Meinungsbeitrag
Die Mesomerie von Lachen und Laborarbeit
Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt
„Das Lachen ist ein teuflischer Wind, der die Gesichtszüge aufs unnatürlichste verzerrt und die Menschen aussehen lässt wie wilde Affen“, echauffiert sich der greise Benediktinermönch Jorge von Burgos in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ und straft seine Novizen mit Verachtung, als diese sich im klösterlichen Skriptorium nicht dem Studium, sondern gemeinsamem Schabernack widmen. Immanuel Kant schreibt in seiner Kritik der Urteilskraft: „Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.“ Keine dieser beiden Aussagen lässt verstehen, was Lachen ist. Aber wenigstens kommt in beiden Sätzen das Wort „Affe“ vor (schauen Sie bei Kant doch nochmal ganz genau auf den „Affekt“).
Als Lebensmittelchemiker und Comedian werde ich gefragt: Wie bringt man mit Chemie ein Publikum zum Lachen? Ganz einfach: Man erhitzt Ammoniumnitrat auf 200 °C und leitet das entstehende Lachgas ins Auditorium. Lachen ist eine Reaktion, bei der sich aus Überraschung und Irritation unter Freisetzung von Wärme (exotherm) ein heiteres „Ach so!“ bildet. Es gibt auch Leute, die merkwürdig einatmend nach innen lachen. Lachen die dann endotherm? Wird es kalt um sie herum?
Humor gilt als heiliger Gral der Wissensvermittlung, doch bietet die Chemie kaum gute Gags, da sie keinen Humorwert hat. An der Kristallfeldtheorie ist nichts lustig. Sie ist ein für die Komplexchemie enorm wichtiges Erklärungsmodell, das es uns ermöglicht, die Durchfallquote von Erstsemesterstudenten stabil bei 20 Prozent zu halten. Auf der Bühne sage ich von mir: „Ich bin staatlich geprüfter Lebensmittelchemiker. Das ist die höchste Qualifikation, die man als Dönermann in Deutschland erreichen kann.“
Comedy ist für mich weniger ein Wissensvehikel denn ein Safe Space, um sich schambefreit mit seiner eigenen Unvollkommenheit zu versöhnen. Ein solcher Safe Space tut uns in der Wissenschaft gut, weil es in diesem Betrieb zu viele gibt, die der Strenge eines Jorge von Burgos nacheifern und ein Anspruchsklima schaffen, in dem die Angst, beim Nicht-Wissen ertappt zu werden, den Dialog hemmt. Im Vorteil ist, wer flink mit Fachvokabeln fuchtelt. Auf der Strecke bleibt, wer zaudert.
Ein einprägsames Verwirrspiel entstand, als ich mit Unklarheiten zur Löslichkeit einer Probensubstanz einen ranghöheren Forschungskollegen konsultierte, der meinte: „Reden wir von der thermodynamischen oder der kinetischen Löslichkeit?“, womit er ganz gelassen zwei Begriffe einwarf, von denen ich in zehn Jahren Studium und Promotion in keiner Vorlesung, in keinem Lehrbuch und in keinem Gespräch je etwas gesehen oder gehört habe. Das versichere ich an Eides statt. Später recherchierte ich, dass dies für meine Fragestellung unerhebliche Nischenbegriffe sind. Es war, als hätte jener Kollege ein Kleinkind, das eine Zimtschnecke will, zur Ablenkung gefragt, ob es von Cassia- oder Ceylon-Zimt redet. Doch verschlimmerte ich unsere Misskommunikation, da ich meine Unkenntnis nicht preisgab, sondern sagte: „Ich muss das gesondert eruieren“, um dann das Thema zu wechseln. Die Diskussion meines Problems ließ ich versanden, weil es sich im weiteren Verlauf irgendwie auch von selbst löste – thermodynamisch und kinetisch.
Doch warum den Dialog vermeiden? Gehen wir ihn mit breiter Brust an! Nur Wissenschaftler:innen, die stark im Diskurs miteinander sind, sind souveräne Leitfiguren, wo gesellschaftliche Skepsis zur Wissenschaft herrscht, Influencer Absurditäten wie den Verzehr roher Hähnchen als gesund anpreisen und Ahnungslose sich an der Zimt-Challenge probieren, bei der man einen Löffel Zimt in den Mund nehmen soll (Spoiler: das ist unabhängig von der Zimtsorte lebensgefährlich). Ceylon-Zimt ist übrigens weniger lebertoxisch, da cumarinärmer. In der Bäckerei fragte ich jüngst, ob man dort Cassia- oder Ceylon-Zimt verwende. Die Fachkraft sagte: „Ich muss das gesondert eruieren.“ Dann wurden mir Käsebrezeln angeboten.
Dr. Emir Wiersma ist staatlich geprüfter Lebensmittelchemiker, DMPK-Wissenschaftler und Comedian (unter anderem: BR Vereinsheim Schwabing, Quatsch Comedy Club).Foto: Cristopher Civitillo
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