Derbes aus anno dazumal
Wenn es Anlass zum Lachen gibt, schmunzeln wir auch einmal – das gilt für die heutige Nachrichten-Redaktion genauso wie für die des ersten Aprilhefts des Jahres 1976. Zwei auch derzeit aktuelle Themen: r...
Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
Unsere traditionelle Presseschau des chemischen Nonsens liefert überraschende Erkenntnisse: Ob Koks horten in der EU oder ein Strand in Australien, der zu 98 % aus Silicium besteht – der Unsinn kennt einfach keine Grenzen.
Im Anfang war der Wasserstoff. Nämlich als Einstieg für die erste Million.
Ideen gibt es genug. Etwa die Pellets, von denen das Schwäbische Tagblatt im April 2025 fabulierte: „In diesen Eisenoxid-Pellets steckt Wasserstoff.“ Und weiter im Text: „Der zugesetzte Wasserstoff wird in einem patentrechtlich geschützten Verfahren über eine Reduzierung von Eisenoxid und Wasser zu Eisen gespeichert. Beim Kunden reagiert Wasserdampf mit dem Eisen und der Wasserstoff wird wieder herausgelöst.“ Gut, dass das patentrechtlich geschützt ist.
Ein noch besserer Tipp: das Wasserstoffwasser. Der – sagen wir mal wohlwollend – Wellnessanbieter Alpenfluss revolutioniert nämlich eigener Aussage zufolge das Wassertrinken. Durch Wasserstoffanreicherung auf Knopfdruck: „Das Trinken von Wasserstoffwasser wird dich schneller hydratisieren und dazu führen, dass du klarer denken und dich den ganzen Tag über besser fühlen wirst.“ Na dann: Prost.
Beinahe hätte es das Wasserstoffwasser auf unseren „Ehren“-Platz in die kleine Esoterik-Ecke (rechte Seite unten) geschafft, doch da reichte es tatsächlich nur knapp für Platz 2.
Aber wenn funktionieren würde, was mein Kollege Luca Blicker am Frankfurter Hauptbahnhof gesehen hat, wäre es wirklich eine Revolution. Können Protonen (H+) die Deutsche Bahn retten?
Sie können einem Leid tun, die Redakteure und Redakteurinnen von MDRWissen. Alle Wissenschaftsjournalisten wissen: Chemische Formeln sind heikel. Legendär die Sendung mit der Maus, die ein gewinkeltes CO2 präsentierte. Diesen Fehler hat der MDR vermieden. Aber suchen Sie selbst (wie Eduard Frank, der dies für uns erspähte), wie sich der MDR die „nützlichen Chemikalien“ vorstellt.
Treffen sich zwei Chemiker in der Bar. Sagt der eine „I get H2O, too“. Ob die US-amerikanischen Comiczeicher Kelly und Zach Weinersmith diesen Witz im Sinne hatten, als sie in „Unsere Zukunft steht in den Sternen“ folgendes zu Papier brachten (wo es unser Leser Hauke Reddmann fand)?
Auf die EU schimpfen scheint Volkssport zu sein. Dabei meint die es doch nur gut (wahrscheinlich). Zum Beispiel damit: „Kritische Mineralien wie Koks oder Wismut könnten bald in der EU gehortet werden.“ Laut einem Bericht auf t-online.de, den Leser Ulrich Scharfenort las, plant Brüssel eine Krisenvorsorge. Nun ist Wismut zwar kein Mineral und Koks … Aber lassen wir das.
Neues lernte unser Leser Rainer Stürmer beim Blättern in der Frankfurter Rundschau. Aus Sicherheitsgründen sollte Rubidium immer in feuchten Hallen verarbeitet werden, wie die Bildunterschrift zum Foto der Bildagentur Imago nahelegt: „Ein Arbeiter trocknet Rubidium und Eisen in Ganzhou in Ostchina.“
Über einen Fall von Elementumwandlung berichteten unter anderem die Volksstimme und die Neue Westfälische Zeitung (vermutlich, weil sie die gleiche dpa-Meldung abschrieben). Ein Forschungsprojekt an der Uni Stuttgart will umweltfreundlichen Beton herstellen: „Dafür wird Sand mit einem bakterienhaltigen Pulver in Formen gefüllt und tagelang mit Urin gespült. Der Harnstoff im Urin wird dabei in Calciumcarbonat-Kristalle umgewandelt.“
Der Urin stammte übrigens von Freiwilligen der Uni. Woher der Sand kam, weiß man nicht, aber vermutlich nicht vom Whitehaven Beach in Australien. Denn wie das Life-Style-Magazin Esquire vermeldet, besteht ebendieser weißeste Strand der Welt „zu 98 % aus reinem Silicium“. Dies ist laut Esquire auch der Grund, warum der Strand so „angenehm unter den Füßen“ sei. Unser Leser Knut Kessel warnt: Wenn das an der Börse bekannt wird, bricht der Aktienkurs von Wacker/Siltronic gnadenlos ein.
Nicht anfassen – die Nichtansäure. Ja, es ist so eine Sache mit den automatisierten Übersetzungen, wie Leser Stefan Fokken im Patent EP 4 355 723 A1 lesen musste:
Das gleiche ist ja nicht dasselbe. (Oder ist dasselbe nicht das gleiche?). Doch sehen Sie selbst (gefunden von Veronika Beer in ihrem Verpackungsmaterial):
Ja, was nur? Vermutlich nicht durchsetzen wird sich der Vorschlag der Westdeutschen Zeitung, obwohl Frank Galbrecht dort las: „Die Feuerwehr konnte den Brand mit einem CO-Löscher schnell bekämpfen.“
Der Albtraum der Feuerwehr sind Reifenbrände – extrem hohe Temperaturen, schwer zu löschen, und es entstehen Unmengen an Schadstoffen. Die Hessenschau übertrieb also nur ein kleines bisschen, als sie über den Brand im Reifenlager in Niedernhausen berichtete. Im Videobeitrag erfuhr unser Leser Andreas Wolf von so hohen Temperaturen, dass der „Asbest brannte“.
Wenn sogar Asbest brennt, ist alles möglich. Und tatsächlich: Laut Märkischer Allgemeiner gab es in Golm einen Feuerwehreinsatz, denn „in einer Wohnung war Zitronensäure angebrannt – ein Vorfall, der möglicherweise chemische Reaktionen ausgelöst hat.“
Beim Blick in das „Handbuch Wein“ staunte unser Leser Herbert Otteneder.
Sollte er vielleicht ein historisches Exemplar des Handbuchs aus Österreich erhalten haben?
Die wirkliche Gefahr beim Alkohol lauert sowieso an anderer Stelle, wie Helmut Sinner auf t-online.de las: „Tödliche Gefahr: Kann ich gepanschten Alkohol erkennen? … Schon bei der Gärung von Fruchtsäften entstehen gewisse Mengen [Methanol], und diese werden bei der Destillation noch konzentriert. Da Ethanol und Methanol ähnliche Siedepunkte haben, können sie nicht getrennt werden.“
Also Finger weg vom Alkohol und hin zumZuckerwasser, denn:
Vergeben wir ihnen, denn sie wissen nicht, was sie da schreiben. Wer keine Ahnung von Chemie hat, dem wird auch die Brause nicht helfen. Wetten?
Dem ewigen Wettstreit Gut (Bio) versus Böse (Chemie) fügt auch das TUI-Flyjournal ein Kapitel hinzu: „In der Banane stecken ganz viele Enzyme, die das Magnesium aufspalten.“
Wenn der gefährliche gasförmige Kohlenstoff sein Unwesen treibt, dann kann nur heldenhafter Einsatz Leben retten. So fand es Gerald John in einem Bericht der Rheinischen Post zur Verleihung der Rettungsmedaille NRW: „Trotz möglicher Kohlenstoffvergiftungen gelingt das Wunder.“ Vielleicht war bei der RP ja auch chemischer Sachverstand da und nur die Rechtschreibung schwach (so ein Monoxid ist ja auch schnell mal vergessen). Dafür spricht, dass der nächste Satz in der RP lautete: „Keiner einziger Patient verliebt [sic!] im Feuer sein Leben.“
Und weil es leicht ist zu spotten, aber die Tat der drei Pflegekräfte am 14. November 2022 wahrlich heldenhaft war, hier nochmal chemisch und orthografisch korrekt: Melissa Abraham, Sandra Brandhofer und Mahir Günes retteten an jenem Tag bei einem Krankenhausbrand über 30 Patienten der Intensivstation, trotz der Gefahr einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung, der sie sich dabei aussetzten.
Noch schlimmer als der gefährliche gasförmige Kohlenstoff ist aber jener aus den Torfschichten.
Doch Leser Ulrich Scharfenort weiß: Kohlenstoff ist kein Wandersmann. Das anaerobe Torfmoos wird, wenn Sauerstoff in dieses gelangt, einfach biologisch wie im Kompost abgebaut.
Einen hab‘ ich noch: Das renommierte Biochemie-Magazin Die Bunte schrieb einen Satz (und Leser Gerhard Karger fand ihn), der auf engstem Raum Fachterminologie und journalistischen Übermut vereint, also wirklich bunt ist: „Die Endorphine der Oscar-Gewinner sprudelten backstage über.“
Weiterhin fröhliches Übersprudeln, bleiben Sie gesund. Lachen soll ja dabei helfen.
Bei der April,-April-Presseschau liegt Nachrichten-Chefredakteur Christian Remenyi komplett in Ihrer Hand, liebe Leserinnen und Leser. Bitte sammeln Sie weiterhin so engagiert Stilblüten, Nonsens und Kurioses. Und dann immer her mit dem Blödsinn – direkt an nachrichten@gdch.de; Stichwort: April!
Die Firma Cilibydesign geht in ihrem Werbevideo brachial zur Sache: Sie spaltet die Bindungen von H und O im Wasser und zerstört damit dessen Gedächtnis. Dann wird es gereinigt (ob die Wassermoleküle oder die einzelnen Atome ist nicht ersichtlich, aber immerhin wird das Wort Umkehrosmose genannt), und schließlich werden nanoskalige Hanföl-Moleküle darin eingekapselt. Und Schwupps, lassen sich diese zu 99 % in die einzelnen Körperzellen transportieren. Warum man dazu vorher dem Wasser das Gedächtnis rauben muss, bleibt unklar. Wenigstens erinnert sich das Wasser nicht mehr an diesen Unsinn.
gesehen in Braunschweig im März 2025
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