Das Absagen einer Gründung betrifft die beteiligten Personen emotional und wirtschaftlich – und wirft rechtliche Fragen auf. Abhängig davon, wie weit die Gründung bereits vorbereitet war, gibt es rechtliche Verpflichtungen und Konsequenzen.
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Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Erfolgsfaktoren beim Gründen, die deutsche Start-up-Szene und wie sich Forschungstransfer in der Chemie fördern lässt. Darüber haben Start-up-Gründer Maximilian Spiekermann und Martin Bellof, Mitgründer des Unternehmens chemstars, das Start-ups der Chemiebranche unterstützt, mit den Nachrichten aus der Chemie gesprochen.
Nachrichten aus der Chemie: In welchem Stadium der Gründung sind Sie zu chemstars gekommen, Herr Spiekermann?
MS Zur Stunde Null. Die wissenschaftliche Vorarbeit war gemacht, aber organisatorisch und wirtschaftlich hatten wir noch nichts. (Anm. d. Red.: Spiekermanns Start-up Simplyfined produziert Plattformchemikalien aus pflanzlichen Rohstoffen. Mehr dazu lesen Sie im Kasten.)
Wobei hat chemstars Sie unterstützt?
MS Zuerst mal bei Möglichkeiten der Finanzierung, um mein Projekt außerhalb der Grundlagenforschung weiter zu betreiben. Zudem beim Erweitern des Teams und beim Schärfen des Geschäftsmodells, um Investoren zu gewinnen.
In Form von Workshops?
MS Ja. Und auch durch das Öffnen der richtigen Türen in die Industrie, die auch bis heute noch offen sind.
Seit Projektbeginn im Jahr 2021 haben Sie ein Exist-Gründerstipendium bekommen, und die erste kommerzielle Anlage läuft. Wären Sie ohne chemstars heute weniger weit?
MS Es hätte alles entschieden länger gedauert. Wir hätten wahrscheinlich viele überflüssige Extraschleifen gedreht, und manches wäre auch gar nicht passiert. Wir haben von der Erfahrung anderer Teams profitiert, die ein, zwei, drei Jahre weiter waren als wir. Das war ein Geschwindigkeitsboost.
Wo brauchen Chemie-Start-ups verglichen mit solchen in anderen Branchen besondere Unterstützung?
MS Sie brauchen viel Geld für Equipment, also die richtigen Kontakte zu Finanzgebern. Unser Business Case rechnet sich erst ab mehreren Tausend Tonnen Produkt pro Jahr. Die ersten paar Jahre sind also finanziell schnell eine schmale Nummer, weil bis zu diesen Größenordnungen noch Entwicklungsarbeit nötig ist.
MB Die Chemieindustrie hat komplexe Wertschöpfungsketten, ist hochreguliert, die Entwicklungszyklen sind lang. Man benötigt spezialisierte Infrastruktur, um vom Labor in den kommerziellen Maßstab zu kommen. Das ist für Start-ups herausfordernd. Die potenziellen Kunden in der Chemie sind zudem meistens etablierte Unternehmen, mit denen es nicht leicht ist, in den Austausch zu kommen. Vor allem, wenn diese unerfahren in der Zusammenarbeit mit Start-ups sind.
Sehen Sie denn, dass sich das ändert?
MB Ich habe vor zehn Jahren für ein Biotechnologie-Start-up gearbeitet. Da waren die Türen in die Industrie noch verschlossen. Etablierte Unternehmen haben mit uns nicht über ihre Herausforderungen gesprochen. Wenn ich als Start-up jedoch nicht weiß, welche Probleme es gibt, kann ich auch keine Lösungen dafür entwickeln. Das hat sich heute gebessert. Natürlich kommt es darauf an, mit welchem Unternehmen man zu tun hat. Manche haben schon Venture-Capital-Arme, andere verstehen die Start-up-Perspektive noch nicht so gut. Da braucht es noch Aufklärungs- und Übersetzungsarbeit.
Wie können wissenschaftliche Fachgesellschaften Gründende unterstützen?
MB Die sind in einer idealen Position, um als Multiplikatoren zu fungieren: Entrepreneurship als Karriereoption in das Bewusstsein der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen rufen – und ein anderes Mindset fördern.
Und damit auch den Forschungstransfer.
MB Ja, Forschung ist das Fundament für Innovationen. Es geht nicht darum, den akademischen Betrieb in den Dienst der Wirtschaft zu stellen. Aber es ist schade, wenn tolle Ideen in den Schubladen der Akademia bleiben, weil Forschenden nicht bewusst ist, dass es den Weg in ein Start-up gibt oder wie dieser Weg zu gehen wäre.
MS Es wäre wichtig, das auch in die Lehre einzubringen. An vielen Ingenieurs- oder Chemiefakultäten existiert außer fachlichen Lehrveranstaltungen so gut wie nichts.
MB In einer perfekten Welt lernen Forschende in ihrer Ausbildung, ihre Entwicklungen im Labor routinemäßig auf kommerzielles Potenzial zu prüfen. Wenn sie dann herausfinden, dass es keines gibt, oder sich bewusst gegen eine Gründung entscheiden, weil das nicht ihrer Persönlichkeitsstruktur entspricht, ist das ok.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zu gründen, Herr Spiekermann?
MS Während meiner Promotion habe ich ein Problem gelöst, das in der Forschung am Lehrstuhl schon bekannt war – und auch in der Forschung an nachwachsenden Rohstoffen. Ich habe mir gedacht: Wenn wir das schon hier bei uns im Labor brauchen und jeder Zweite, der hier arbeitet, davon profitiert, wird irgendjemand in der Industrie das Problem ja auch haben und von meiner Lösung profitieren. Turns out: ja, natürlich. Ich war dann in der glücklichen Lage, dass mein Gruppen- und mein Lehrstuhlleiter mich haben machen lassen und mich nicht in ein Publikationskorsett gezwängt haben.
MB Das ist ein wichtiger Punkt. Die Währung Nummer eins in der Forschung sind immer noch Publikationen. Wir sollten den Anreiz für Professorinnen und Professoren erhöhen, mehr über Entrepreneurship nachzudenken. Eine Währung könnte ja auch sein, wie viele Entwicklungen jemand von der Forschung in den Markt begleitet hat. Auch Ausgründungsprogramme zahlen auf das Drittmittelkonto ein.
MS Unterm Strich hat mein Lehrstuhlleiter von meiner Gründung nichts. Der lässt uns machen und zum Beispiel Laborraum nutzen, weil er inhaltlich davon überzeugt ist. Das müsste man eigentlich vergüten oder honorieren.
Beteiligen sich denn akademische Leiterinnen und Leiter häufig an Start-ups, oder ist das eher die Ausnahme?
MB Mittlerweile ist das durchaus üblich. Trotzdem braucht es noch Aufklärung – darüber, welche Beteiligung an einer künftigen Firma für einen Professor oder eine Professorin sinnvoll ist und was die Person zum Start-up beitragen wird. Da würde es helfen, mehr Diskussionen innerhalb der Professorenschaft zu fördern. Das ist einer der Punkte, bei denen die Fachgesellschaften unterstützen können.
Wie haben Sie beide zusammengefunden?
MS Ein Transferscout an der Uni hat mich angesprochen und auf ein Event zum Gründen als Karriereweg aufmerksam gemacht. Da habe ich die Leute von chemstars getroffen.
MB Für uns ist es wichtig, dass es solche Personen an Forschungseinrichtungen gibt, die schauen, welche Teams gute Ideen haben und Hilfe brauchen, und die uns dann ins Boot holen.
Wie bewerten Sie Deutschland als Standort für Start-ups?
MB Wir haben hier exzellente Forschung und eine starke Industrie, also eine gute Quelle für Gründungsideen und potenzielle Partner, um diese Ideen zu kommerzialisieren. Die Herausforderungen sind die gleichen, die derzeit auch etablierte Unternehmen haben, lange Genehmigungszeiträume zum Beispiel. Für Start-ups mit begrenzt viel Kapital und ohne Einnahmen ist das besonders kritisch. Da ist jeder einzelne Tag viel mehr wert als in einem Großkonzern.
Wie können Initiativen wie chemstars dazu beitragen, den Standort Deutschland wettbewerbsfähig zu halten?
MB Wir bringen uns politisch ein, um Verbesserungen zu erreichen, arbeiten beispielsweise mit dem Verband der Chemischen Industrie zusammen. Und wir stärken den Austausch innerhalb der Start-up-Szene, damit Wissen weitergegeben wird. In unserer täglichen Arbeit sehen wir auch: Anzahl und Qualität der Start-ups hier in Deutschland steigen.
Trotzdem sind uns gerade die USA beim Thema Start-ups noch voraus. Warum?
MB Es gibt viele Gründe, wir haben zum Beispiel ein Arbeitsschutzgesetz, könnten nicht jeden Tag unseren Job verlieren. Das ist natürlich gut, führt aber zu einem anderen Mindset. Wir sind sehr risikobewusst und gut darin, über Misserfolge nachzudenken. Wir haben eine andere Perspektive auf Start-ups als die US-Amerikaner: Wir sagen Risikokapital, die Amerikaner Venture Capital.
Müssen wir also an unserer Fehlerkultur arbeiten?
MB Ja. Wenn ich etwas mache, das noch nie jemand vorher versucht hat, ist immer ein Risiko da, dass es nicht funktioniert. Allerdings wäre es ja schlimm, es gar nicht erst zu versuchen vor Sorge, dass es nicht klappt. Wir haben in Deutschland tolle Initiativen und Programme, die Forschenden Flexibilität und Sicherheit geben, um ihre Gründungsideen voranzutreiben, zum Beispiel den Exist-Forschungstransfer oder die Start-up-Factories.
Und wenn es nicht klappt, hat man etwas dabei gelernt.
MB Genau. Man hat dann viele Kompetenzen erworben, die bei Arbeitgebern gefragt sind. Und Leute, die den Gründungsweg gehen, gehen diesen, wenn es beim ersten Mal nicht funktioniert, auch noch ein zweites und drittes Mal. Mit der Erfahrung, die sie daraus mitnehmen, steigen auch die Erfolgschancen.
Was motiviert heute junge Forschende, und was hat Sie, Herr Spiekermann, motiviert zu gründen?
MS Ich habe ein Problem auf technisch elegante Weise gelöst, und meine Lösung war neu. Ich wollte mich nicht auf eine für mich damals anonyme Industrie verlassen und darauf hoffen, dass die Idee genutzt wird. Ich wusste, wenn ich es nicht selbst mache, macht es wahrscheinlich niemand.
MB Die meisten gründen wie Maximilian aus Überzeugung, weil sie das Potenzial sehen und etwas für den Planeten oder die chemische Industrie tun wollen. Die Chemiebranche ist eine der schwierigsten, um zu gründen; das macht niemand, um schnell reich zu werden.
Ist das Ziel dann, das eigene Start-up nicht irgendwann zu verkaufen, sondern selbst größer zu machen?
MS Meine Einstellung: Erstmal machen, der Rest kommt später. Wenn man auf Venture Capital zurückgreift, muss man sich irgendwann zwangsläufig dafür wappnen, dass es auf irgendeine Form eines Exit-Events hinausläuft.
MB Wenn ich Geld von Investoren in mein Unternehmen hole, muss ich deren Geschäftsmodell verstehen: Wer Anteile kauft, will diese innerhalb der nächsten sieben bis zehn Jahre mit Gewinn wieder verkaufen. Das funktioniert oft nur, wenn Gründende ihr ganzes Unternehmen verkaufen. Dadurch sind sie aber nicht unbedingt raus. Den meisten Käufern ist es wichtig, dass die Köpfe hinter den Firmen zunächst noch an Bord bleiben. Viele fühlen sich aber in den Strukturen eines Großunternehmens gar nicht wohl, weil sie lieber wieder mehr Autonomie und Gestaltungsspielraum wollen, und fangen dann nochmal von vorne an.
Welche sind Ihrer Erfahrung nach die wichtigsten Erfolgsfaktoren für Gründungen?
MB Der wichtigste ist das Team, im Best Case hat man Leute mit komplementären Kompetenzen, Erfahrungen und Hintergründen.
MS Und man darf sich nicht zu schade sein, nach Hilfe zu fragen.
MB Und muss offen sein für neue Erfahrungen. Zudem dauert der Weg meistens länger, als man sich vorgestellt hat, und man muss über viele Stolpersteine springen. Da braucht es Resilienz.
MS Und Mut, einfach mal anzufangen, was zu machen: sich informieren, wo es Unterstützung gibt, einen Vortrag oder Workshop besuchen, Kontakte knüpfen.
Mit Maximilian Spiekermann und Martin Bellof sprachen Nachrichten-Redakteurin Katharina Käfer und Chefredakteur Christian Remenyi.
Das Unternehmen chemstars organisiert zusammen mit den Projekten Creating New Chemistry des Forums Rathenau, Greenchem der TU Berlin, Koala des MPI für chemische Energiekonversion sowie Chemspace der TU München einen deutschlandweiten Ideenwettbewerb für Produkt- und Geschäftsideen mit Berührungspunkten zur Chemiebranche. Die From-Lab-to-Market-Challenge richtet sich an Wissenschaftler:innen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die sich erste Gedanken über die Kommerzialisierung ihrer Forschung machen wollen. Teilnehmende können ihre Ideen in einem Business-Model-Workshop mit Hilfe von Industrieexpert:innen weiterentwickeln und lernen in einem Pitch Training, ihre Ideen zu präsentieren. Die besten Einreichungen werden bei einem Award-Event vor Vertreter:innen aus Wissenschaft, Industrie, Kapitalmarkt und Politik präsentiert und prämiert. Reichen Sie Ihre Ideen bis zum 30. März ein unter chemstars.de/fltmc.
Maximilian Spiekermann ist Leiter des Gründungsprojekts Simplyfined der TU Dortmund. Seit 2021 promoviert er am Lehrstuhl für Technische Chemie und hat ein neues katalytisches Verfahren entwickelt, um pflanzliche Öle selektiv teilzuhydrieren sowie zu standardisieren.Foto: Roland Baege
Das Start-up Simplyfined ist ein Spin-off der TU Dortmund mit einer Förderung im EXIST-Forschungstransfer in Höhe von 1,7 Mio. Euro, das pflanzliche Öle in standardisierte, biobasierte Plattformchemikalien für die chemische Industrie umsetzt. Über selektive Teilhydrierung werden dabei unterschiedlich zusammengesetzte Pflanzenöle – etwa aus Raps, Soja oder Sonnenblume sowie Fettsäuren aus der Papierindustrie – zu einem einheitlich einfach ungesättigten Rohstoff. Damit können erneuerbare Öle petrochemische Basischemikalien in Kunststoffen, Schmierstoffen, Kosmetika und weiteren Anwendungen ersetzen und so Scope-3-Emissionen senken – indirekte Emissionen entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette.
Martin Bellof ist Lead Strategy & Ventures beim Unternehmen chemstars, in dem Kooperationen entstehen und aus Forschung Geschäftsideen werden. Seit seiner Gründung im Jahr 2021 hat chemstars 65 Start-ups begleitet und mit Zugang zu Know-how, Netzwerken, Infrastruktur und Kapital unterstützt. Hinter chemstars hat sich eine Branchenallianz führender Chemie- und Industrieunternehmen formiert. Zu den Partnern zählen die Unternehmen Bayer, Braskem, Currenta, Evonik, Henkel und Siemens sowie der Verband der Chemischen Industrie Nordrhein-Westfalen und die RAG-Stiftung, die die fortlaufenden Verpflichtungen aus der Beendigung des deutschen Steinkohlenbergbaus an Ruhr, Saar und in Ibbenbüren finanziert.Foto: Julia Haack
Bellof gestaltet bei chemstars die strategische Weiterentwicklung der Innovationsplattform sowie die Zusammenarbeit mit technologieorientierten Startups. Er ist Biologe und hat fast 15 Jahre lang in Deep-Tech-Start-ups gearbeitet – als Mitarbeiter, Gründer und Mentor. Er versteht die Denk- und Arbeitsweise von Forschungseinrichtungen, Startups, Investoren und etablierten Unternehmen und will exzellenter Forschung den Sprung in die Anwendung ermöglichen.
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