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Chemiker in der Ukraine

Luftschutzbunker statt Labor

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Nach dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine bleibt den Chemikern dort nur noch der Versuch, ihre Laborgeräte und Materialien zu erhalten.

Niemals hätte sich Galyna Ushakova, Professorin für Neurochemie, vorstellen können, dass es in der Ukraine Krieg geben könnte. Auch nicht nach der Besetzung der Krim im Jahr 2014 und den Kämpfen im Donbass: „Der Angriff der russischen Armee war ein Schock für uns. Wir sind doch ein friedliches Land“, sagt sie. Ushakova leitet das Department Physiologie und Biochemie der Nationalen Oles-Hontschar-Universität, einer der acht Universitäten in der südostukrainischen Stadt Dnipro.

Ihre Experimente haben Ushakova und ihre Kollegen eingestellt, auch wenn kämpfende Truppen noch mehr als 150 km von der Millionenstadt entfernt sind. „Gestern habe ich zwei Stunden im Luftschutzraum verbracht. Morgen bringen wir unsere Versuchstiere in den Keller“, berichtet sie. An Forschung sei nicht zu denken.

Luftschutzkeller in Dnipro am 1. März. Die Räume gehören zu einer Schule aus der Zeit der Sowjetunion. Foto: picture alliance/AA, Andrea Carrubba

„Ich kann mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren“, sagt auch Vitalii Palchykov, Professor an der Fakultät für Chemie der Universität. In Friedenszeiten hat er Heterocyclen für Medikamentenwirkstoffe synthetisiert. Seit Kriegsbeginn versucht er, Geräte und die Laborausstattung vor der Zerstörung zu sichern. „Weil wir jederzeit mit Bombenangriffen rechnen müssen, ist es viel zu gefährlich, im Labor zu arbeiten.“

Zuspruch statt Wissen

Studierende sind zurzeit nicht an der Universität. Nach langer Zeit im Distanzunterricht wegen der Covid-19-Pandemie, die auch in der Ukraine noch nicht vorbei ist, wollten die Dozenten zum normalen Lehrbetrieb zurückkehren. „Nun haben wir wieder eine Plattform für Distanzlernen aufgesetzt“, berichtet Palchykov.

Wichtiger als das Fachliche sei im Moment die psychologische Unterstützung, meint Ushakova, „die Studierenden sind sehr angespannt.“ Olena Dobvan betont: „Es ist wichtig für uns, ermutigt zu werden, dass wir wissen, dass wir nicht vergessen sind.“ Sobald die Nachwuchswissenschaftlerin ihren Laptop aufklappt, prasseln die Nachrichten über Tod und Zerstörung auf sie ein, von Freunden, Kollegen und Verwandten.

Auch Dobvans Arbeit geht nicht weiter. Die Neurochemikerin hat bei Galyna Ushakova ihre Doktorarbeit über die Blut-Hirn-Schranke abgeschlossen und braucht nun Blutproben aus dem Krankenhaus, um ihre Forschung fortzusetzen. Sie bekommt aber keine mehr. Stattdessen engagierte sie sich ehrenamtlich, sortiert in einer Kirche Hilfsgüter für Menschen, die innerhalb der Ukraine vor der Gewalt geflohen sind.

Kein Entkommen

Nur wenige Studierende und Forscher haben bisher das Land verlassen. Für die meisten Wissenschaftler, berichtet Dobvan, sei Flucht keine Option: Aus Kiew oder Charkiw gibt es keine sicheren Fluchtwege. Männer zwischen 18 und 60 dürfen die Ukraine nicht verlassen, Wissenschaftlerinnen wollen ihre Ehepartner nicht zurücklassen, oder Professoren fühlen sich zu alt für eine Flucht. Einige wenige Doktoranden haben sich einer lokalen Verteidigungseinheit angeschlossen; eine militärische Ausbildung haben sie nicht.

Kontakte zu Kollegen und Kooperationspartnern in Russland seien abgerissen. „Sie haben nicht begriffen, was hier passiert“, mutmaßt Palchykov. Dobvan widerspricht: Eine frühere Studienkollegin von ihr demonstrierte in Moskau gegen den Krieg und landete für zwei Tage in Polizeigewahrsam. Ushakova, deren Bruder in Russland lebt, hat eine Erklärung für die Funkstille der Wissenschaftler: „Sie haben Angst.“

Frauke Zbikowski sprach am 8. März via Zoom mit den ukrainischen Wissenschaftler:innen.

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