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Besser transformieren

Nachrichten aus der Chemie, November 2026, S. 44-50, DOI, PDF. Login für Volltextzugriff.

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Ziel des Green Deal der Europäischen Union ist es, eine klimaneutrale, ressourceneffiziente und wettbewerbsfähige Wirtschaft zu schaffen. Das Beispiel des Wasserstoffhochlaufs in Deutschland zeigt, was bisher noch nicht funktioniert. Wie kann eine agile Transformationspolitik helfen, den Systemwandel schneller und effizienter umzusetzen als bisher?

Das Green-Deal-Ziel: Treibhausgasemissionen in der EU bis zum Jahr 2050 auf Netto-Null senken. Der Weg dorthin: grüne Transformation – nicht nur in Gesetze geschrieben, sondern durch Investitionen in neue Prozesse, Anlagen und Produkte vorangetrieben. Denn das praktische Umsetzen entscheidet, ob die Transformation gelingt. Für Konsumenten müssen klimaneutrale Produkte attraktiv genug sein, um sie zu kaufen; für Investoren muss ihr Kapitaleinsatz höhere Renditen als fossile Projekte versprechen.

Transformationwird politisch oft linear und planbar verstanden. Tatsächlich ist sie allerdings ein Experiment. Ihr Ausgang ist ungewiss, weil sie sich auf etliche dezentrale und offene Entscheidungen stützt. Das betrifft sowohl Privatunternehmen als auch -haushalte, wenn sie über Investitionen beziehungsweise Konsum entscheiden.

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Bild: intararit / Adobe Stock, bearbeitet

Die energieintensiven Prozessindustrien wie die Chemieindustrie haben es besonders schwer. Denn klimaneutrale Prozesse generieren einen deutlich höheren Energiebedarf als fossile [Nachr. Chem. 2025, 73(9), 42, Tabelle 1]. Der Anteil der energieintensiven Prozessindustrien an teuer und schwer zu vermeidenden (hard-to-abate) CO2-Emissionen ist hoch (Grafik). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Kosten für die Folgen der Klimaerwärmung deutlich höher geschätzt werden als die Kosten für die Minderungsmaßnahmen.1,2)

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Treibhausgasemissionen verschiedener Sektoren in Deutschland im Jahr 2024 (schwarz) und Anteile der Emissionen, die sich wirtschaftlich mindern lassen (grün) sowie Anteile, die schwer vermeidbar (hard-to-abate, orangefarben) sind. Die Hard-to-abate-Emissionen kommen bei der Energieumwandlung vor allem durch Dunkelflauten zustande, in der Industrie durch die Grundstoffindustrien, im Verkehr durch Flüge, bei Gebäuden durch Baudenkmale und in der Landwirtschaft durch Reststoffe der Tierzucht. Daten vom Umweltbundesamt

Als technische Lösung, um Hard-to-abate-Emissionen zu mindern, eignet sich häufig klimaneutraler Wasserstoff, der durch Elektrolyse aus Wasser mit Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt wird. Allerdings droht der Wasserstoffhochlauf in Deutschland trotz politischer Bemühungen zu scheitern, weil Infrastruktur, Nachfrage und Investitionen sich nicht synchron entwickeln. Im Zuge der laufenden Transformation ist grüner Wasserstoff als Systemlösung schlicht zu teuer. Notwendig bleibt er als weiterhin teure Lösung für sonst unvermeidbare CO2-Emissionen und erfordert viel grünen Strom.

Was ist Transformation?

Den Begriff Transformation im Zusammenhang mit Klimaneutralität verwenden Politik und Medien häufig unpräzise. Er steht für das abstrakte Ziel, die deutsche Wirtschaft wettbewerbs- und zukunftsfähig zu halten, indem sie klimaneutral wird. Dahinter steht die These vom grünen Wachstum. Die zugrundeliegenden Veränderungen sind jedoch komplex. Wie lässt sich der Begriff also politisch, gesellschaftlich und betrieblich neu denken und schärfen?

Entscheidend ist erstens: Transformation ist systemisch, komplex, eigengesetzlich und durch Wechselwirkungen geprägt. Transformation greift in die Strukturen, Prozesse und Mentalitäten der Akteure ein. Zweitens: Transformation besteht nicht einfach im politisch gewollten Hinzufügen der Eigenschaft „klimaneutral“. Sie ist der Übergang von einem komplexen System in ein anderes und nicht rein politisch-regulatorisch. Ebenso zu berücksichtigen sind ökonomische Zusammenhänge sowie technische und naturwissenschaftliche Grenzen (Abbildung). Das verlangt zugleich Übersetzungsarbeit, damit sich die Akteure der technisch-naturwissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politisch-regulatorischen Ebene gegenseitig verstehen.

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Wo technische Machbarkeit, ökonomische Tragfähigkeit und politische Akzeptanz zusammenkommen, werden Übersetzungsprobleme gelöst und systemische Hemmnisse überwunden. Hier entsteht der Möglichkeitsraum erfolgreicher Transformation.

Zudem sind Knotenpunkte (Scharniere) zwischen den Ebenen zu schaffen, um Informationen auszutauschen, Projekte zu koordinieren und zeit- und ressourceneffizient zusammenzuarbeiten anstatt parallel nebeneinander. Schlechte Kommunikation führt zu schlechten Ergebnissen: Nicht jede regulatorische Idee ist technisch machbar, nicht jede technisch mögliche Lösung wirtschaftlich und nicht jede wirtschaftliche Entwicklung führt zu weniger CO2-Emissionen.

Sackgasse statische Transformationspolitik

Bei der Transformation sind die Anfangsbedingungen, das Ziel und die Eigenschaften des bestehenden sowie des neuen Systems zu berücksichtigen, einschließlich der Wechselwirkungen zwischen den Systemen im Übergang. Die bisherige Strategie der EU lässt sich beschreiben als Kombination aus begrenzter staatlicher Anschubfinanzierung für grüne und Sanktionierung fossiler Geschäftsmodelle, etwa durch steigende CO2-Preise und Deadlines für das Nutzen bestimmter Techniken. Die Transformationspolitik will eine Investitionsdynamik auslösen. Dabei nimmt sie an, Kostenunterschiede zwischen fossilen und klimaneutralen Techniken ausgleichen zu wollen, sei hierfür ausreichend. Das ist jedoch unterkomplex und erklärt zu einem großen Teil, warum die gegenwärtige Transformationspolitik in Deutschland und Europa wenig erfolgreich ist.

Beispiel CO2-Preis: Eine Politik, die allein auf den CO2-Preis als Steuerinstrument setzt, ignoriert Folgendes: Volkswirtschaftliches Vermögen lässt sich nur durch graduelle Investitionen und technischen Fortschritt umbauen – und zwar schrittweise. Investitionen in Klimaneutralität sind aus Einnahmen im laufenden Geschäft zu finanzieren. Diese privatwirtschaftlichen Investitionen müssen profitabel sein, sonst bleiben sie aus. Steigende CO2-Preise und Wettbewerbsdruck auf globalen Märkten gefährden jedoch die Profitabilität heutiger fossiler Geschäftsmodelle. Damit entsteht ein Transformationsparadox: Eine politisch erzwungene verfrühte Abschreibung des alten Vermögens verlangsamt den Aufbau neuen Vermögens, anstatt ihn zu beschleunigen.

Bestehende Infrastrukturen weisen Verbundeffekte und Synergien auf. Beim Austausch durch neue Infrastrukturen, etwa um Erdgas durch Wasserstoff zu ersetzen, ist mit hohem Aufwand in Vorleistung zu investieren, beispielsweise in ein Wasserstoff-Kernnetz, bevor neue Synergien entstehen können. Nur so sind Investitionen in klimaneutrale Wertschöpfungsketten möglich.

Sich stark auf einzelne notwendige Infrastrukturkomponenten, etwa Erzeugungskapazitäten oder Stromnetze in bestimmten Regionen, zu fokussieren, kann daher unwirtschaftlich sein. Optimal wäre stattdessen ein koordinierter, gleichzeitiger Ausbau der Infrastrukturen. Eine koordinierte Förderpolitik wird jedoch durch die Vielfalt der Förderprogramme und der regional unterschiedlichen politischen Prioritäten erheblich erschwert. Ohne ausreichende Koordination ist für den einzelnen Akteur allerdings der Wechsel von einem etablierten komplexen System mit bewährten Lieferketten, Normen und Standards zu einem neu entstehenden System zu riskant.

Beispiel Wasserstoffhochlauf

Warum eine statische Transformationspolitik problematisch ist, zeigt das Beispiel des erneuerbaren Wasserstoffs. Im Jahr 2020 hat die damalige Bundesregierung die Nationale Wasserstoffstrategie beschlossen. Diese sollte einen zügigen Markthochlauf unterstützen, um grünen Wasserstoff auf dem deutschen Heimatmarkt wettbewerbsfähig zu machen und bessere Verfahren sowie Fach- und Erfahrungswissen zu entwickeln.3)

Denn Wasserstoff ist – technisch gesehen – vielfältig einsetzbar: Die meisten chemischen Grundstoffe wie Ammoniak, Methanol, Olefine und E-Fuels lassen sich mit Wasserstoff herstellen, Kraftwerke oder Haushaltsheizungen, Fahrzeuge, Flugzeuge, Verbrennungsmotoren und Brennstoffzellen mit Wasserstoff betreiben, und Wasserstoff eignet sich, um Energie zwischenzuspeichern. Würde der gesamte Wasserstoff nachhaltig hergestellt, ließe sich CO2 einsparen, da bei Verbrennung nur Wasser freigesetzt würde. Genau das sollte passieren, sobald sich grüner Wasserstoff wirtschaftlich herstellen und transportieren ließe.

Die Annahme: Der Bedarf sollte bis 2030 bei 90 bis 110 TWh erneuerbarem Wasserstoff pro Jahr liegen. Die Kapazitäten in Deutschland würden nicht reichen, um diesen Bedarf zu decken. Daher wurde auch der Import aus Gegenden mit größerem Potenzial für erneuerbare Energie in Betracht gezogen.

Ende 2025 stellte der Bundesrechnungshof allerdings fest: Weder Angebot noch Nachfrage noch Infrastruktur hatten sich entwickelt, obwohl der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft national jährlich mit mehreren Milliarden Euro gefördert worden war. Das Erreichen der Klimaneutralität bis 2045 sei deshalb gefährdet.4) Wasserstoff sei zudem immer noch deutlich teurer als andere Energieträger, es entstehe ein Missverhältnis zwischen Investitionen und Nutzen sowie das Risiko, die Wasserstoffwirtschaft dauerhaft subventionieren zu müssen. Den Medien zufolge verzögerten sich etliche Wasserstoffprojekte oder wurden sogar gestoppt. Woran liegt das? Wasserstoff nachhaltig nach dem heutigen Stand der Technologie herzustellen ist teuer und unwirtschaftlich, die Technologiesprünge sind kleiner als erwartet, und Energie- und Stoffinfrastruktur fehlen.5)

Preis und Kosten

Ein Kilogramm fossilbasierter Wasserstoff kostet etwa 1 Euro, nachhaltig in Deutschland nach dem heutigen Stand der Technologie hergestellter etwa 4 bis 9 Euro.6) In wind- und sonnenreichen Gegenden der Welt ist die Herstellung zwar günstiger, der Transport jedoch teuer.7) Weder lokal produzierter noch importierter Wasserstoff kann daher verglichen mit fossilbasiertem Wasserstoff gleich viel oder weniger kosten. Mit dem Wasserstoffpreis verflochten sind auch die Kosten für Folgeprozesse wie Investitionen in Anlagen oder Herstellen von Zwischen- und Endprodukten. Weil etliche Endprodukte betroffen sind, steigt unter sonst gleichbleibenden Bedingungen das allgemeine Preisniveau.

Die Kosten bestehen aus den Abschreibungen auf capital expenditures (Capex) und den operating expenditures (Opex). Capex sind Investitionen, um neue Anlagen zu errichten und alte rückzubauen. Opex sind die Kosten für den Betrieb der Anlagen. Abschreibungen auf Investitionen sind zeitlich begrenzt; nach Ablauf der Abschreibungszeit fallen also Abschreibungen auf Capex nicht mehr als laufende Kosten an. Dementsprechend orientieren sich die Marktpreise langfristig an den Opex ohne Abschreibungen. Capex und anfänglich höhere Opex sind zeitlich begrenzt. Wenn jedoch Abschreibungen nur 20 Prozent der initialen Kosten ausmachen, sind die Betriebskosten für nachhaltig hergestellten Wasserstoff dauerhaft höher als die für die fossile Alternative. Grüner Wasserstoff bleibt dann dauerhaft signifikant teuerer als fossilbasierter.

Der Plan innerhalb der Nationalen Wasserstoffstrategie war, durch staatliche und private Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in neue Anlagen die Kosten zu senken. Teilweise ist dies auch geschehen durch neue Kapazitäten, um Elektrolysezellen industriell zu fertigen. Trotzdem sind die Kosten nach wie vor hoch. Eine Drittelung der Kosten durch Technologiesprünge, wie im Plan vorgesehen,8) gab es nicht. Das Potenzial, bei den bekannten Herstellprozessen für grünen Wasserstoff die Kosten zu senken, ist weiter gering.

Wirtschaftlichkeit

Die Wasserelektrolyse ist als Prozess zwar lange bekannt, wird allerdings industriell kaum verwendet. Rückschlüsse auf die Wirtschaftlichkeit lassen sich trotzdem ziehen: aus der industriell genutzten Chlor-Alkali-Elektrolyse. Seitdem Elektrolysezellen industriell produziert werden, bestimmt Standardequipment wie Gebäude, Kompressoren, Netzanschlüsse und Transformatoren die Höhe der Investitionen. Nach unten begrenzt die Anzahl der benötigten Elektronen, also der Strombedarf, die Kosten. Kostensenkungen durch Lernen und Skalieren, wie sie in frühen Entwicklungsphasen üblich und bei anderen Technologien, etwa elektrochemischen Energiespeichern, noch zu beobachten sind, treten bei der Wasserelektrolyse nicht mehr ein.5)

Die heutige Energie- und Stoffinfrastruktur der Industrie funktioniert zudem nicht wasserstoffbasiert: Auch wenn sich Grundchemikalien wie Olefine technisch aus Wasserstoff und CO2 herstellen lassen, entstehen sie zurzeit durch Cracken von Naphtha. Kraftwerke sind kohle- und erdgasbetrieben, Flugzeuge fliegen mit Kerosin, Fahrzeuge werden mit Benzin und Diesel angetrieben, Stahl wird mit Kohle und Erdgas hergestellt. Es reicht also nicht, ein Wasserstoffnetz und Erzeugungskapazität aufzubauen, sondern auch die nachfolgenden Prozesse sind anzupassen.

Gleichzeitig entwickeln sich Technologien in verknüpften Branchen dynamisch: Vollelektrische Fahrzeuge sind mittlerweile über den Lebenszyklus betrachtet kostengünstiger als Benzin-, Diesel-, Wasserstoff- oder E-Fuel-betriebene, Batterien werden um Faktoren billiger.9) Die Erfahrungskurve (links) zeigt: Mit Verdopplung der Erfahrung sinken die Kosten um etwa 20 Prozent, mit 8-facher Erfahrung halbieren sie sich. Damit wird auch der Betrieb von elektrisch angetriebenen Fahrzeugen günstiger; wasserstoffbetriebene benötigen heute etwa dreimal so viel Energie.10) Daher ist fraglich, ob der Wasserstoffbedarf bis zu den Jahren 2030 und 2045 so hoch sein wird wie ursprünglich im Jahr 2020 prognostiziert. Zudem erzeugt eine solche Dynamik Unsicherheit und verhindert Investitionen. Denn jede Investition ist eine langfristige Wette – möglicherweise auf die falsche Technologie.

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Erfahrungskurve nach Henderson mit halblogarithmischer Auftragung: 20 % weniger Aufwand/Kosten bei doppelter Erfahrung.

Um Innovationen zu fördern, ist Technologieoffenheit wichtig. Allerdings sollte eine Diskussion über die beste Technik auch immer die Kosten für die Technik und die Infrastruktur berücksichtigen, um sich für die wirtschaftlichste Systemlösung zu entscheiden – und zwar vor der Entscheidung für einen Netzwerkausbau und damit verbundenen hohen Investitionen.

So haben sich nach 2020 für Wärme und Verkehr Systemlösungen ohne Wasserstoff als wirtschaftlich überlegen gezeigt [Nachr. Chem. 2025, 73(9), 42]. Der Markt für Wasserstoff wird damit kleiner als im Jahr 2020 angenommen. Politische und technische Unsicherheit verhindern derzeit auch Investitionen in sinnvolle Wasserstoffanwendungen. In der Chemie und Metallurgie etwa bleibt Wasserstoff als Reduktionsmittel unverzichtbar, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen.11)

Aus dem Wasserstoffbeispiel lernen wir: Die drei wichtigsten Faktoren einer systemischen Transformation sind ihre Finanzierbarkeit, infrastrukturelle Komplementarität und Koordination.

Agil statt statisch

Stabilität und Flexibilität bedingen einander in der Frühphase der Transformation. Die Politik sollte daher Unternehmen zunächst Planungssicherheit durch einen verlässlichen Rahmen und klare übergeordnete Ziele geben und gleichzeitig genug Spielraum, um praktikable Lösungen zu finden. Zudem lässt sich eine Transformation nur finanzieren, wenn alle Investitionszyklen berücksichtigt, aufeinander abgestimmt und langfristig ausgerichtet werden. Nur so entsteht eine eigendynamische, selbsttragende Transformation.

Das verlangt eine agile Transformationspolitik. Diese zielt darauf ab,

  • Engpässe zu beseitigen, die die Transformation teuer machen,
  • sicherzustellen, dass sich transformierte Geschäftsmodelle vermarkten lassen,
  • alle nötigen Voraussetzungen für einen Systemwandel zu schaffen.

Agil bedeutet, zielorientiert zu bleiben durch Anpassen von Transformationspfaden und Instrumenten – und nicht das Ziel zu korrigieren, wenn es unbequem wird.

Ist ein Regulierungsansatz statisch, kommt es häufig zu Brüchen und Richtungswechseln im Transformationsprozess. Politische Entscheidungen gegen die Systemdynamik, etwa den Markt, die technische Realität oder die gesellschaftliche Akzeptanz, führen zu Kurswechseln. Das verunsichert Unternehmen und bremst Investitionen sowie die Transformation. Deshalb muss der Transformationspfad robust und resilient gegenüber kurzfristigen Krisen und politischem Opportunismus sein.

Entscheidend ist letztendlich nicht, Ziele so schnell wie möglich zu erreichen, sondern nachhaltig: Die Kosten und Zielkonflikte entlang des Entwicklungspfads sind langfristig zu minimieren.

Märkte, Regulierung, Innovation

Wettbewerbsmärkte helfen in der Transformation, heterogene Interessen, Erwartungen und Prozesse innerhalb eines regulatorischen Rahmens zu koordinieren. Fehlende Infrastruktur und technische Unsicherheit bremsen allerdings einen schnellen Marktaufbau. Transformationspolitik sollte diesen deshalb unterstützen. Das erfordert einen dynamischen Förderansatz: Förderinstrumente sollten im frühen Stadium des Marktaufbaus ein breites Spektrum an Funktionen unterstützen. Mit dem Skalieren von Geschäftsmodellen und Aufbau von Wettbewerbsmärkten lassen sich die Aufgaben dann schrittweise an Marktakteure übertragen. Dazu eignen sich staatlich geförderte Auktionsmodelle, die Angebot und Nachfrage koordinieren, oder das partielle staatliche Absichern von Projektrisiken. Gleichzeitig muss eine systemdienliche Entwicklung für Infrastrukturkomponenten vorangetrieben werden, die technikbedingt Monopole sind, etwa Wasserstoff- oder CO2-Pipelines.

Neben Problemen mit Koordination und Finanzierung bremst auch Regulierung die Transformation – etwa durch enge Genehmigungsvorgaben und -verfahren, die länger dauern als ähnliche Prozesse in anderen Regionen der Welt, oder übermäßig komplexe Regulierung. Ein Beispiel für Letztgenanntes ist die Definition erneuerbaren Wasserstoffs als Renewable Fuel of Non-biological Origin (RFNBO) in der EU. Diese verlangt: Elektrolyseure sind in räumlicher Nähe neuer Photovoltaik- oder Windkraftanlagen zu bauen und dürfen nur dann produzieren, wenn diese Anlagen gerade Strom produzieren. Die Wirtschaftlichkeit solcher zeitlich gekoppelter Projekte wird komplex, und das Ergebnis dieser Rechnung ist eher schlecht.

Bürokratie bindet Ressourcen wie Zeit, Geld und Arbeitskräfte und führt zu Unsicherheit über die zeitliche Realisierbarkeit von Projekten, vor allem am Anfang der Transformation. Das benachteiligt unternehmerische Pioniere. Dabei sollte ein Vorangehen gegenüber dem Abwarten belohnt werden.

Transformation stößt in der Regel immer wieder auf Engpässe bei Kapazitäten, Kompetenzen, Ressourcen oder Infrastrukturen, denn sie besteht ja gerade darin, diese zu entwickeln und zu organisieren. Engpässe machen die Transformation allerdings volkswirtschaftlich teuer und einzelwirtschaftlich riskant. Aufgabe der Politik ist es, durch Rahmensetzung sowie Förderung des Wissens und der neuen Infrastrukturen die Transformation zu koordinieren, um Engpässe zu minimieren. Internationaler Handel, abgesichert durch strategische Partnerschaften und Handelsabkommen, hilft, verbleibende Engpässe zu überwinden.

Transformationspolitik ist nur dann agil, wenn sie Freiräume für Innovation bietet. Disruptive Innovation, die bestehende Techniken oder Geschäftsmodelle verdrängt, verändert Märkte grundlegend und schafft neue. Der Schlüssel dafür: einfacher Markteintritt und schnelle Skalierung. Für Investitionsentscheidungen sind immer ein positiver Business Case und eine sichere Finanzierung entscheidend. Weil technische Entwicklung oft unstetig verläuft und zunächst unklar bleibt, welche Lösung sich durchsetzt, ist eine technisch breit gestreute Innovationsförderung sinnvoll, um mehrere Ansätze zu unterstützen (Portfolio-Gedanke), Risiken zu verteilen und Chancen zu erhöhen.

Wichtig ist dabei das Timing. Innovationen brauchen oft länger als erwartet bis zur Marktreife. Ebenso dauert der Austausch des bestehenden Systems Jahre bis Jahrzehnte – abhängig von der Lebensdauer der Anlagen und Produkte, von Investitionsbudgets und Personal. Zu früh zu investieren oder zu fördern kann ebenso schädlich sein wie zu spät: In sehr frühen Phasen sind neue Produktionsanlagen und Produkte teuer und nicht wettbewerbsfähig. Eine starke Anschubförderung kann zwar die Erfahrungskurve beschleunigen und dadurch womöglich die Kosten senken, ist aber riskant. Kippt die politische oder gesellschaftliche Akzeptanz, drohen abrupte Förderstopps.

Soziale Akzeptanz

Transformation hat es immer dann schwer, wenn der damit verbundene Eingriff in private Entscheidungen teuer ist. Das betrifft sowohl private Unternehmen in ihren Investitions- als auch private Haushalte in ihren Konsumentscheidungen.

Gesamtwirtschaftlich ist es wichtig für die Kostenakzeptanz, die Kosten zwischen Gegenwart und Zukunft abzuwägen. Lange strukturelle Transformationsprozesse bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Finanzierungsspielräumen und Umverteilungsbedarfen. Wenn der unternehmerische Handlungsspielraum kleiner wird, ist die Transformation schwerer zu finanzieren, und gesellschaftliche Verteilungsfragen werden verschärft. Ein unkompensiert steigender CO2-Preis etwa kann zu regionaler Deindustrialisierung führen.

Gelingt es, Hemmnisse des Systemwechsels zu erkennen und zu beseitigen, verläuft die weitere Transformation eigendynamisch. Sind beispielsweise disruptive Innovationen wirtschaftlich tragfähig, hemmen oft historisch gewachsene, nicht mehr zeitgemäße Regulierung und fehlende Infrastruktur, etwa ein Wasserstoffkernnetz, die Transformation. So würden für die Chemie Nachhaltigkeitsziele einfacher erreichbar, wenn nicht mehr zwischen „guten“ und „bösen“ Molekülen unterschieden würde und sich so energie- und kostenoptimiert auf nachhaltigen Kohlenstoff aus Recycling, Biomassen oder Carbon Capture und Storage/Utilization (CCS/CCU) ohne Nutzungsverbote umstellen ließe.

Statt des bisherigen kleinteiligen Regulierungsansatzes braucht es ein neues politisches Transformationskonzept, das robust gegenüber äußeren Einflüssen ist und die Grundlage für einen neuen gesellschaftlichen Transformationspakt bilden kann. Der hier beschriebene agile Ansatz liefert hierzu einen Impuls.

Auf den Punkt

Transformation ist der Übergang von einem komplexen System in ein anderes: Strukturen, Prozesse und Mentalitäten der Akteure müssen sich ändern.

Um Klimaneutralität zu erreichen, genügt es nicht, klimapolitische Ziele in Gesetze zu schreiben. Grüne Transformation braucht Nachfrage und nachhaltig rentable Geschäftsmodelle.

Der stockende Wasserstoffhochlauf zeigt: Kostensenkung und Einsatzmöglichkeiten wurden überschätzt; starre Politikpositionen verhindern innovative Alternativen.

Agile Transformationspolitik erkennt und beseitigt Hemmnisse, besonders beim Zusammenwirken von Technik, Wirtschaftlichkeit und Politik, damit der Systemwechsel finanzierbar, gesellschaftlich akzeptiert und eigendynamisch erfolgen kann.

Transformation: Bedeutung in verschiedenen Bereichen

Der Begriff Transformation wird je nach Kontext anders verstanden, gemeint ist jedoch immer ein gerichteter Veränderungsprozess.

Energie: Umwandlung von Gleich- in Wechselstrom im Wechselrichter oder der Spannungsstufe im Transformator

Betriebswirtschaft: Prozess der Veränderung in Unternehmen

Volkswirtschaft: Übergang von Zentralverwaltungswirtschaft in Marktwirtschaft

Politik: Wechsel der politischen Grundordnung

Digitalisierung: Veränderungen von Wirtschaft und Gesellschaft durch digitale Techniken und künstliche Intelligenz

INFO: Thinktank Energiewende

Der GDCh-Thinktank Energiewende vereint Expertinnen und Experten aus Industrie und Hochschule, um wissenschaftlich fundierte Beiträge zur Transformation des Energiesystems zu leisten. Von der Chemie entwickelte neue Techniken zur Energiespeicherung, energieeffiziente Prozesse und innovative Materialien können entscheidend zum Erfolg der Energiewende beitragen. Der Thinktank analysiert Transformationspfade, bewertet technologische Konzepte und diskutiert Herausforderungen sowie Lösungsansätze. Die Ergebnisse stellen die Mitglieder auf Tagungen, Symposien und in Fachpublikationen vor.

In den Nachrichten aus der Chemie sind außer diesem Fachbeitrag seit dem Jahr 2023 vier weitere in der Reihe Energiewende erschienen:

Ansprechpartner des Thinktanks: Thomas Osterland, TH Augsburg, thomas.osterland@hs-augsburg.de Joachim von Heimburg, Jvhinnovation, joachim@jvhinnovation.de

Die Autoren

Der Beitrag entstand durch Zusammenarbeit des GDCh-Thinktanks Energiewende mit Experten für Chemieindustrie und Betriebswirtschaft. Die Hauptautoren sind André Wolf und Gerald Bode. Wolf ist promovierter Ökonom und leitet die Abteilung für Industriepolitik am Centrum für Europäische Politik (CEP) in Berlin. Zudem ist er Dozent am Centre international de formation européenne (CIFE). Zuvor war er am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) tätig. Bode hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Während seiner Promotion im Chemieingenieurwesen entwickelte er eines der ersten integrierten Konzepte, um chemische Forschung und Entwicklung nach Wirtschaftlichkeit, Ökologie und Risiko zu bewerten. Heute berät er selbstständig, auch zur nachhaltigen Transformation. Als Co-Autoren mitgewirkt haben Joachim von Heimburg, Wolfgang Hübinger (beide GDCh-Fachgruppe Vereinigung für Chemie und Wirtschaft), Henrik Meincke (Verband der Chemischen Industrie, VCI) und Henning Vöpel (CEP).

  • 1 L. Subran, H. Krichene, P. Hoffmann, K. Utermöhl, Allianz Climate Economics Report 2026: A year of escalating costs: t1p.de/9ju7tM. Kotz, A. Levermann, L. Wenz, Nature 2024, 628, 551
  • 2 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Die Nationale Wasserstoffstrategie, 10.06.2020: t1p.de/v3a94
  • 3 Bundesrechnungshof, Umsetzung der Wasserstoffstrategie des Bundes, 28.10.2025: t1p.de/chc07
  • 4 Forschungsstelle für Energiewirtschaft, Von der Theorie zur Praxis: Warum grüner Wasserstoff teurer ist als gedacht, FfE-Studie für BMWE, 16.06.2025: t1p.de/e9lgt
  • 5 T. Ehrhardt, G. Rothenberg, Green Chem. 2025, 27, 6690
  • 6 J. Collis, R. Schomäcker, Frontiers in Energy Research 2022, 10, 909298
  • 7 O. Schmidt, A. Gambhir, I. Staffell et al., Int. J. Hydrog. Energy 2017, 42, 30470
  • 8 T. Kroon, M. Tromp, B. van der Zwaan, Energy Policy 2026, 217, 115416
  • 9 International Energy Agency, Global EV Outlook 2024: t1p.de/9hbiu
  • 10 J. Clausen, Das Wasserstoffdilemma: Verfügbarkeit, Bedarfe und Mythen, Projekt Wasserstoff als Allheilmittel, 2022
  • 11 Was zu beachten und zu tun ist, doi: 10.1002/nadc.20234136852
  • 12 Sonnen- und Windenergie speichern, doi: 10.1002/nadc.20244143998
  • 13 Chemische Energie richtig speichern, doi: 10.1002/nadc.20254148276
  • 14 Elektrosynthese mit Sonne und Wind, doi: 10.1002/nadc.20254148993
  • 1 L. Subran, H. Krichene, P. Hoffmann, K. Utermöhl, Allianz Climate Economics Report 2026: A year of escalating costs: t1p.de/9ju7tM. Kotz, A. Levermann, L. Wenz, Nature 2024, 628, 551
  • 2 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Die Nationale Wasserstoffstrategie, 10.06.2020: t1p.de/v3a94
  • 3 Bundesrechnungshof, Umsetzung der Wasserstoffstrategie des Bundes, 28.10.2025: t1p.de/chc07
  • 4 Forschungsstelle für Energiewirtschaft, Von der Theorie zur Praxis: Warum grüner Wasserstoff teurer ist als gedacht, FfE-Studie für BMWE, 16.06.2025: t1p.de/e9lgt
  • 5 T. Ehrhardt, G. Rothenberg, Green Chem. 2025, 27, 6690
  • 6 J. Collis, R. Schomäcker, Frontiers in Energy Research 2022, 10, 909298
  • 7 O. Schmidt, A. Gambhir, I. Staffell et al., Int. J. Hydrog. Energy 2017, 42, 30470
  • 8 T. Kroon, M. Tromp, B. van der Zwaan, Energy Policy 2026, 217, 115416
  • 9 International Energy Agency, Global EV Outlook 2024: t1p.de/9hbiu
  • 10 J. Clausen, Das Wasserstoffdilemma: Verfügbarkeit, Bedarfe und Mythen, Projekt Wasserstoff als Allheilmittel, 2022
  • 11 Was zu beachten und zu tun ist, doi: 10.1002/nadc.20234136852
  • 12 Sonnen- und Windenergie speichern, doi: 10.1002/nadc.20244143998
  • 13 Chemische Energie richtig speichern, doi: 10.1002/nadc.20254148276
  • 14 Elektrosynthese mit Sonne und Wind, doi: 10.1002/nadc.20254148993

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