What motivates students and chemists to come to Germany? What are the differences between Germany and their home countries? What challenges and opportunities do they face? Nine people shared their personal stories with us.
Artikel
Kooperationen mit China auf dem Prüfstand
Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
China will die globale Nummer eins werden – wirtschaftlich, militärisch und technologisch. Um dieses Ziel zu erreichen, greift die Volksrepublik westliches Wissen und Know-how ab.
Im Mai 2026 wurde in München ein chinesisches Ehepaar festgenommen. Xuejun C. und Hua S. sollen im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes Kontakte zu deutschen Hochschulen aufgebaut haben, um an Informationen über militärisch nutzbare Technologien zu kommen. Das Duo soll Forschende mit fünfstelligen Geldbeträgen und einer voll bezahlten wochenlangen Reise ins Reich der Mitte gelockt haben, wo sie Vorträge vor einem zivilen Publikum halten sollten.1) Vor Ort entpuppten sich die Zuhörer als Angehörige von Rüstungsunternehmen. Mehrere deutsche Professoren sind auf die Masche hereingefallen.
Der deutsche Verfassungsschutz warnt schon länger, dass der chinesische Staat „ein umfassendes System des Technologie- und Know-how-Transfers“ betreibe.2) Zum 100. Jahrestag ihrer Gründung, im Jahr 2049, will die Volksrepublik China wirtschaftlich, militärisch und wissenschaftlich-technologisch weltweit führend sein. Um dieses Ziel zu erreichen, greift China westliches Wissen ab – mit legitimen und illegitimen Mitteln. Unternehmenserwerbe und Joint Ventures gehören ebenso dazu wie Cyberangriffe, Wissenschaftsspionage, internationale Forschungskooperationen und die gezielte Ansprache westlicher Spitzenforscher.
Westliche Forscher im Dienst Chinas
Um ausländische Spitzenforscher abzuwerben und chinesische Staatsbürger, die im Ausland forschen, zurück in ihre Heimat zu holen, startete die chinesische Regierung im Jahr 2008 ihr „1000-Talente-Programm“. Wie es funktioniert, zeigt der Fall des US-Chemikers und ehemaligen Harvard-Professors Charles M. Lieber.3) Während seiner Anstellung an der Harvard University erhielt er aus China ein zusätzliches Monatsgehalt in Höhe von bis zu 50 000 US-Dollar, 150 000 US-Dollar an jährlichen Lebenshaltungskosten und einen Zuschuss von 1,5 Millionen US-Dollar zur Einrichtung eines Forschungslabors an der Technischen Universität Wuhan in China – ohne diese Verbindungen sowie Zahlungen seinem US-Arbeitgeber mitgeteilt zu haben. Lieber wurde im Jahr 2021 verurteilt. Die Harvard University stellte ihn zunächst frei, dann ging er in den Ruhestand. Doch seine Karriere beendete er nicht: Seit Frühjahr 2025 forscht Lieber in China an Gehirn-Computer-Schnittstellen. In der ostchinesischen Küstenstadt Shenzhen hat er das staatlich finanzierte Institut i-Brain gegründet. Rechtlich ist seine jetzige Tätigkeit nicht zu beanstanden.
Auch in Deutschland sorgte ein Seitenwechsel jüngst für Aufregung. Photonik-Experte Martin Schell, zuvor Professor an der TU Berlin und Leiter des Heinrich-Hertz-Instituts der Fraunhofer-Gesellschaft, arbeitet seit März 2026 für das chinesische Telekommunikationsunternehmen Huawei. In England leitet er Huaweis Forschung an optischen Chips. Diese Technik, die Informationen mit Licht verarbeitet, hat einen Dual-Use-Charakter. Das heißt: Sie wird sowohl zivil als auch militärisch genutzt, etwa bei der Datenübertragung im Internet, in Kampfdrohnen und in Sensoren für Aufklärungssysteme.
Keine Trennung zwischen ziviler und militärischer Forschung
Für Dual-Use-Forschung interessiert sich China besonders. Schon vor über zehn Jahren hat das chinesische Regime im Rahmen der Militärreform eine Strategie gesetzlich verankert, die als zivil-militärische Fusion bezeichnet wird. Sie verpflichtet chinesische Unternehmen, Universitäten und andere Forschungseinrichtungen, ihr Wissen und ihre Innovationen dem Militär zur Verfügung zu stellen. „Wenn ein chinesisches Unternehmen beteuert, dass es nicht mit der Regierung in Verbindung steht, dann trifft das für den Moment vielleicht zu. Bei Bedarf aber kann jeder Betrieb zur Zusammenarbeit mit dem Staats- und Militärapparat gezwungen werden“, erklärt Chinaexpertin Li Wei, die eigentlich anders heißt. Wei lebt und forscht in Deutschland, stammt aber aus China und hat dort auch studiert. In China verschwimme die Grenze zwischen dem zivilen und militärischen Sektor immer stärker, sagt sie: „Wo sie verläuft, erkennen selbst chinesische Bürger kaum noch.“
Um China sowie andere bedenkliche Länder nicht ungewollt zu stärken und um Export- sowie Sanktionsvorschriften zu erfüllen, haben viele Universitäten und Wissenschaftsinstitutionen Exportkontrollstellen eingerichtet. Diese sorgen dafür, dass bestimmte Güter und Software, aber auch technisches Know-how und Wissen nicht unzulässig weitergegeben werden. Der Sinologe Hannes Gohli, Leiter des China-Kompetenzzentrums der Universität Würzburg, unterstützt die Exportkontrolleure seiner Hochschule bei Fragen zu China. Er weiß, wie schwierig die Abgrenzung zwischen ziviler und militärisch nutzbarer Forschung ist: „Mein Lieblingsbeispiel ist das Hörgerät.“
Zwar schult niemand Forschende aus China bewusst in deutscher Abhör- und Rüstungstechnik. Aber wie verhält es sich beim Umgang mit Sensoren, die sowohl in Medizintechnik oder Klimaforschung als auch in militärischen Systemen verwendet werden? Oder mit Reaktoren, in denen sich Pharmawirkstoffe ebenso herstellen lassen wie chemische oder biologische Kampfstoffe? Egal ob neue Halbleiter oder Leichtbaumaterialien, Mikroelektronik, Robotik oder KI: Etliche Technologien sind sowohl zivil als auch militärisch interessant. Müssten daher nicht zahlreiche Forschungsprojekte mit China eingestellt werden? „Die Meinungen gehen auseinander“, sagt Gohli, der diese Frage schon mit vielen Exportkontrolleuren diskutiert hat: „Einige stellen jede Kooperation mit China auf den Prüfstand, andere nehmen im Bewusstsein der Risiken einen gewissen Graubereich in Kauf.“
Auf China als Forschungspartner lässt sich ohnehin kaum noch verzichten. Zum einen sind globale Herausforderungen wie der Klimawandel nur in internationaler Zusammenarbeit zu bewältigen. Zum anderen hat China jetzt schon in vielen Disziplinen die Nase vorn: „Von den chinesischen Partnern können wir viel lernen“, betont Gohli.
Das unterstreicht Klaus Müllen, vielfach ausgezeichneter Chemiker und emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz, bekannt vor allem für seine Forschung zu konjugierten Polymeren und Graphen-Strukturen. In Mainz hat Müllen über 100 chinesische Promovierende betreut. Mit vielen arbeitet er heute noch zusammen. „Der Wissensaustausch geht jetzt eindeutig in beide Richtungen“, sagt er. Müllen pflegt intensive wissenschaftliche Kooperationen mit mehreren chinesischen Universitäten und ist seit einigen Jahren Mitglied der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Außerdem arbeitet er für Brilliant Optoelectronic Technology, ein Unternehmen mit Sitz im ostchinesischen Zhejiang, das organische Halbleiter entwickelt. Als Emeritus unterliege er keiner Weisung, gleichwohl nehme er die von der Max-Planck-Gesellschaft herausgegebenen Handlungsempfehlungen für die Zusammenarbeit mit China sehr ernst: „Weder möchte ich selbst betrogen werden noch möchte ich der Max-Planck-Gesellschaft, mit der ich ja immer noch assoziiert werde, schaden.“ Müllen betont, seine Zusammenarbeit mit China beruhe immer auf gewachsenen Beziehungen, auf persönlichen, geradezu freundschaftlichen Kontakten zu ehemaligen Mitarbeitern: „Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass ich hintergangen wurde.“
Achtung bei den „Seven Sons“
Aber woran erkennt man, ob jemand im Dienst des chinesischen Staates im Labor herrumschnüffelt? „Das ist schwer zu beantworten“, findet Gohli. Universitäten und Forschungseinrichtungen sollten sich deswegen vorher genau anschauen, wen sie aus China einladen oder einstellen. Größtenteils geschieht das schon. Die Fraunhofer-Gesellschaft teilt mit, dass sie bei der Entscheidung über wissenschaftliche Kooperationen mit Partnern aus China einem „fundierten geschäftspolitischen Prüfprozess“ folge. Jeder Einzelfall werde standardisiert bewertet. Auch andere Wissenschaftsorganisationen und die Hochschulrektorenkonferenz haben Leitfäden veröffentlicht.4)
An der Universität Würzburg gebe es bei Stellenausschreibungen ein klares Ausschlusskriterium, berichtet Gohli: Keine Chance hätten Personen von Hochschulen, die zu den „Seven Sons of National Defense“ gehören, darunter das Beijing Institute of Technology, eine der renommiertesten Technischen Universitäten Chinas. Zudem werde bei Leuten mit einer Verbindung zu den Hochschulen der „Seven Sons of Ordnance“ besonders gründlich geprüft, womit sie sich aktuell beschäftigen und was sie vorher gemacht haben. Die Universitäten der Seven Sons arbeiten eng mit der chinesischen Rüstungsindustrie und der Volksbefreiungsarmee zusammen. Gleichwohl betreiben sie zivile Forschung und Lehre, oft auf Spitzenniveau.
Chinesische Studierende, Promovierende und Postdocs bewerben sich in Deutschland oft als Stipendiaten des chinesischen Programms China Scholarship Council (CSC). Sie müssen nach einer vertraglich festgelegten Zeit in die Heimat zurückkehren und dem chinesischen Staat während ihres Auslandsaufenthaltes Bericht erstatten. „In den meisten Fällen sind das Alltagsberichte wie jene, die auch der Deutsche Akademische Auslandsdienst von seinen Stipendiaten verlangt“, sagt Gohli, „aber da wir keine Einsicht in diese Berichte haben, können wir nicht ausschließen, dass darin auch sensible Daten stehen.“ Nicht alle chinesischen Studierenden oder Forschenden müssen solche Berichte verfassen. Es hänge eben davon ab, bemerkt Gohli, ob sie vom CSC oder privat finanziert seien. Die Gelder aus China sind deutschen Universitäten angesichts knapper Kassen übrigens meist willkommen: „Wenn ein Doktorand dank Förderung aus China drei Jahre durchfinanziert ist, finden viele deutsche Professoren das äußerst attraktiv.“
Ebenfalls beliebt sind deutsch-chinesische Forschungsprojekte. Über 300 chinesische Universitäten und Forschungszentren arbeiten mit deutschen Einrichtungen zusammen. Insgesamt gibt es über 1000 deutsch-chinesische Kooperationsvereinbarungen, von denen viele dem chinesischen Militärapparat nützen dürften. Laut Recherchen der Journalismus-Plattformen Correctiv und Follow the Money sind zwischen Januar 2000 und Februar 2022 rund 350 wissenschaftliche Publikationen erschienen, an denen sich sowohl deutsche Institute als auch chinesische militärnahe Einrichtungen beteiligt haben.4) In ganz Europa gab es fast 3000 solcher Fälle. Ausgewertet wurden rund 350 000 gemeinsame Veröffentlichungen von westeuropäischen und chinesischen Forschenden.
Balance zwischen Schutz und Offenheit
„Wir brauchen internationale Kooperationen, aber wir müssen die Balance finden zwischen einem offenen konstruktiven, kollaborativen Verhalten und Sicherheitsmaßnahmen“, fasst Denise Schütz-Kurz zusammen, Managerin für Forschungs- und Technologiepolitik beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) in Frankfurt am Main. Das Risiko des ungewollten Wissens- und Technologietransfers besteht nicht nur in der akademischen, sondern auch in der industriellen Forschung. Marcel Kouskoutis, Rechtsanwalt und VCI-Experte für gewerbliche Schutzrechte, hat mehrere Vorschläge, wie sich das Problem eindämmen ließe. „Viele Länder sind besonders an industriell verwertbarem Wissen interessiert“, sagt er und schlägt daher vor, Innovationen besser durch Patente zu schützen. Kleine und mittlere Unternehmen – darunter viele Start-ups, die oft aus universitärer Forschung hervorgehen – verzichten aus Kostengründen aber häufig auf Patentanmeldungen. Warum also nicht in Forschungsförderprogrammen ein Budget für Patentanmeldungen vorsehen? Warum nicht kleineren Unternehmen eine kostenlose Erstberatung in Sachen Patentschutz spendieren? Und warum Patentschutz nicht schon im Studium der Natur- und Ingenieurwissenschaften behandeln? Mehr Schutz durch Patente sei umso wichtiger, betont Kouskoutis, da Unternehmen aus China wie aus anderen Ländern in Deutschland intensiv Patente anmeldeten: „Sie stecken hier ihre Claims ab.“
Zudem macht manches deutsche Gesetz es anderen Ländern leicht, Know-how abzugreifen. Unternehmen müssten immer häufiger schützenswerte Informationen wie Rezepturen oder Baupläne offenlegen, beklagt Kouskoutis. Das neue Produkthaftungsgesetz etwa verpflichte Hersteller, im Klagefall mitzuteilen, wie sich ihre Produkte zusammensetzten: „Da muss sich ein Spion gar nicht mehr in den Betrieb einschleusen. Er kann sich einfach in die Gerichtsverhandlung setzen.“ Solche Verfahren müssten dahingehend überdacht werden, dass bestimmte Informationen nur Richtern und Anwälten zugänglich seien. „Bei Genehmigungs- und Planungsverfahren für neue Anlagen geht die Tendenz sogar dahin, Baupläne online zu veröffentlichen“, kritisiert Kouskoutis. So könne sich jeder von allen Ecken der Welt über Anlagendetails informieren.
Keine generelle Skepsis
Damit Wissen und Know-how nicht ungewollt aus Deutschland abfließen, bauen Bund, Länder und Wissenschaftsorganisationen jetzt eine „Nationale Plattform für Forschungssicherheit“ auf. Ab 2027 soll sie wissenschaftlichen Einrichtungen dabei helfen, Risiken in internationalen Kooperationen früh zu erkennen. Das Feld sicherheitsrelevanter Forschung sei gewachsen, äußere Beeinflussungen und Abhängigkeiten hätten zugenommen, erläutert der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Wolfgang Wick: „Das führt zu schwierigen Abwägungen, die einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Einrichtungen oft überfordern.“
Eine solche Überforderung kann in eine generelle Skepsis gegenüber Forschenden aus China münden. Wei findet das fatal, denn sie kennt viele chinesische Promovierende hierzulande, die nicht in ihre Heimat zurückkehren möchten, weil sie das autoritäre System unter Staatspräsident Xi Jinping ablehnen. Wer das offen sagt, riskiert allerdings, dass die Familie im Heimatland unter Druck gerät. Solche Fälle kennt Gohli schon: „Die deutsche Professorenschaft muss dafür sensibilisiert werden, dass chinesische Promovierende eventuell derartige Probleme mitbringen und eine gesonderte Betreuung brauchen.“ Wenn sich chinesische Mitarbeitende aus deutscher Sicht auffällig verhalten – etwa auf politische Fragen zu China nicht antworten und sich nicht zum chinesischen Regime äußern möchten –, heißt das nicht unbedingt, dass sie dem chinesischen Staat treu oder gar für ihn tätig sind. Vielleicht vermeiden sie politische Aussagen, um sich selbst und ihre Angehörigen in China nicht zu gefährden.
„Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft in China gibt es derzeit viele Spannungen und Konflikte“, berichtet Wei. Viele chinesische Forschende versuchen in Deutschland zu bleiben, weil sie die hiesige Wissenschaftsfreiheit schätzen und es hier bessere Arbeitsbedingungen gibt. Ihre Entscheidung für ein freies Wissenschaftssystem könnte es dem autoritär regierten China erschweren, weiter aufzusteigen.
Wissen und Technologien schützen ist nicht allein eine Frage von Regeln und Verfahren. „Neben unbeabsichtigten Wissensabflüssen spielen auch individuelle Entscheidungen von Forschenden und Beschäftigten eine Rolle“, erklärt VCI-Forschungsmanagerin Schütz-Kurz: „Der Faktor Mensch bleibt damit bei Forschungssicherheit und Know-how-Abfluss eine schwer kalkulierbare Größe.“
Auf den Punkt
China greift westliches Wissen ab – über Unternehmenserwerbe und Joint Ventures ebenso wie über Cyberangriffe, Wissenschaftsspionage, internationale Forschungskooperationen und die gezielte Ansprache westlicher Spitzenforscher.
Seit mehr als zehn Jahren müssen chinesische Unternehmen, Universitäten und andere Forschungseinrichtungen ihr Wissen und ihre Innovationen dem Militär zur Verfügung stellen.
China ist als Forschungspartner unverzichtbar. Denn globale Herausforderungen wie der Klimawandel sind nur in internationaler Zusammenarbeit zu bewältigen, und China ist schon jetzt schon in vielen Disziplinen weltweit führend.
Die Autorin
Die promovierte Chemikerin Uta Neubauer arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin.
- 1 Beitrag bei Correctiv, Kurzlink: t1p.de/7bwdf
- 2 Verfassungsschutzbericht 2025 (pdf), Kurzlink: t1p.de/glh3o
- 3 K. M. Vogel, S. Ben Ouagrham-Gormley: Politics and the Life Sciences, 2023;42(1):32–64. doi: 10.1017/pls.2022.13
- 4 Hochschulrektorenkonferenz, Leitfaden zur Hochschulkooperation mit der Volksrepublik China, Kurzlink: t1p.de/20rkm
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