. Ich konnte das, wo nötig, in Form von Ersatzleistungen kompensieren. So bestand meine Vertiefungsleistung im Organikpraktikum darin, die Totalsynthese eines Naturstoffs zu planen. Im Anorganikpraktikum sollte ich einen Teil eines Antrags auf Forschungsgelder schreiben. Diese Ersatzleistungen kamen vom Arbeitsaufwand und von der Bearbeitungsdauer an die klassischen Vertiefungen meiner Kommilitonen heran.

Mehr Theorie

Meine Arbeit wurde mit fortschreitender Ausbildung immer theorielastiger. Ab der Diplomarbeit war ich nur noch vom PC aus tätig. Hierfür wechselte ich nicht nur die Stadt, sondern sogar das Fachgebiet, und versuchte mich in der Arbeitsgruppe von Frank Brenker (Universität Frankfurt, Fachbereich Geologie) an der Berechnung von Phasendiagrammen.

Seit der Promotion habe ich meine wissenschaftliche Heimat in der Computerchemie und der Arbeitsgruppe von Stefanie Dehnen gefunden. Hier komme ich mit allen für die Arbeitsgruppe relevanten Forschungsthemen in Berührung. Durch diese vielfältigen Einblicke vermisse ich das Labor (fast) überhaupt nicht.

Mir fehlt nichts

Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Inklusion und Chancengleichheit in der Chemie wurde ich gefragt: Hast du das Gefühl, ein gleichwertiges Studium absolviert zu haben? Diese Frage kann ich nur bejahen. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir in Bezug auf die Beurteilung meiner studentischen oder wissenschaftlichen Leistungen etwas geschenkt wurde. Solche „Geschenke“ sehe ich als absolut inakzeptabel und als Bärendienst an der Inklusion Körperbehinderter in Gesellschaft und Wissenschaft. Ich betrachte mich als vollwertigen Chemiker und bin davon überzeugt, meinen Beitrag bis hierher geleistet zu haben.

In meinem Fall und in Anbetracht der Schwere meiner Behinderung war der Weg zu rein theoretischem Arbeiten hin absehbar. Das muss aber nicht für alle Chemiker:innen mit Körperbehinderungen gelten. Gerade für Personen mit einer Querschnittlähmung oder ähnlichem und mit ausreichend Beweglichkeit in Armen und Oberkörper wären auch andere Modelle denkbar. Alles, was es hier bräuchte, wäre ein unterfahrbarer Abzug in einem Labor im Erdgeschoss (höhenverstellbare Laborarbeitsplätze richtet beispielsweise die Universität Gießen derzeit ein). Auch für Seh- oder Hörbehinderte sind Lösungen denkbar.

Mit Kreativität

Die Herausforderung für Menschen mit Behinderung und für die, mit denen sie arbeiten, besteht in der Individualität jeder Behinderung. Lösungen, die für mich passten, können für den nächsten AMCler übertrieben oder nicht weitreichend genug sein. Hier ist Kreativität gefragt. Die sollte gerade bei Chemikern vorhanden sein.

Für diese Kreativität und die Aufgeschlossenheit, die mir in meiner Laufbahn bis hierhin entgegengebracht wurde, bin ich unendlich dankbar. Das Ganze ist aber natürlich keine Einbahnstraße. Als Rollifahrer muss ich manchmal Kompromisse machen und brauche etwas Übung im Um-die-Ecke-Denken. Die meisten lernen das mit der Zeit aber automatisch.

Unsere Wissenschaftsdisziplin wird durch mehr körperliche Diversität nicht nur in Sachen Soft Skills oder neuer didaktischer Konzepte profitieren. Manche, die eigentlich die intellektuellen Fähigkeiten hätten, trauen sich aufgrund der scheinbar fehlenden körperlichen Fähigkeiten nicht, eine naturwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Das muss sich ändern. Wenn wir bereits Schüler:innen mit Behinderung abholen und zeigen, dass es gehen kann, wenn man will, wird uns das ganz neue Potenziale erschließen.

Der Autor

Lukas Guggolz, Jahrgang 1985, ist seit 2020 Postdoc am Fachbereich Chemie der Universität Marburg. Dort beschäftigt er sich mit quantenchemischen Untersuchungen anorganischer Cluster. Zwischen seinem Diplom und seiner Doktorarbeit in Chemie an der gleichen Uni studierte er Philosophie und Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt. Foto: Jochen Mogk

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