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Blasen, biegen, verbinden

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Kein Labor ohne Glasgeräte und keine Universität ohne Glasbläser. In den meisten Köpfen ist das ein reiner Männerberuf. Diesen üben inzwischen aber auch immer mehr Frauen aus – an der Universität Gießen etwa Anja Beneckenstein.

Ein großer, heller Raum verbirgt sich hinter den beiden Stahltüren mit der Aufschrift „Glasbläserei“. Im Eingangsbereich stehen links und rechts große Maschinen, eine weitere etwa in der Mitte der Werkstatt, viele an den Wänden. Dem Eingang gegenüber ist eine Fensterfront. Über den beiden Werkbänken, die im 90°-Winkel zum Fenster ausgerichtet sind, ranken Grünpflanzen. Die Utensilien auf der Werkbank erinnern an die Pinselbehältnisse von Künstlern. Im Hintergrund läuft leise ein Radio.

Dass Anja Beneckenstein einmal einen solchen Wirkort haben würde, hatte sie nach Abschluss ihrer dreijährigen Ausbildung zur Glasapparatebauerin nicht gedacht. Zunächst nahm sie einen Job in der Industrie an. Und da sie sich während der Ausbildung für das Fach Chemie begeistert hatte, machte sie in der Abendschule ihr Abitur nach, um anschließend Chemie studieren zu können. „Eine Chemikerin, die sich ihre eigenen Apparate herstellen kann – das fand ich toll“, schildert sie. „Dass ich nach was anderem suchte, lag aber auch daran, dass ich bei meiner Arbeit hauptsächlich Hähne an Büretten gebaut habe. Das war wahnsinnig eintönig.“

Doch das Chemiestudium war nicht das Richtige für sie. So unterhielt sie sich gegen Ende des ersten Semesters mit Hans-Jürgen Wolf, dem damaligen Glasbläser der Uni Gießen. Sie erzählte ihm, dass sie sich exmatrikulieren lassen würde. „Und dann sagte er: ‚Du, bei uns in der Glasbläserei ist eine Stelle frei. Bewirb dich doch.‘“ Das tat sie. Und zum nächsten Monatsersten war sie Angestellte der Universität Gießen.

Das ist inzwischen 15 Jahre her. Nach der mittleren Reife wünschte Anja Beneckenstein sich eine Arbeit, die Handwerk und Kreativität verbindet. Bei einem Berufsinformationstag verliert sie ihr Herz: „Das erste, was ich gesehen habe, war ein Glasbläser, der eine Kugel hergestellt hat. Danach hat mich nichts anderes mehr interessiert.“

Ihre Ausbildung absolvierte sie an der Glasfachschule im mittelhessischen Hadamar, 15 km von ihrem Elternhaus entfernt. Damit hatte sie Glück, denn es gibt insgesamt nur eine Handvoll Glasfachschulen in Deutschland. Die liegen in den traditionellen Zentren der deutschen Glasindustrie: die meisten in Thüringen, eine in Bayern.

Anders als bei einer Ausbildung in einem Betrieb gibt es in Glasfachschulen zwar auch Blockunterricht, Anja Beneckenstein hatte aber jeden Tag Theorie und Praxis. Zu den praktischen Aspekten wie Glasbearbeitung kommen normale Schulfächer wie Physik, Chemie und technisches Zeichen. Im praktischen Unterricht können sich die Lernenden nicht nur ausprobieren, sondern auch einiges bei ihren Lehrern abschauen. „Man klaut mit den Augen‘, hat mein Meister immer gesagt“, erinnert sich Beneckenstein.

Die Ausbildung endet mit einer einwöchigen Prüfungsphase. In dieser Zeit müssen die Prüflinge ein Gesellenstück anfertigen, das die Meister zuvor genehmigen müssen: Ist es anspruchsvoll genug? Ist genügend Zeit, dürfen die Prüflinge ihr Werk auch mehrmals bauen und das Beste zur Benotung abgeben.

„Im Rückblick merke ich, dass man nach der Ausbildung eigentlich gar nichts kann. Man braucht viele Jahre Erfahrung, bis sich eine Art Routine einstellt.“ Dass das so sei, hatte bereits Beneckensteins Meister in der Ausbildung prophezeit: „Er hat immer gesagt: ‚Das Glas beherrscht zehn Jahre dich, bevor du es beherrschst.‘ Und er hatte recht.“

Arbeit an der Universität

„Die Arbeit an der Universität ist ein absoluter Traum für jeden Glasbläser. Es ist wahnsinnig abwechslungsreich, da wir viele Einzelstücke anfertigen“, erzählt Beneckenstein. „Natürlich gibt es auch Routineaufgaben, vor allem Reparaturen. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand mit einem Sonderwunsch auf mich zukommt – etwa Geldscheine als Geschenk in eine Glaskugel einzuschmelzen.“ Und solche Wünsche setzt sie gerne um. „Ich werde ganz wuselig, wenn ich mehrere gleiche Teile nacheinander fertigen muss. Irgendwo muss ich meine Kreativität rauslassen.“ Häufig seien die kompliziert aussehenden Stücke viel einfacher zu fertigen als die scheinbar einfachen, sagt Beneckenstein: „Glas ineinander zu verschachteln ist fast kein Problem. Aber einen Glastrichter so zu bearbeiten, dass seine konische Form erhalten bleibt, ist schwierig.“

Ein Apparat, den Anja Beneckenstein immer wieder und trotzdem gerne fertigt, ist der Fünf-Kugel-Apparat nach Justus von Liebig. Er ist Bestandteil einer Vorrichtung zur Elementaranalyse organischer Stoffe. Dabei fängt und bindet er das Kohlendioxid, das bei der Verbrennung der zu untersuchenden Probe entsteht. „Hier ist alles dabei: Blasen, zusammenfügen, biegen – also fast alles, was man mit Glas machen kann.“ Dafür setzt Anja Beneckenstein erst einmal ihre Schutzbrille auf. Die hat getönte Gläser, damit sie in der hellen Flamme etwas sehen kann und außerdem ihre Augen nicht schädigt. Mit dem rechten Fuß bedient sie ein Pedal, das Erdgas und Sauerstoff zum Brenner strömen lässt. Ein kleiner Dreh am Brenner selbst – und schon ist die Flamme so, wie die Glasbläserin sie zum Arbeiten braucht (Fotos).

Links: Anja Beneckensteins Werktisch in der Uni Gießen. Sie ist für alle Eventualitäten gewappnet. Rechts: Die Herstellung der meisten Apparaturen beginnt mit einem 1,5 Meter langen Borosilikatglasrohr – und der richtigen Flamme.

Für die Apparate verwendet sie das chemikalien- und hitzebeständige Borosilikatglas, das es in vorgefertigten 1,5 Meter langen Röhren in unterschiedlichen Dicken und Stärken gibt. Die Verarbeitungstemperatur liegt bei über 1200 °C. Da Glas ein schlechter Wärmeleiter ist, kann Beneckenstein es dicht an der Flamme anfassen, ohne sich zu verbrennen.

Links: Anja Beneckenstein erhitzt in der Flamme den Teil des Glasrohrs, den sie gleich biegen will. Mitte: Nach dem Biegen pustet die Glasbläserin in das Glasrohr, damit das Glas an der gebogenen Stelle nicht zusammenschmilzt. Dazu ist das Rohr mit einem Stück Knete verschlossen, und ihr Atem konzentriert sich kurz davor. Rechts: fertiger Fünf-Kugel-Apparat nach Justus von Liebig. Er ist Bestandteil einer Vorrichtung zur Elementaranalyse organischer Stoffe.

Damit beim Zusammensetzen einer Apparatur alles gut ineinander passt, werden gekaufte und genormte Schliffe an die Apparaturen geschmolzen. Die sind maschinell hergestellt – sie selbst herzustellen ist zwar möglich, wäre aber zu aufwendig und würde zu lange dauern.

Vorne: Sollen zwei Glasteile miteinander verbunden werden, ist oft ein konischer Übergang nötig. Dazu bläst Beneckenstein so lange in ein Rohr, bis eine hauchdünne Glaskugel entsteht, die sie abschlagen kann. Im Hintergrund: Hans-Jürgen Wolf, der zweite Glasbläser der Uni Gießen.

Den Umgang mit harten Gläsern wie Quarzglas hat sie in der Ausbildung zwar nicht gelernt, weiß aber dennoch damit umzugehen. „Es kommt selten vor, dass wir daraus etwas fertigen“, erzählt Beneckenstein. „Die Verarbeitung ist ganz anders als beim normalen Laborglas (Kasten). Aber für solche Arbeiten gibt es spezialisierte Firmen.“

INFO: Warum Apparate aus Quarzglas so teuer sind

Aus Quarzglas (auch Kieselglas genannt) fertigen die Glasbläser in Gießen nur selten Apparaturen. Dafür müssen sie die üblichen Erdgasbrenner auf Wasserstoffbrenner umstecken, denn Quarz benötigt 1600 °C, um zu schmelzen. Es lässt sich nur direkt in der Flamme und mit Blaseschlauch verarbeiten, außerhalb der Flamme ist es zu kalt, um formbar zu sein.

Quarzglas erkennt der Glasbläser oft schon auf den ersten Blick: Hält man die Schnittstelle eines Quarzglasrohrs gegen das Licht, wirkt es klar und farblos. Dagegen schimmert das normale Laborglas etwas ins gelb-grünliche, denn Borosilikatglas enthält im Gegensatz zu Quarzglas bestimmte Zusätze.

Wird Quarzglas verarbeitet, trägt der Glasbläser idealerweise (Baumwoll-)Handschuhe, denn Fingerabdrücke brennen sich in das Glas ein. Außerdem sind noch dunklere Brillengläser als ohnehin nötig, da das Licht bei der Verarbeitung heller ist. Und auch an den Abzug gibt es Anforderungen: Er muss stärker saugen als ein gewöhnlicher, da nitrose Gase entstehen. Das Graphitwerkzeug, das in der Wasserstoffflamme benutzt wird, nutzt sich durch die hohen Temperaturen stark ab.

Titel und Namen

Im Jahr 2018 hat die Uni Gießen Anja Beneckenstein ermöglicht, ihren Meister zu machen. Die Fortbildung läuft in Vollzeit, dauert neun Monate und besteht aus vier Teilen. Die Meisterprüfung zu Fachpraxis, Fachtheorie, Betriebswirtschaft und Pädagogik wird vor der Handwerkskammer abgelegt. Für das Meisterstück haben die Anwärter wie für das Gesellenstück eine Woche Zeit. Anja Beneckenstein hat eine Glockenbodenkolonne angefertigt. „Das waren viele Ineinander-Schmelzungen. Besonders wichtig ist sauberes Arbeiten: Sind die Ansätze schön? Ist das Glas überall dick genug?“

Der Ausdruck Glasbläser führt manchmal zu Verwirrung. „Glasbläser“ ist der Oberbegriff für alle Berufe, die mit Glasblasen zu tun haben, also auch Neonröhrenbläser, Kunstglasbläser, Thermometermacher oder eben Glasapparatebauer. „Das, was die Menschen meist Glasbläser nennen, sind die Glasmacher“, erklärt Beneckenstein. „Die blasen mit der Pfeife flüssiges Glas aus dem Hochofen zu großen Gefäßen.“ Für diese Arbeit ist ein großes Lungenvolumen nötig, ein Gegensatz zum Glasapparatebau. „Bei uns braucht es eher einen konstanten, aber nicht zu starken Atemstrom.“ Der sorgt beispielsweise dafür, dass dünne Rohre nicht zusammenfallen, oder erzeugt kleine Kugeln, etwa für einen Kühler.

Traditionen

Das Bild des männlichen Eigenbrötlers in seiner abgelegenen Werkstatt ist überholt. „Inzwischen üben deutlich mehr Frauen den Beruf aus. In meiner Klasse waren wir damals ungefähr halbe-halbe“, erzählt Beneckenstein, während der Brenner im Hintergrund gleichmäßig und beruhigend rauscht. „Früher war Glasapparatebau ein reiner Männerberuf. Da hieß es immer, die Glasgeräte wären zu schwer. Aber inzwischen ist es so: Was man nicht halten kann, wird in eine Glasdrehbank eingespannt.“ Ein weiterer Aspekt: „Frauen waren früher vor allem für das Künstlerische am Glas zuständig, also Verzieren von Weihnachtskugeln. Dieses Klischee bedient zum Beispiel auch der deutsche Spielfilm „Die Glasbläserin“ von 2016. Inzwischen sieht das zum Glück anders aus.“

Eine Tradition wird aber Beneckensteins Meinung nach bleiben: „Auch wenn man meinen könnte, unser Beruf würde aussterben: Den wird es weiterhin geben. Einer Maschine beizubringen, welche Temperatur, welche Drehgeschwindigkeit, welcher Druck beim Blasen nötig ist, wäre viel zu aufwendig und zu teuer.“ Denn Glas sei wie wir Menschen: Ein empfindliches Material und jeden Tag etwas anders aufgelegt. Es zu bearbeiten, erfordert einiges an Fingerspitzengefühl – und eine Menge Erfahrung.

Nachrichten-Redakteurin Eliza Leusmann war überrascht, wie viele Geräte die Glasbläserwerkstatt der Gießener Universität für Glasgeräte verschiedener Größe bereithält.

Bildung + GesellschaftSchlaglicht: Glas

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