Gesellschaft Deutscher Chemiker

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Secondhand‐Shop für Chemikalien

Nachrichten aus der Chemie, März 2026, S. 32-34, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

„Carbolution gehört in jedes Regal“ ist der Slogan des Laborchemikalienanbieters aus dem Saarland. Dessen Schwesterfirma bringt auch Chemikalien wieder in die Regale, die eigentlich zur Entsorgung vorgesehen waren. Eine Idee, um gegen den steigenden Wettbewerbsdruck aus Fernost zu bestehen.

Wenn Chemikalienschränke ausgemustert werden, beispielsweise beim Auflösen eines Labors, sind die Produkte in aller Regel noch originalverpackt, oft sogar ungeöffnet. Neuwertig also. Trotzdem sind sie in diesem Moment an diesem Ort wertlos. Schlimmer noch: Sie werden teuer. Die Chemikalien eines Universitätslabors zu entsorgen kostet fünfstellige Eurobeträge. Zehntausende Euro, um Chemikalien loszuwerden, die anderswo noch nutzen könnten.

Kembo, das im Jahr 2023 gegründete Schwesterunternehmen des Chemikalienanbieters Carbolution, verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz: Laborchemikalien recyceln. Das spiegelt auch der Name Kembo – ein Kofferwort aus Chemikalien und Börse.

Konkurrenz aus Asien

Das Unternehmen Carbolution (Kasten S. 34) mit derzeit vier Mitarbeitenden hat sich seit seiner Gründung im Jahr 2010 neben internationalen Großunternehmen wie Merck, Thermo Fisher oder Avantor etabliert – mit dem Konzept, kleine, laborübliche Mengen zu kleinen Preisen zu verkaufen.

Derzeit verzeichnen europäische Laborchemikalienanbieter Umsatzrückgänge – ob Kleinunternehmen oder Global Player. Denn große Anbieter aus Fernost haben eigene Lager in Deutschland eröffnet und bedienen den europäischen Markt selbst. In der ersten Hälfte des Jahres 2025 hat China chemische Produkte mit einem Volumen von 30 Mio. Euro in die EU importiert, 40 Prozent mehr als im Vorjahr.1) Wie Temu das für den Endverbrauchermarkt vormacht, gehen auch Chemikalienanbieter auf dem europäischen Markt aggressiv vor: Mit Dumpingpreisen und kostenlosem Expressversand sichern sie sich schnell Marktanteile. Sie bieten Produkte in Preisspannen an, mit denen Unternehmen nicht konkurrieren können, wenn sie faire Löhne zahlen und deutsche Standards bei der Chemikaliensicherheit und beim Arbeitsschutz erfüllen. Für kleine Unternehmen ist die Situation existenzbedrohlich.

Neue Geschäftsmodelle

Wie in den letzten 15 Jahren geht es daher für Carbolution nicht weiter. Das Kataloggeschäft wird sich auf Produkte konzentrieren müssen, die die Billigkonkurrenz nicht bietet. Das können beispielsweise gefährliche Chemikalien wie Chlormethylmethylether sein. Dieser darf mit dem Flugzeug gar nicht und mit dem Schiff nur unter strengen Auflagen nach den UN-Regeln für den Versand gefährlicher Güter importiert werden – langwierig, teuer und meistens unrentabel. Carbolution bezieht Chlormethylmethylether allerdings schon seit vielen Jahren von einem Partner aus Deutschland. Produkte zu verkaufen, die schwierig in Transport und Handhabung sind, ist eine Chance, sich gegen Billiganbieter zu positionieren, die zumindest derzeit nicht mit solchen Produkten umgehen. Eine weitere Möglichkeit ist, Produkte in größeren Mengen als den laborüblichen zu verkaufen – große Mengen zum kleinen Preis – und damit nicht mehr nur Forschungslabore, sondern auch kleine Produktionen zu adressieren.

Eine andere Idee entstand im Forschungslabor selbst, wo es immer wieder Chemikalien gibt, die nicht mehr verwendet werden, etwa weil sie für Experimente nach Good-Manufacturing-Practice-Kriterien unbrauchbar sind, da sie ihr Retest-Datum überschritten haben und der Hersteller somit nicht mehr für bestimmte Eigenschaften garantiert. Sie erneut zu testen lohnt sich meist nicht; Chemikalien neu zu kaufen ist billiger. In Vorversuchen oder Praktika ließen sich solche Chemikalien mit überschrittenem Testdatum allerdings trotzdem noch nutzen.

Andere Chemikalien sind unbrauchbar, weil ein Forschungsprojekt nicht mehr fortgesetzt wird und die dafür gekauften Reagenzien nicht mehr gebraucht werden. Solche Chemikalien werden in der Regel aussortiert. Ihr Schicksal ist damit besiegelt: thermische Verwertung. (Auf die desaströse Umweltbilanz beim Einsatz von Laborchemikalien zu Heizzwecken brauche ich hier sicher nicht einzugehen.)

Produkte mit Vorgeschichte

Eine Lösung bietet der Chemikalien-Recycling-Zweig des Unternehmens Carbolution: Kembo prüft, etwa bei Laborauflösungen, welche der zu entsorgenden Chemikalien sich erneut in den Verkehr bringen lassen – egal, ob die Verpackung noch originalverschlossen oder schon geöffnet ist. Diese Chemikalien bietet das Unternehmen als Relab Chemicals (Foto links) im Carbolution Shop an – gekennzeichnet als Secondhand-Produkte und zu erheblich reduziertem Preis. Ziel ist es, unter Berücksichtigung der Versandkosten circa 30 Prozent unter dem Preis des günstigsten Anbieters zu bleiben. Das abgebende Labor übernimmt nur die Transportkosten der Abholung. Das sind rund 30 Euro pro Karton im Versand, Peanuts verglichen mit den Entsorgungskosten. Gleichzeitig tragen abgebende Labore und Käufer:innen dazu bei, Ressourcen zu schonen und die Umwelt zu schützen.

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Zwei Regale mit Secondhand-Chemikalien im Lager des Carbolution-Schwesterunternehmens Kembo. Fotos: Michael Bauer

Üblicherweise nimmt Kembo Mengen im Labormaßstab an, in Einzelfällen auch größere. Die bisher größte Menge einer einzelnen Chemikalie, die Kembo angenommen und weitervermittelt hat: über drei Tonnen Natriumsulfit. Das Produkt kam in ungeöffneten Säcken auf drei Paletten zusammen mit anderen Chemikalien in einem Sattelzug (Foto). Hätte Kembo die Produkte nicht angenommen, wäre die komplette Ladung entsorgt worden. Insgesamt hat Kembo seit 2023 circa 4800 Kilogramm Chemikalien für den Secondhand-Verkauf übernommen.

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Ein Sattelzug voller Chemikalien: Bei seiner bisher größten Chemikalienrettungsaktion hat Kembo unter anderem über drei Tonnen zur Entsorgung vorgesehenes Natriumsulfit angenommen und als Secondhand-Chemikalie weitervermittelt.

Qualitätskontrolle

Kembos Qualitätskonzept ist pragmatisch. Denn das Unternehmen testet nicht jede Chemikalie umfassend, die es annimmt. Produkte, die typischerweise Probleme beim Lagern bereiten – etwa hygroskopisch sind oder sich leicht zersetzen – akzeptiert Kembo nicht. Die Gründer beurteilen Anfragen dabei mit ihrem Sachverstand, der auf jahrzehntelanger Erfahrung im Laboralltag beruht. Im Zweifel lehnen sie eine Anfrage ab.

Schafft es ein Produkt ins Programm, prüft Kembo bei der Ankunft Füllstand, Aussehen, Gebinde und Etikettierung auf Fehler und Auffälligkeiten. Gibt es nichts zu beanstanden, geht es ab in den Shop. Bemängeln Kund:innen später etwas, greift die Garantie: Kembo nimmt die Ware zurück und erstattet den Kaufpreis. Vorgekommen ist das bisher allerdings nur einmal.

Umdenken

Produkte wieder in den Verkehr zu bringen, anstatt sie originalverpackt und ungeöffnet verbrennen zu lassen, ist einfach – sammeln und an Kembo senden – und angesichts des Klimawandels dringend nötig. Trotzdem ist das für viele bei Chemikalien bisher unvorstellbar. Dass diese immer billiger werden, verringert den Anreiz, sich Gedanken um einen ressourcenschonenderen Umgang damit zu machen. Allerdings hat Raubbau an Ressourcen immer einen hohen Preis – auch wenn nicht wir ihn zahlen, sondern die folgenden Generationen.

Bedenklich ist zudem: Niedrige Preise bei Laborchemikalien gehen einher mit weniger Sicherheit, schlechteren Arbeitsbedingungen und Umweltbelastung. Deswegen brauchen wir mehr neue Konzepte wie das von Kembo, die Standards erfüllen und falsche Anreize vermeiden. Auch Kund:innen müssen umdenken. Es geht um Umwelt- und Klimaschutz und für viele kleine Anbieter um ihre Existenz.

Denn Unternehmen wie Temu sind gekommen, um zu bleiben. Mit veralteten Geschäftsmodellen ist der Wettbewerb gegen sie nicht zu gewinnen.

Das Unternehmen Carbolution: Angebot und Konzept

Vor allem Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und forschende Unternehmen im deutschsprachigen Raum nutzen Carbolutions Produkte: Reagenzien zur Peptidsynthese, Katalysatoren, Schutzgruppen und Essentials für Chemie- oder Pharmazielabore.

Nach Angaben von Carbolution melden Forschende dem Unternehmen zurück, dass sie die kurzen Lieferzeiten der über 3000 Produkte schätzen: heute bestellt, morgen geliefert. Das gelingt dem Unternehmen, weil dessen Lager in Sankt Ingbert bei Saarbrücken immer gut ausgestattet ist, um 80 bis 85 Prozent aller Bestellungen sofort liefern zu können, und es mit einem Expressversand-Dienstleister zusammenarbeitet. Bei Wettbewerbern dauert es bei lagerhaltigen Artikeln normalerweise zwei bis vier Tage, bis diese geliefert werden.

Länger – meistens maximal ein bis zwei Wochen – dauert es bei Carbolution nur, wenn Produkte zu beschaffen sind, die sich nicht im Sortiment befinden, oder wenn es um größere als laborübliche Mengen von bis zu einer Tonne geht.

Carbolutions Kernkompetenz: für jede Chemikalie auf der Welt den besten Lieferanten finden – das heißt je nach Einzelfall den schnellsten, günstigsten oder den, der ganz bestimmte Qualitätsstandards erfüllt. Von diesem importiert Carbolution das Produkt kilogrammweise, lagert es und gibt es in solchen Einheiten ab, die Forschungslabore in der Regel brauchen – kleine Mengen zu kleinen Preisen.

Der Autor

Verfasst hat den Beitrag Michael Bauer, Chefkümmerer beim Unternehmen Carbolution und Chemikalienretter bei dessen Schwesterunternehmen Kembo. Er hat Chemie an der Universität des Saarlandes studiert und dort promoviert. Danach war er drei Jahre lang als Laborleiter in einem Auftragsforschungsunternehmen tätig, bevor er im Jahr 2010 den Laborchemikalienanbieter Carbolution gründete. Foto: Lilli Breiningerhttps://eu-central-1.graphassets.com/Aype6X9u2QGewIgZKbFflz/cmm4g1am42qgi07ug4c6tefhl

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