Gesellschaft Deutscher Chemiker

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„Wir bewerten keine Beweise, wir liefern den Sachverstand“

Nachrichten aus der Chemie, Mai 2026, S. 36-40, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Mit Spuren verbinden wir Detektivarbeit, Tatorte und Verbrechen. Fabian Altermann ist Forensiker beim Bundeskriminalamt (BKA) und hat den Nachrichten aus der Chemie verraten, welche Spuren er untersucht, wie er damit zum Aufklären von Straftaten beiträgt und ob das so abläuft wie im Fernsehen.

Fabian Altermann, mit welchen Spuren haben Sie als forensischer Chemiker beim BKA zu tun?

FADas BKA bearbeitet alle möglichen Straftaten: Betrug, Mord, Sachbeschädigung, Drogendelikte, Terrorismus. Bei den Spuren, die wir uns anschauen, ist also alles dabei von 1,6 Tonnen Kokain und ganzen Brandtatorten über Proben im Milli- und Mikrogrammbereich aus Autoreifen oder Schuhsohlen bis zur DNA- und Partikelanalyse im Nano-Maßstab.

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Fabian Altermann ist Chemiker und arbeitet am kriminaltechnischen Institut des Bundeskriminalamts. Foto: BKA

An welchem Punkt der kriminalistischen Spurensuche befinden Sie sich?

FA Zwischen der Spurensicherung am Tatort und der Analyse am Gerät. Ich schaue mir die Spuren an und überlege, wie sie sich am besten untersuchen lassen.

Die Proben nehmen Sie also nicht selbst?

FA Normalerweise bekommen wir die zugeschickt. 85 Prozent unserer Analysen sind Aufträge für die Landeskriminalämter, die Bundespolizei oder den Zoll. Die Probennahme ist meistens schon abgeschlossen, wenn wir den Auftrag bekommen. Dann schauen wir, was davon relevant ist. Die Kollegen vor Ort wissen ja nicht immer, welche Methoden wir haben und was sich damit herausfinden lässt. Die sammeln erstmal alles ein. Wir sortieren und priorisieren. Manchmal fahren wir auch raus, um nochmal mehr Proben zu nehmen, beispielsweise an Brandtatorten oder wenn Betäubungsmittel beim Zoll lagern.

Wie viel wissen Sie über die Fälle, zu denen Sie Spuren untersuchen?

FA Wir bekommen einen Auftrag mit einer bestimmten Frage von Polizei, Gericht oder Staatsanwaltschaft und müssen dazu ein Gutachten schreiben. Wir erhalten dazu auch Informationen, was wo passiert ist und woher die Proben stammen. Das ist wichtig, um die Frage zu beantworten. Geht es beispielsweise um Hinweise zum Tatverdächtigen oder eher um einen Tatverlauf?

Was könnte so eine Frage zum Beispiel sein?

FA Enthält eine Probe Glaspartikel und können diese aus einer Scheibe stammen, die bei einem Einbruch eingeschlagen wurde? Dabei ist relevant, wo die Probe sichergestellt wurde. Glas findet man häufig in Schuhsohlen; auf Oberbekleidung ist das was anderes, vor allem wenn die Partikel dann noch zur Scheibe aus dem Einbruch passen.

Welche Methoden nutzen Sie?

FA Wir bedienen uns aus dem ganzen Zoo der Analytik. Als ich noch als Sachverständiger am kriminaltechnischen Institut tätig war, habe ich mich hauptsächlich mit Rasterelektronenmikroskopie und Röntgenbeugung beschäftigt.

Und für welche forensischen Spuren eignen sich Elektronenmikroskopie und Röntgenanalytik?

FA Betäubungsmittel, Materialproben wie Metalle, Keramik, biologische Proben oder Mikroelektronik. Rußpartikel haben wir zum Beispiel oft untersucht.

Um nachzuweisen, dass es sich bei einer Spur um Ruß handelt?

FA Genau. Das erkennt man an der Morphologie. Rußpartikel bilden charakteristische Ketten oder netzförmige Agglomerate aus 50 bis 100 Nanometer großen Partikeln. So können wir feststellen, ob schwarze Anhaftungen Ruß sein können, etwa von den Händen eines Tatverdächtigen.

Können Sie noch mehr über den Ruß herausfinden, zum Beispiel woher er stammt?

FA Nein. Beim Verbrennen organischen Materials entstehen immer C2-Acetylenfragmente, aus denen sich in der Flamme die Rußpartikel bilden. Über die Brandquelle können wir deshalb mit dieser Methode nichts herausfinden. Auch über den Abstand eines Tatverdächtigen zur Quelle können wir keine Aussage treffen.

Schreiben Sie das auch in Ihre Gutachten?

FA Ja. Es ist wichtig, zu erklären, was die Methode leisten kann, wie präzise sie ist, was sich damit herausfinden lässt und was nicht. Und zwar nicht in wissenschaftlichem Fachjargon, sondern so, dass Polizeibeamte und Juristen es verstehen.

Was schreiben Sie dann zum Beispiel über die Rußanalyse?

FA „Wir haben Partikel gefunden, die in ihrer qualitativen Zusammensetzung, Größe und Form Rußpartikeln entsprechen.“ Wir bewerten keine Beweise, wir liefern den Sachverstand. Darauf verlässt sich der Richter für sein Urteil. Da darf man auch keine Scheu haben, zu sagen, dass Analyseergebnisse nicht eindeutig sind oder sich eine Frage nur anhand dieser nicht beantworten lässt. Manchmal können wir ausschließen, dass es sich bei der Probe um Ruß handelt. Aber nur weil wir keinen gefunden haben, heißt das nicht unbedingt, dass keiner da ist oder war – sondern nur, dass wir in der Probe keinen nachweisen konnten. Jede Methode ist ja irgendwo begrenzt.

Und manchmal auch die Qualität der Probe.

FA Richtig. Aus einer schlechten Probe holt die beste Analytik nur wenig raus. Da sind auch Probennahme, Transport und Lagerung wichtig, um die Probe nicht zu kontaminieren oder beschädigen. Wenn Kleidung mit vermeintlichen Rußspuren zum Beispiel zwei Wochen lang luftdicht verpackt auf der Polizeiwache rumliegt, kann sie schimmeln. Und neben Schimmel Ruß nachzuweisen ist so gut wie unmöglich.

Bei Kontamination denke ich auch sofort an DNA-Spuren.

FA Ja, in der DNA-Analytik tauchen zwangsläufig auch mal die DNA-Spuren von Kollegen auf.

Was passiert dann?

FA Deren DNA ordnen wir über interne Referenzen zu. Dann schauen wir, wann und von wem die Probe genommen wurde, ob und wann der entsprechende Kollege das Asservat hatte. So lässt sich sagen, ob er ein berechtigter Spurenverursacher sein kann. Problematisch kann das bei alten Asservaten aus den 70ern sein. Da hat noch niemand darauf geachtet, Proben nicht mit der eigenen DNA zu kontaminieren.

Kann man sich Ihre Arbeit ein bisschen vorstellen wie bei den Krimiserien im Fernsehen?

FA Manches ist schon wie im Fernsehen. Wir haben mal eine Schädeldecke oder andere Leichenteile auf dem Tisch oder 500 Gramm Heroin. Wir hatten auch schon eine Leiche, die in Beton eingegossen war. Zehn Ecstasy-Pillen sind analytisches Tagesgeschäft. Aber anders als im Fernsehen haben wir hier alle einen eng abgesteckten Tätigkeitsbereich. Wir ermitteln nicht und spekulieren nicht über Motive. Wir haben keine allwissenden Sachverständigen, die alle Methoden vor Gericht vertreten können. Und die Sachverständigen sitzen in der Regel auch nicht selbst am Messgerät. Das machen Operatoren, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als das Gerät zu bedienen.

Können Sie noch Krimis schauen, ohne zu bewerten, wie realistisch die Methoden sind?

FANaja, wenn ein Rasterelektronenmikroskop farbige Bilder liefert, muss ich schon lachen. Und manchmal erkläre ich auch Mitschauenden, dass das in Wirklichkeit alles so einfach nicht geht. Unsere Arbeit ist oft viel mühsamer und kleinteiliger als dargestellt. Manchmal muss man sich durch einen ganzen Berg Dreck kämpfen, um die Partikel zu finden, die man sucht. Oder man extrahiert, charakterisiert und evaluiert wochenlang. Wenn wir wie im Fernsehen eine unbehandelte Probe in ein Gerät stecken könnten und sofort eine Strukturformel aufploppte, wäre das traumhaft.

Machen Sie auch Strukturaufklärung?

FA Ja, zum Beispiel bei neuen psychoaktiven Substanzen. Die sind potenziell erstmal legal, wenn sie nicht vom Betäubungsmittel- oder Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz erfasst sind. Anhand der Strukturaufklärung empfehlen wir dann auch, wie die Substanz gesetzlich einzuordnen ist.

Wenn Sie so eine Substanz zur Analyse bekommen, wissen Sie dann vorher schon grob, was das sein könnte?

FA Meistens. Die Leute designen neue psychoaktive Substanzen normalerweise, indem sie schon bestehende modifizieren. Manchmal stellen Kollegen aber auch am Tatort ein Gläschen mit weißem Pulver sicher. Das kann dann alles sein, Rattengift, Kokain, Zucker oder irgendein abgefahrenes Mineral eines Sammlers. Hatten wir alles schon.

Potenziell ist es also gefährlich.

FA Ja. Wichtig ist, immer Kittel und Handschuhe zu tragen und unter dem Abzug zu arbeiten, selbst wenn es am Ende nur Zucker ist. Wir haben auch schon Kaliumcyanid gefunden oder Fentanyl. Das ist pulverförmig schon in sehr geringen Mengen von wenigen hundert Mikrogramm bis wenigen Milligramm hochpotent.

Haben Sie eine Go-to-Methode für „weißes Pulver“, mit der Sie beginnen?

FA Röntgenfluoreszenzanalyse, Röntgenbeugung und Elektronenmikroskopie. Um überhaupt eine Idee zu haben, welche Elemente in der Probe sind und ob es kristalline Bestandteile gibt. Zudem geht das schnell, innerhalb von Stunden hat man erste Ergebnisse. Manchmal haben wir ja Zeitdruck, zum Beispiel bei Anschlägen. Da können wir uns nicht Wochen oder Monate für die Analyse nehmen.

Schauen oder lesen Sie Nachrichten anders, seitdem Sie beim BKA arbeiten?

FA Ja. Wenn etwas passiert, jemand mit dem Auto über den Weihnachtsmarkt fährt oder jemand erschossen wird, frage ich mich sofort, ob und wann Proben zu uns kommen und was wir tun können. Grundsätzlich sind wir mit unserer Arbeit immer nah am aktuellen Geschehen und der Politik. Alles, was die Gesellschaft beschäftigt, beschäftigt früher oder später auch die Forensik.

Also derzeit auch KI?

FA Ja. Es gibt zum Beispiel Forensikforschung in Richtung Musterklassifizierung. KI wird aber in absehbarer Zeit keine Sachverständigen ersetzen, denke ich. Am Ende eines Strafverfahrens steht ein Mensch, da sollte auch am anderen Ende ein Mensch sein, der die forensischen Ergebnisse vertritt.

Woran forschen Sie beim BKA noch?

FA Unseren Forschungsprojekten liegen immer Sachverhalte zugrunde, die gerade aktuell sind und uns im Alltag beschäftigen, zum Beispiel Geldautomaten-Sprengungen.

Welche Forschungsfragen stellen Sie sich da?

FA Wie lässt sich nachweisen, ob verschiedene Tatorte zusammenhängen oder Geldscheine aus einem gesprengten Automaten stammen? Dafür wurden Raubstopptinten entwickelt und Methoden, um die Farben zu charakterisieren. Vor Jahrzehnten war lange Zeit die Rasterelektronenmikroskopie von Glühwendeln aus Blinkern ein großes Thema – zum Beispiel um herauszufinden, ob jemand, der in einen Autounfall verwickelt war, beim Abbiegen geblinkt hat oder ob das Licht an war. Die Glühwendeln werden beim Aufprall komprimiert, verschmelzen, reißen und zeigen dann ganz charakteristische Rissspuren.

Entwickeln Sie auch neue Methoden?

FA Wir entwickeln Methoden oder Workflows weiter, um sie auf neue Systeme anzuwenden, und validieren sie, oft auch in Zusammenarbeit mit Universitäten. Ich habe zum Beispiel mit einer Studentin der Uni Frankfurt die Rietveld-Quantifizierung auf Röntgenbeugungsdiffraktogramme von Sprengstoffen angewandt, um deren Gehalte in pyrotechnischen Gemischen zu bestimmen.

Kooperieren Sie auch mit Unternehmen?

FA Ja, zum Beispiel mit Herstellern von Geldautomaten bei den Raubstoppfarben. Oder mit Automobilherstellern. Wir haben die weltweit größte Sammlung von Automobillacken. Wenn eine Lackspur gefunden wird, charakterisieren wir sie und können beispielsweise sagen: Das war höchstwahrscheinlich ein roter Opel Ascona aus den 1990er Jahren.

Wie finanzieren Sie Ihre Forschung?

FA Wir haben ein kleines internes Budget, beantragen aber auch wie Forschungsgruppen an der Uni von der EU oder dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanzierte Projekte. Die Töpfe sind dann eben andere, der Internal Security Fund oder das Rahmenprogramm für zivile Sicherheit.

Sehen Sie sich eher als Wissenschaftler oder als Ermittler?

FA Wir sehen uns hier alle eher als Wissenschaftler – mit dem Vorteil eines festen Arbeitsvertrags. Wir sind im Prinzip ein wissenschaftliches Institut mit Abteilungsleiter statt Professor. Wir unterstützen natürlich die Polizei und die Gerichte als unabhängige Sachverständige. Dabei arbeiten wir interdisziplinär, tauschen uns viel aus mit anderen Abteilungen, Vollzugsbeamten und kriminaltechnischen Instituten im Ausland. Am Ende steht das gemeinsame Ziel, zu helfen, eine Straftat aufzuklären. Auch wenn man manchmal Dinge sieht, die man lieber nicht gesehen hätte, ist daher das Schöne: Man weiß immer, wofür man morgens aufsteht und hat das Gefühl, etwas für die Sicherheit in Deutschland zu tun.

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Bilder: Vitalo4ok, SenorPinky / Adobe Stock

Mit Fabian Altermann sprach Nachrichten-Redakteurin Katharina Käfer.

Zur Person: Fabian Altermann

Fabian Altermann, 38 Jahre alt, hat Chemie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) studiert – mit den Schwerpunkten Werkstoffkunde, Festkörper- und Radiochemie – und dort zum Dr.-Ing. promoviert. Er beschäftigte sich während der Promotion mit der Defektchemie perowskitischer Funktionskeramiken und war gleichzeitig als Berater für die KIT-Campus-Transfer-Gesellschaft zu Werkstoffen und Prozesstechnik tätig.

Seit 2020 arbeitet er beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Zunächst war er Sachverständiger für Material- und Mikrospuren in der zentralen Analytik am Kriminaltechnischen Institut (KTI). Seit Mitte 2025 ist er stellvertretender Leiter des Bereichs Einsatz-, Vorgangs- und Asservatensteuerung der zentralen Asservatenstelle des KTI.

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