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Autobiografien von Chemikern

„Ich würde mir gerne eine Scheibe abschneiden“

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Die neue Buchserie „Lives in Chemistry“ stellt Chemiker in Autobiografien vor. Ein Ziel der Serie ist es, jüngere Menschen anzusprechen und Vorbilder zu liefern. Ob das funktioniert, diskutierten die Nachrichten aus der Chemie mit jungen Chemikerinnen und Chemikern.

Sie durften sich für die Diskussion eines der Bücher wünschen. Was war Ihre erste Wahl?

Felicitas: Ich hatte mich für Gerhard Ertls „Mein Leben mit der Wissenschaft“ entschieden, weil ich auch in Hannover studiert habe. Und dort hörten wir häufig: Ja, der Nobelpreisträger Ertl war mal hier. Aber viel mehr wusste ich eben nicht.

Philippe: Ich habe mir Günther Maiers „Das war‘s“ ausgesucht, denn ich studiere chemische Biologie und finde die Organik sehr interessant. Und ich muss zugeben: Den Namen Maier konnte ich zuerst nicht einordnen. Erst als ich gegoogelt habe, kam der Aha-Effekt: Der war das also mit dem Tetrahedran.

Maria: Auch bei mir gab das Fachliche den Ausschlag. Ich habe mir Henri Brunners „Bild und Spiegelbild“ ausgesucht wegen seiner anorganischen Chemie. Seine Forschungsgebiete waren zwar andere als meine – ich promoviere in klassischer Festkörperchemie –, aber eine andere Art anorganischer Chemie anzuschauen, hat mich gereizt und mir neue Perspektiven geboten.

Auch Charlotte und Philipp haben sich für Henri Brunners Buch entschieden. „Lives in Chemistry“ – so heißt die Buchreihe. Ist Ihnen beim Lesen aufgefallen, dass diese Leben in der Chemie mit Ihren persönlichen Lives in Chemistry zu tun haben?

Charlotte: Ja und nein. Ich fand, dass der Lebensweg, den Henri Brunner beschreibt, sehr viel glatter gelaufen ist, als ich es bei mir empfinde. Manches hat mich überrascht – wie wenig sich zum Beispiel die Inhalte der Praktika verändert haben. In der Beschreibung seines Studiums habe ich mich wiedergefunden.

Maria: Ich bin jetzt fast am Ende meiner Promotion, und die Kapitel, in denen Henri Brunner beschreibt, wie bei ihm am Anfang nichts funktioniert hat und welchen Frust er gespürt hat, kann ich gut nachvollziehen. Was ich aber überraschend fand: Seinen Lebensweg beschreibt er als sehr glatt. Er hatte Hilfe von Familienmitgliedern und anderen. Das ist aber etwas, worauf man sich im eigenen Leben nicht verlassen kann.

Philippe: Günther Maier berichtet in seinem Buch sehr wenig über seinen persönlichen Werdegang, sondern vor allem über wissenschaftliche Ergebnisse und wie sie zustande kamen. Persönliches beschreibt er nur sehr knapp auf den letzten 60 Seiten des Buches, was ich sehr schade finde. Er hat direkt in der Nachkriegszeit angefangen zu studieren, und was er beschreibt, unterscheidet sich doch sehr vom heutigen Studium. Da hätte ich gerne mehr erfahren. Was ich gut nachvollziehen konnte: Wie ihn sein Professor für die organische Chemie begeistert hat.

Felicitas: Ich habe eine überraschende Parallele zu meinem Studium gefunden. Gerhard Ertl beschreibt sein Studium und seine Liebe zur Chemie als am Anfang recht lauwarm und dass die physikalische Chemie – die ja später sein Fachgebiet wurde – ihm mit Abstand am wenigsten Spaß gemacht hat. Das war für mich tröstlich, weil ich auch eine Weile gebraucht habe, um herauszufinden, welcher Bereich der Chemie mich interessiert. Sein Studium beschreibt Ertl so ganz anders, als ich das heutige Studieren erlebe: Man hat den Eindruck, bei ihm lief das so nebenbei. Er ging zum Beispiel ein paar Monate nach Paris, um dort Vorlesungen zu hören. Ein Traum, wenn man weiß, wie schwierig es heute ist, Auslandssemester vorzubereiten.

Philipp: Mir kommt überhaupt die Chemiewelt viel kleiner vor als heute, so wie Henri Brunner sie beschreibt. Ernst Otto Fischer war sein Doktorvater, Egon Wiberg sein Professor, Christoph Elschenbroich ein Kollege. Ich weiß natürlich nicht, was aus meinen Kollegen später wird oder wie man später über meinen Doktorvater sprechen wird –, aber dass eine ähnliche Fülle an großen Namen neben mir steht, glaube ich nicht.

Die drei Autoren sind nun ja aus einer komplett anderen Generation. Merkt man das den Büchern an?

Maria: Ja, das merkt man schon, etwa bei der Work-Life-Balance. In Henri Brunners Schilderungen kommt doch raus, dass er die meiste Zeit gearbeitet hat und samstags ins Labor konnte. Aber er schildert auch spaßige Erlebnisse auf Konferenzen, sehr unterhaltsame Anekdoten, etwa wie da einmal einer in einen See gefallen ist.

Charlotte: Aus Henri Brunners Erzählungen wird aber auch klar, wie viel Unterstützung er hatte. Seine Frau hat komplett die Erziehung der Kinder übernommen. Und auch für die Gesundheit war seine Frau zuständig. Er hatte Bluthochdruck und wundert sich, dass seine Frau nicht darauf geachtet hatte, dass er seine Medikamente nimmt. Obwohl ein erwachsener Mann doch selbst dafür verantwortlich sein sollte, seine Medikamente zu nehmen.

Felicitas: In Ertls Buch gibt es wenige Erzählungen außerhalb des Fachlichen, sodass er als Mensch schwer fassbar wird. Wenn er etwas über die Forschung hinausgehendes beschreibt, dann geht es meist um Schwierigkeiten in der Hochschulpolitik. Er wird dauernd in irgendwelche Posten gedrängt, auf die er keine Lust hatte, weil er lieber forschen wollte. Echte Schwierigkeiten beschreibt er nicht. Er hat einen sehr schnellen Werdegang hingelegt, seine Frau lernte er als Sekretärin seines Doktorvaters kennen; sie hatten zwei Kinder zusammen. Erst ganz hinten im Buch erwähnt er seine große Leidenschaft: die Musik. Aber auch die nur auf drei Seiten. Er hat sich mit Klavierspielen und einer Band das Studium finanziert und später auch in der Berliner Philharmonie einen Chor auf dem Cembalo begleitet. Am Schluss dieses Kapitels hat er mich mit einem persönlichen Satz überrascht: Zu seinem 78. Geburtstag durfte er die dritte Stimme zu Mozarts Konzert für drei Klaviere und Orchester mit Profis spielen. Er schreibt, er sei aufgeregter gewesen als vor jedem wissenschaftlichen Vortrag. Auch bei einer anderen Beschreibung in seinem Buch hat mich die plötzliche Emotionalität überrascht: Er beschreibt ausführlich, welche Karrieren seine wissenschaftlichen Schüler eingeschlagen haben. Das ist ihm ganz besonders wichtig; mir erscheint es fast, dass er darauf stolzer ist als zum Beispiel auf seinen Nobelpreis.

Philippe: Auch bei Günther Maier geht es kaum um sein Leben abseits der Wissenschaft. Auch er hat seine Frau im Studium kennengelernt, auch sie hat sich um die Kinder gekümmert. Was auffällig ist: Wenn man Maiers Buch liest, bekommt man nicht den Eindruck, dass er übermäßig viel gearbeitet hat. Aber ich vermute, das ist einfach nur so, weil er wie wahrscheinlich alle Professoren von seiner Forschung begeistert ist und ihm sieben Tage die Woche, zehn Stunden pro Tag, gar nicht erwähnenswert vorkommen.

Felicitas: Gerhard Ertl schreibt, dass er sich bewusst ist, wie viel Glück er hatte. Wenn er zum Beispiel mal noch eine besondere spektroskopische Messung brauchte, hat sich entweder sein Doktorvater oder sein Mentor für ihn eingesetzt. Er beschreibt auch mehrfach, wie gut man finanziell in der deutschen Forschungslandschaft dasteht.

Philippe: Das Thema Forschungsgelder fand ich auch interessant. Auch Günther Maier betont, dass er über die DFG gut und schnell an Geld kommen konnte, aber auch über die Industrie. Spannend empfand ich, wie er damals neue Techniken einsetzen konnte, zum Beispiel Matrixtechnik als Folge der Weltraumforschung der 50er- und 60er Jahre.

Charlotte: Fast schockiert hat mich eine Anekdote von Henri Brunner. Sein Doktorvater hatte für ein Patentanmeldungsprojekt finanzielle Unterstützung der BASF bekommen, und zwar so viel, dass er sich davon ein Ferienhaus bauen und einen Kleinwagen finanzieren konnte. Irgendwann verlor die BASF das Interesse und aus dem Projekt wurde nichts. Henri Brunner beschreibt das nicht, um seinen Doktorvater ins schlechte Licht zu rücken, im Gegenteil!

Sind Gerhard Ertl, Günther Maier und Henri Brunner Vorbilder für Sie? Als Wissenschaftler? Oder sogar für die Lebensgestaltung?

Philippe: Schwierig. Also wissenschaftlich nicht unbedingt, diese Forschung ist ja eher ein Nischenthema. Aber inspirierend ist die Begeisterung Günther Maiers, dieses Funkeln, das man spürt, wenn er die Suche nach dem Tetrahedran und die Synthese der verschiedenen Derivate beschreibt. Er weiß, worin die Kompetenz seiner Gruppe lag. Was aber genauso beeindruckend ist: Er beschreibt, wie er vorging, wenn er merkte, dass man nicht vorankam – sich neue Methoden aneignen oder zu Leuten gehen, die etwas besser können. Das ist für mich vorbildhaft und motivierend.

Felicitas: Vorbild vielleicht nicht, aber einen Trost hielt Gerhard Ertls Buch für mich bereit: Selbst die besonders genialen Chemiker haben manchmal eine Weile gebraucht, um ihre Begeisterung zu finden.

Philipp: Henri Brunner ist Vorbild, weil er sich nicht von seinem Weg abbringen ließ. Wenn man sein Buch genau liest – und sich von den vielen Anekdoten nicht blenden lässt –, sieht man doch, dass er durchaus auf Probleme oder Schwierigkeiten stieß. Auch die Uni-Grabenkämpfe, die er beschreibt, sind in der Rückschau sicher unterhaltsamer, als er sie damals empfand. Bei seiner Habilitation durfte er sein Wunschthema nicht verfolgen, und sein zweites Thema, Carbene, hat Rolf Huisgen süffisant mit „hübsch, hübsch“ kommentiert. Erst sein drittes Thema klappte dann. Sein Durchhaltevermögen taugt sicher als Vorbild.

Charlotte: Naja, ich sehe das ein bisschen anders. Henri Brunner hat in drei statt fünf Jahren habilitiert und ist mit 35 Jahren Professor geworden. Durchhaltevermögen trifft‘s also nicht ganz, er selbst betont ja auch immer wieder den Glücksfaktor. Ein Vorbild ist er für mich persönlich nicht. Aber in seiner Liebe zur Chemie wirkt er bescheiden und keineswegs abgehoben – bei allem Selbstvertrauen in seine Kompetenz und dem Stolz auf seine Leistung. Ich glaube, das trifft auf alle drei Autoren zu, denen man wirklich mit Respekt begegnen kann. Ich würde mir da gerne eine Scheibe abschneiden.

Wem würden Sie die Bücher in die Hand drücken?

Maria: Also auf jeden Fall ein paar von meinen Kollegen. Und ein paar von meinen Freunden außerhalb der Chemie würde ich Henri Brunners Buch auch geben. Es wäre interessant, wie das Buch auf sie wirkt, auch wenn sie den Chemieteil nicht verstehen werden.

Philippe: Günther Maiers Buch eignet sich eigentlich nur für Leute, die sich in der Organik auskennen. Auf 250 von den 300 Seiten geht es um seine Chemie. Man muss sehr viel wissen, um ihm folgen zu können.

Felicitas: Kann ich das Ertl-Buch meinen Eltern geben? Eher nicht. Der Hauptteil des Buches ist viel zu chemisch; selbst ich musste mich ganz schön strecken, um dabeizubleiben. Aber zum Beispiel das Kapitel, in dem er diskutiert, wie abgeschlossen die Chemie ist, also welche Fragen schon geklärt sind und welche nicht, das wäre auch was für Nichtchemiker.

INFO: Buchclub

Über die ersten drei Bänder der Reihe „Lives in Chemistry“ sprachen die Nachrichten aus der Chemie mit den Jungchemiker:innen Maria, Charlotte, Felicitas, Philipp und Philippe (einer mit, einer ohne „e“) – alle fünf Doktorand:innen oder Masterstudierende der Chemie. Bevor wir ihnen die Biografien schickten, standen bei ihnen übrigens Bücher wie Frank Schätzings „Die Tyrannei des Schmetterlings“, „The Immortal Life of Henrietta Lacks“, „Der Mauersegler“ von Jasmin Schreiber sowie „Unsere Welt neu denken“ von Maja Göpel auf der Leseliste.

INFO: Die Reihe „Lebenswerke in der Chemie“

Wie entsteht ein wissenschaftliches Lebenswerk? Dieser Frage geht die autobiografische Reihe „Lives in Chemistry – Lebenswerke in der Chemie“ nach. Erfolgreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sollen darin beschreiben – authentisch und persönlich –, wie Neues in den Naturwissenschaften entsteht.

Die Serie startete im September mit drei Bänden, weitere sind in Vorbereitung. Initiator und Förderer des Projekts ist der Chemiker Karl Reuter, Chef des Freiburger Chemieunternehmens RCA. Ein mit Wissenschaftlern und Verlagsexperten besetzter Beirat – als Gremium der GDCh-Fachgruppe Geschichte der Chemie – entwickelt die Reihe weiter. www.l-i-c.org

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