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Chemiestudium mit chronischer Krankheit

„Der Dauerschmerz ist nicht das Schlimmste"

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Falk Seidel leidet unter Fibromyalgie, einer chronischen Krankheit, die Schmerzen im ganzen Körper verursacht. Trotzdem hat er Chemie studiert. Hier berichtet er, wie es ihm dabei ergangen ist.

Sie leiden unter einer chronischen Krankheit. Wie hat das Ihr Studium beeinflusst?

Ich habe immer versucht, mich durchzukämpfen – und offiziell hat sich mein Studium auch nicht verzögert. Ich hatte einige Phasen, in denen ich auf Finanzierung gewartet habe, diese Pausen haben mir gut getan.

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Falk Seidel, Jahrgang 1990, forscht derzeit als Postdoc bei Hosea Nelson am Caltech in Pasadena, USA.

Was hat Sie besonders gestört?

Dass es im Chemiestudium nur wenig zeitliche Freiräume gibt. Das empfinde ich als Hauptproblem.

Hätten Sie nicht ein Krankheitssemester nehmen können?

Eine Pause bringt bei dieser Krankheit nichts. Ohne Behandlungsmöglichkeit wird nichts besser. Es bräuchte die Möglichkeit, das Studium kontinuierlich über einen längeren Zeitraum zu strecken, um die tägliche Belastung zu reduzieren.

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Illustration: vectorpouch / Adobe Stock

Warum gab es keine Behandlung?

Weil ich die Diagnose erst in Japan während meiner Promotion bekam. Symptome – brennende Schmerzen am ganzen Körper, extreme Müdigkeit – habe ich aber schon seit dem Gymnasium.

Wieso kam die Diagnose erst so spät?

Es gibt für diese Krankheit keine Biomarker oder etwas, das eine eindeutige Diagnose erlaubt. Die Universität in Tokyo hat eine Walk-in-Klinik, wo ich erstmals an eine Rheumatologin geriet, die mir glaubte. Bis dahin hatten mich die deutschen Ärzte als Simulanten abgestempelt, und meine Hausärztin konnte mir nicht helfen.

Und in Japan?

Die Ärztin dort überwies mich an eine Spezialklinik, wo verschiedene Behandlungsmethoden ausprobiert wurden.

Ein mutiger Schritt, mit einer ständig beeinträchtigenden Krankheit in einem fremden Land zu promovieren.

Irgendwann habe ich meine Beschwerden einfach hingenommen.

INFO: Chronisch kranke Studierende

Im Sommersemester 2017 hatten elf Prozent der Studierenden eine studienerschwerende Beeinträchtigung. Der Anteil dieser Gruppe ist damit zwischen den Jahren 2012 und 2016 um vier Prozentpunkte gestiegen. Dies zeigt die Studie „beeinträchtigt studieren – best2“, die das Deutsche Studentenwerk herausgegeben hat.

Nach Selbsteinschätzung der Studierenden wirken sich folgende Beeinträchtigungen am stärksten auf das Studium aus: psychische Erkrankungen (53 %), chronisch-somatische Erkrankungen (20 %), andere länger dauernde Erkrankungen (6 % ), Bewegungsbeeinträchtigungen (4 %), Teilleistungsstörungen (4 % ), Hör-und Sprech-Beeinträchtigungen (3%) sowie Sehbeeinträchtigungen (3 %). Bei 7 % der befragten Studierenden beeinflussen zwei oder mehr Beeinträchtigungen das Studium gleich stark.

Fünf von sechs Studierenden sind bereits vor Studienbeginn beeinträchtigt. Unter den Beeinträchtigten sind mehr Frauen als Männer (54 %), Beeinträchtigte sind im Schnitt zwei Jahre älter als ihre Kommiliton:innen.

Die Studie bezog Studierende ein, deren Beeinträchtigung im gesellschaftlichen Alltagsverständnis als Behinderung anerkannt ist.

Zur Studie: t1p.de/chum0

Haben Sie Ihre Doktormutter über Ihre Krankheit informiert, bevor Sie die Promotion begonnen haben?

Nein. Ich hatte ein Stipendium und habe bei der Bewerbung darum vermieden, irgendetwas über meinen Gesundheitszustand preiszugeben. Erst, als es gegen Ende der Doktorarbeit so schlimm wurde, dass ich zwei bis drei Krankheitstage pro Woche hatte, habe ich ihr Bescheid gesagt.

Und wie ist sie damit umgegangen?

Sie hat mich unterstützt und mir Freiräume gewährt.

Nun haben Sie Mitte April einen Postdoc in Pasadena begonnen …

… und habe meinem Betreuer gleich von meiner Krankheit erzählt. Aktuell könnte ich das auch nicht verbergen.

Warum haben Sie ausgerechnet Chemie studiert?

Chemie lenkt mich ab. Es gibt so viel Spannendes, in das man sich reindenken kann, dass die körperlichen Probleme in den Hintergrund treten. Ich habe großen Spaß an der Lehre und würde gerne in der Forschung bleiben.

Und warum machen Sie Ihre Geschichte öffentlich?

Ich möchte zeigen, dass nicht nur Gesunde Chemie studieren können. Und ich möchte dafür werben, solchen Menschen mit mehr Flexibilität entgegenzukommen. EL

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